"Oedipus" am Deutschen Theater - Eine Theaterstimmung wie vor 2.000 Jahren

Gleich vier Berliner Bühnen haben "Ödipus" als Schauspiel oder Oper auf dem Spielplan - am DT gab es eine Version von Ulrich Rasche. (Bild: imago/Müller)
Audio: Inforadio | 29.08.2021 | Ute Büsing | Bild: www.imago-images.de

Gleich vier Berliner Bühnen haben "Ödipus" zum Saisonauftakt auf dem Spielplan. Das Deutsche Theater hatte am Samstag die Version von Ulrich Rasche Premiere. Für Ute Büsing eine Verdichtung der Stilmittel zu antiker Wucht.

Wenn es der Wahrheitsfindung dient, dann darf ein Aufklärungs-Ritual auch schon mal drei Stunden dauern. So ist es bei Ulrich Rasche und seinem sehr texttreuen "Oedipus" nach Sophokles – in der Hölderlin-Übersetzung, eingerichtet von Jürgen Gosch und Jürgen Wiens. Jede Silbe in der Tragödie um unwissentlichen Vater-Mord und Mutter-Begattung, um Herkunft und Zukunft, Schicksal und Selbstbestimmung, wird sauber gesprochen und durch genau choreografierte Schritte auf der Drehbühne getaktet.

Leuchtende Lichtringe schweben über den schwarz gekleideten Akteuren, vervielfachen sich und erdrücken Oedipus förmlich, wenn er seine "Schuld" erkennt. Punktgenau schwillt dazu live vor allem von Perkussionisten und Streichern getragene neue Musik an (Komposition: Nico van Wersch).

Verdichtung der Stilmittel zu antiker Wucht

Das fast maschinelle rhythmisierte Verfahren aus klaren Sprechstimmen, Lichtstimmungen und musikalischer Untermalung ist zum Markenzeichen des Regisseurs (und hier wieder auch: Bühnenbildners) geworden. Zuletzt zeigte er am DT Sarah Kanes "4.48 Psychose" in ähnlicher Manier.

Bei "Oedipus" verdichten sich die Stilmittel jetzt stellenweise zu antiker Wucht, obwohl Rasche auf gigantische Bühnenapparate wie bei seinen "Räubern" oder "Woyzeck" verzichtet. Das Drama des Alleinherrschers nimmt von Anfang an Fahrt auf. Oedipus hat dem Volk von Theben immer nur Gutes getan und soll es jetzt als Retter in der Not von Pest und großer Krise befreien. Er ahnt aber nicht, dass er der Vatermörder ist nach dem er von Kreon und mithilfe des Orakels fahnden lässt.

Vordringen zum Wesenskern des Dramas

Verstrickung und Verdammnis des mächtigen Mannes lassen durchaus Parallelen zu Aufstieg und Fall heutiger Herrscher erkennen. Manuel Harder stattet Oedipus erst mit pathetischer Kraft und im Verlauf immer mehr auch mit prophetischer Dünnhäutigkeit aus, bis er am Ende ganz nackt dasteht. Trotz aller Gegenbewegung wird dieses Individuum vom Fluch der Götter getroffen. Geblendet geht Oedipus in die Verdammnis. Obwohl Rasche und sein Ensemble keine platten Aktualitätsmarker setzen – etwa Pest gleich Pandemie - dringen sie doch zu einem Wesenskern des Dramas durch, der uns Heutige berührt.

Sicher, das könnte mitunter eine Spur weniger dick aufgetragen sein, aber die soghafte Wirkung dieses Überwältigungstheaters funktioniert. Aus dem uniformen minimalistischen Setting schälen sich die Jokaste der Almut Zilcher als abgeklärte wissende Frau, die schon alles gesehen hat, heraus und der blinde Seher Teiresias, von Kathleen Morgeneyer mit beschwörender Magie angelegt.

Stark sind auch die chorischen Szenen des Volkes von Theben. Starke Chöre waren es, mit denen Ulrich Rasche zu Beginn seiner Karriere auf sich aufmerksam gemacht hatte. Bei seinem "Oedipus" stellt das insgesamt glänzende Ensemble in einem kongenialen Setting jetzt eine konzentrierte Atmosphäre her wie vor 2.000 Jahren, als alles anfing mit der demokratischen Kunstform Theater.

Sendung: Inforadio, 29.08.2021, 08:10 Uhr

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