Hygieneregeln im Kulturbetrieb - So spielen Theater und Konzerthäuser unter Corona-Bedingungen

Zuschauer mit coronabedingtem Abstand im Zuschauerraum aufgenommen am 29.09.2020 in der Komischen Oper in Berlin Mitt (Bild: dpa/Xamax)
Audio: Inforadio | 26.08.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/xamax

In den Berliner Theatern und Konzerthäusern beginnt die neue Spielzeit. Das Publikum wird mal mit Maske dicht beieinander, mal ohne Maske im Schachbrett sitzen. Dies ermöglicht ein Hygienekonzept der Senatsverwaltung für Kultur. Von Hans Ackermann

Mit einer Ouvertüre von Carl Maria von Weber eröffnet das Konzerthaus am Donnerstag seine Spielzeit. Der Saal wird dabei nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt sein. Dieses "luftige Schachbrett" sei die Folge von Umfragen bei Abonnenten und Publikum, erzählt Intendant Sebastian Nordmann. "Wir haben gefragt, wie würdet ihr gern im Konzerthaus sitzen? Dabei kam heraus: mit Abstand, aber lieber ohne Maske." Er wolle in seinem Haus vor allem das Vertrauen des Publikums in einen sicheren Konzertbesuch zurückgewinnen. "Das geht meines Erachtens im Konzerthaus im Moment besser mit einem 'Schachbrett' als mit Vollauslastung."

Voll ausgelastet wird dagegen in der Berliner Philharmonie der Kammermusiksaal, wo während des gesamten Konzerts deshalb aber auch eine FFP2-Maske getragen werden muss. Den großen Saal mit seinen 2.400 Plätzen könnte man im Prinzip ebenfalls vollständig auslasten, doch das Hygienerahmenkonzept des Senats legt die Obergrenze bei 2.000 Plätzen fest. Deshalb wird die Eröffnung am Freitag nur mit knapp 90-prozentiger Auslastung stattfinden.

Den größten Schritt bei den Konzerthäusern wagt im Moment der Pierre-Boulez-Saal. "Wir haben uns entschieden, mit voller Kapazität zu arbeiten und alle Plätze anzubieten, angekommen am Platz darf man dann ohne Maske die Musik genießen." Intendant Ole Baekhoj hat 2020 als einer der ersten Berliner Intendanten in seinem Haus die FFP2-Maske zur Pflicht erklärt und den Konzertbesuchern diesen Schutz auch kostenlos zur Verfügung gestellt. Mit einer solchen Maske müsse man sich auch weiterhin im Haus bewegen und dabei gelten natürlich unverändert die "3G-Regeln" - getestet, geimpft oder genesen.

Obwohl man im geräumig-luftigen Pierre-Boulez-Saal auch bei Vollauslastung noch vergleichsweise viel Abstand zum Nachbarplatz und zur nächsten Reihe hat, kann Ole Baekhoj noch nicht genau einschätzen, wie die Konzertbesucher auf die neue "Freiheit" reagieren werden. "Mir tut es leid, dass es für das Publikum immer komplizierter wird. Man muss sich wirklich gut orientieren, bevor man ein Ticket kauft und genau gucken, welche Hygienekonzepte es gibt." Man habe sich in seinem Haus für den Fall der Fälle aber zu einer publikumsfreundlichen "Kartenrückgabepolitik" entschlossen, erzählt der Intendant, der für Sicherheitsbedenken volles Verständnis hat - und bei einem Besuch seiner dänischen Heimat unlängst selbst irritiert war, seine Landsleute in den öffentlichen Verkehrsmitteln sämtlich ohne Maske anzutreffen.

Denkbar wäre in den Berliner Konzerthäusern eine Skepsis, wie sie etwa das Publikum der Komischen Oper formuliert hat. Dort werde weiterhin "bis Ende September" nur mit halber Auslastung des knapp 1200 Plätze fassenden Saals gespielt - nachdem sich das "Stammpublikum" in einer Umfrage im Sommer "mehrheitlich" für eine Sitzordnung im "Schachbrett" ohne Maske entschieden habe.

Dieselbe Regelung wird einstweilen auch bei der Spielzeit-Eröffnung der Staatsoper unter den Linden gelten. Dort wird man am Samstag mit einem Meter Abstand und ohne Maske am Platz sitzen - wobei die Staatsoper ihren Besuchern empfiehlt, auch am Platz eine Maske zu tragen. Ab dem 18. September werde man dann im großen Saal "wieder eine volle Belegung des Saalplans anbieten", heißt es aus dem Haus am Bebelplatz, auch hierfür gelte aber weiterhin die "Maskenempfehlung".

Die Deutsche Oper spielt schon mit voller Auslastung - allerdings nur Open Air auf dem Parkdeck, denn der große Saal wird noch bis Ende September saniert.

Schon am 13. August hat das Berliner Ensemble die Spielzeit eröffnet, mit einer neuen Inszenierung der "Dreigroschenoper". Der Andrang sei nun derart groß, erzählt Intendant Oliver Reese, dass man auch deshalb die zuletzt geltende 75-Prozent-Regel erweitert habe: "Bei uns im Berliner Ensemble haben wir uns entschlossen, dass ab Anfang September wieder ein voller Saal möglich ist. Allerdings haben wir deswegen auch die Maskenpflicht am Platz wieder eingeführt."

Anders als im Boulez-Saal, aber genauso wie in der Philharmonie, wird das Publikum die Vorstellungen im Berliner Ensemble bis auf weiteres also ohne Abstand, aber mit Maske am Platz erleben. Dabei, betont auch Oliver Reese, würde natürlich auch in seinem Haus alles getan, um die Regelungen der Corona-Verordnungen einzuhalten. "Das Ganze geht nur unter der Voraussetzung, dass es die '3G' gibt. Das ist die Voraussetzung, um überhaupt ins Theater zu kommen."

Den gleichen Weg geht die Schaubühne und spielt vor vollem Haus mit Maskenpflicht am Platz. Im Deutschen Theater dagegen werde man noch "bis Ende September" mit halber Auslastung spielen, im Schachbrett und ohne Maske am Platz. Einen Vorstoß zur "Vollauslastung ohne Maske" wie im Pierre-Boulez-Saal, hält Oliver Reese dabei auch in seinem Haus für möglich "Wir alle könnten 100 Prozent ohne Maske-am-Platz spielen - wenn wir die entsprechende Belüftung haben!"

Die leistungsfähige maschinelle Lüftungsanlage - die alle großen Häuser haben - und die Zahl von maximal 2.000 Teilnehmern, diese beiden Konstanten stammen aus dem Hygienerahmenkonzept der Senatsverwaltung für Kultur. Das knapp 20 Seiten umfassende Regelwerk überträgt die übergeordnete Infektionsschutz-Maßnahmenverordung in den Kulturbereich. Auf der Grundlage dieser beiden Verordnungen entwickeln die Intendanten der jeweiligen Häuser dann ihre eigenen Hygienekonzepte. Das Publikum kann die individuellen Konzepte auf den Internetseiten der Häuser finden und sich dort vor dem Theater- oder Konzertbesuch über Sitzordnungen und Maskenpflichten, Kontaktverfolgung und weitere Zugangsregeln detailliert informieren.

Im gutem Austausch mit der Kulturverwaltung, erzählen die Intendanten übereinstimmend, würde man über die eigenen Hygienekonzepte bei regelmäßigen Schalten diskutieren. Von dieser Kommunikation ausgehend habe sich in der Pandemie zwischen den Häusern ein neue Solidarität entwickelt, wie Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann feststellt: "Wir haben auch kleinere Runden, da kommen zum Beispiel die Intendanten der Opern und Sinfonieorchester zusammen. Da hat man sich immer wieder gemeinsam abgestimmt - kein "Haifischbecken"-Gefühl, sondern ein gemeinsames Ziehen an einem Strang. Damit die Kultur in diesen schwierigen Zeiten eben nicht untergeht, sondern möglichst sichtbar bleibt. Und das hat die Kulturverwaltung um Klaus Lederer wirklich sehr gut hinbekommen."

Einsame Entscheidungen

Die Berliner Kulturverwaltung setzt auf die Eigenverantwortung der Intendanten, die ihre Konzepte an die räumlichen und technischen Gegebenheiten, aber auch an das Publikum des jeweiliges Hauses anpassen müssen. In Gesprächen mit dem Publikum bekomme man in der Regel "zehn verschiedene Meinungen" zu hören, daraus müsse dann am Ende eine manchmal einsame Entscheidung getroffen werden.

Für Oliver Reese am Berliner Ensemble gehört aber genau das zu den Aufgaben eines Intendanten. „Nach anderthalb Jahren mit den starken Schließungen und diesem vorsichtigen Beginn im Juni, mit nur 50 Prozent Auslastung und FFP2-Maske am Platz, versucht jetzt jeder, das Ganze langsam anzugehen. Aber die Verordnung, die Berlin hat - und da gehen wir in Berlin über die Einschränkungen in anderen Bundesländern weit hinaus - ist ganz klar: 100 Prozent ohne Maske am Platz".

Sendung: Inforadio, 25.08.21, 15:55 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich glaube nicht, zumindest kenne ich einige Veranstalter/Gastronomen, die Ungeimpfte genau deshalb nicht ausschliessen möchten.

  2. 2.

    Ich bin dafür, dass das Impfzertifikat die „Eintrittskarte“ für Veranstaltungen wird, dann sind alle auf der sicheren Seite, man kommt auch wieder gerne und entspannt und der Rubel wird wieder rollen.

  3. 1.

    Ich bin dafür, dass Veranstalter das Recht bekommen, nur Genesene und vollständig Geimpfte für ihre Veranstaltungen zuzulassen.
    Dann wäre eine Vollauslastung der Theater und Konzerthallen möglich. Außerdem könnte dann auch die für die Atmosphäre oft tödliche Maskenpflicht entfallen.

    Gerade private Veranstalter können sich es auf Dauer zudem wirtschaftlich nicht leisten, ihre Spielstätte nur zu 50% auszulasten. Den großen subventionierten Häusern mag die fortdauernde Limitierung egal sein. Kultur in Berlin besteht aber nicht ausschließlich aus DT oder BE ...

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