Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie - "Auf einmal kehrt man zurück in eine frühere Museumswelt"

Besucher gehen zu den Tagen der offenen Tür im Juni 2021 durch die Neue Nationalgalerie. (Bild: dpa/Sommer)
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Nach jahrelanger Schließung und Sanierung öffnet die Neue Nationalgalerie in Berlin wieder. Den Auftakt machen drei Ausstellungen, welche das Publikum ab Sonntag bestaunen kann. Maria Ossowski durfte bereits einen Blick hinein werfen.

Welch ein grandioser Anblick sich schon oben in der gläsernen Halle bietet! Von hohen Fenstern umgeben präsentiert das Haus die monumentalen Skulpturen von Alexander Calder, die Stabiles und Mobiles. Calder und Mies van der Rohe waren Zeitgenossen, kannten sich nicht, schätzten sich aber. Im Zentrum steht Calders vier Meter hohe Stahlskuptur "Fünf Schwerter" in Knallorange. Kunst und Architektur ergänzen sich hier perfekt.

Im Untergeschoss gibt es dann ein Wiedersehen mit 250 der berühmtesten Werke der klassischen Moderne. Man begibt sich auf eine Zeitreise, wie es der Leiter der Neuen Nationalgalerie, Joachim Jäger, beschreibt. "Durch diese frischen Materialien und auch durch die Stoffe, die hier jetzt wirken, fühlt sich das Haus an, wie in den 1960er Jahren. Es gibt die Barcelona-Chairs und unten die tollen Holzarbeiten. Auf einmal kehrt man zurück in eine frühere Museumswelt."

Die Neue Nationalgalerie in Berlin erstrahlt zur Wiedereröffnung in neuem Glanz

"Eine Moderne, die man so nicht kennt"

Am Eingang hängt ein zwei Mal zwei Meter großes Ölgemälde eines bislang eher unbekannten Malers, geboren in Münster, gestorben 1962 in Berlin. Sein Geld hat er meist als Buchhändler verdient. Sascha Wiederhold hat dieses Bild 1928 gemalt, "Bogenschützen zielen auf alles Lebendige".

Auch für Museumsleiter Joachim Jäger war der Künstler bis vor Kurzem kaum bekannt. Dennoch ist er sehr angetan von dem großformatigen Bild im Foyer, wie er sagt. Es stehe für eine Moderne, die man so nicht kenne. Es sei abstrakt, aber gehöre nicht zur Bauhaus-Schule. "Dabei hat es auch figurative Elemente, aber ist nicht poltisch. Das Werk steht im Prinzip zwischen den Bewegungen, strahlt eine große Energie aus, ist dem Theater nahe. Der Künstler hat auch viel fürs Theater gearbeitet. Das ist so eine Position, die man in der neuen Dauerausstellung entdecken kann."

Ehrenplatz für "Abend über Potsdam"

Auf der anderen Seite des Eingangs erstaunt ebenso Lotte Lasersteins Ölgemälde "Abend über Potsdam" von 1930. Junge Menschen an einem Tisch, unten liegt ein Schäferhund, alle scheinen ernst und doch entspannt. Viel zu lange war diese großartige Künstlerin quasi unsichtbar. Hier erhält sie einen Ehrenplatz.

In den großen, hellen Räumen mit dem grauen Teppichboden kniet dann Lehmbrucks "Gestürzter", eine ergreifende Bronze, an den Wänden hängen Pechsteins "Seeufer", Munchs "Harry Graf Kessler", Kandinskys "Reiterskizze", Otto Dix’ "Mondweib", Kirchners "Potsdamer Platz", Christian Schads "Sonja", Beckmanns "Geburt" und "Tod": Sie alle stehen für Aufbruch und Erschütterung der Moderne.

Zwei Häuser in Funktion vereint - in Architektur getrennt

Und immer wieder Unbekanntes, neu zu Entdeckendes: Wer waren die weiblichen Modelle der Brücke-Künstler? Wer war Christian Schads "Sonja"? In 13 Themenräumen mit erfrischend unakademischen Texten strahlt eine der ganz großen Epochen der Kunstgeschichte endlich wieder. Mit Blick auf diese einzigartigen Exponate stellt sich allerdings die Frage: Was erwartet uns im Museum des 20. Jahrhunderts, das nebenan entsteht?

Für Joachim Jäger haben beide Häuser dieselbe Funktion, sie sollen für Kunst des 20. Jahrhunderts stehen. Allein durch die Architektur würden sich aber verschiedene Haltungen ergeben. "Wie ich schon sagte, wirken hier im Sammlungsgeschoss klassische Malerei und Skulptur besonders gut – übrigens auch die Farbfeldmalerei der Amerikaner, die Dieter Honisch gesammelt hat." Die Neue Nationalgalerie sei der Ort, an dem man so etwas besonders gut zeigen kann, sagt Jäger.

Der Neubau im großen Museum des 20. Jahrhunderts zeige dagegen eher die offenen Kunstwerke. "Der erweiterte Kunstbegriff nach Beuys, die Performances von Bruce Nauman, Videoarbeiten, Installationen, also auch sehr viel performativere Werke werden dort ihren Ort haben, weil das etwas ist, das im Mies-Bau nicht mehr so richtig abzubilden ist."

Sendung: Inforadio, 19.08.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

1 Kommentar

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  1. 1.

    Also ich freue mich sehr. Bin schon sehr gespannt.

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