Konzertkritik | Rainald Grebe im Tipi am Kanzleramt - Jenseits von Brandenburg

Archivbild: Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung bei einem Live-Auftritt in Würzburg. (Quelle: dpa/D. Vollmond)
Audio: Inforadio | 31.08.2021 | H. Schröder | Bild: dpa/D. Vollmond

Rainald Grebe hat sich mit seinem Song "Brandenburg" für immer in die Herzen seiner Fans gespielt. Aber der Musiker ist viel mehr als dieser eine Song: Am Montag war er mit neuer Band und neuem Album im Tipi am Kanzleramt. Von Hendrik Schröder

Das Konzert fängt mit einer halben Stunde Verspätung an: Grebes neue Band, Fortuna Ehrenfeld, hatte einen Unfall auf der Avus und musste lange auf die Polizei warten. Und so machen Rainald Grebe und Band ihren Soundcheck vor Publikum, während selbiges noch was zu essen bestellt. Dadurch bekommt der Abend sofort so eine familiäre Atmosphäre.

"Reicht doch, lass uns anfangen", sagt Grebe schließlich. Die dreiköpfige Band zieht sich karierte Pyjamas an, Grebe bleibt in ausgebeulter Jogginghose und Hemd - und los geht's. "Popmusik" heißt das aktuelle Album von Rainald Grebe, eingespielt mit eben Fortuna Ehrenfeld, der Band aus Köln, bestehend aus Bassist/Gitarrist Martin Bechler, Keyboarderin Jenny Thiele und Drummer Jannis Knüpfer. Und die Band tut Sänger Grebe richtig gut.

Rainald Grebe im Berliner Tipi
Rainald Grebe im Berliner Tipi | Bild: IMAGO / BRIGANI-ART

Veganer Hass

Was die für einen Quatsch machen auf der Bühne in ihren Schlafanzügen! Sie tanzen wild, wälzen sich mit Gitarre auf dem Bauch auf dem Boden, besprühen sich gegenseitig mit einem Wasserzerstäuber. Grebe steht dabei in der Mitte - wie immer verschmitzt desillusioniert, lustig, bissig, kokett trottelig und so klug dabei.

Das neue Album ist musikalisch ganz anders als das gute Dutzend vorheriger Alben - krachiger, elektronischer. Die Texte pendeln aber so gekonnt zwischen Blödelei und ironischer Gesellschaftskritik wie immer. Über vegane Liebe, vegane Sahne, veganen Hass, singt Grebe. Und über die Wissenschaft: "Wissenschaft ist eine Meinung, die muss jeder haben dürfen." Eine Zeile, über die man in Zeiten von "Querdenkern" und Co zwei Mal nachdenken muss.

Ganz stark auch der Song "Der Calvinismus". In einer Strophe singt Grebe: "Ich bin ein Macher" - und dann zählt er auf, was er heute alles schon gemacht hat: Kinder gezeugt, vollgetankt, ein Nashorn pulverisiert, CDs gebrannt. Und dann im Refrain: "Ich hab' Calvinismus, der Calvinismus ist schuld an der Erderwärmung". Das Tipi ist randvoll mit Fans und die lachen sich kaputt.

Lavendel im Strobolicht

Dann spielt die Band ein paar Songs alleine und als Grebe auf die Bühne zurückkommt, trägt auch er einen Pyjama und einen Umhang, stellt sich mit irrem Blick ans Mikrofon, ein Effekt wird auf die Stimme gelegt, Strobolichter ballern ihm gruselig ins Gesicht und er singt … von der Kraft der Pflanze. Der Effekt verzerrt und loopt seine Stimme dabei und simple Worte wie "Lavendel" bekommen eine magische Bedeutung. Auch eine Anspielung auf Naturheilkundler, die das Virus pflanzlich besiegen wollen? Oder einfach Gaga? Wahrscheinlich von beidem ein bisschen. Die meisten Songs an diesem Abend kommen vom neuen Album "Popmusik", aber ein paar Hits dürfen nicht fehlen. In "30-jährige Pärchen" rechnet er mit der Spießigkeit junger Paare ab, "der Präsident" steht auch auf der Setlist.

Klammermensch Grebe

Zum Ende hin peitscht sich die Band durch ein irres Medley von Deichkind über Scooter bis zu den Bläck Föös und dann setzt sich Keyboarderin Jenny an die Orgel und Rainald Grebe auf einen Stuhl - und er sagt: Nein, seinen großen Hit Brandenburg spiele er heute nicht. Er sei ja mittlerweile ein Klammermensch: Helene Fischer in Klammern (atemlos), Rainald Grebe in Klammern (Brandenburg). Er wünsche sich von der Keyboarderin Jenny jetzt "Lady in Red", denn er habe die studierte Musikerin schließlich auf einer Fähre kennengelernt, wo sie am Klavier für die Passagiere die Alleinunterhalterin gab und sie könne 600 verschiedene Songs. Und Jenny beginnt zu spielen und singt: Brandenburg! Herrlich. Das ganze Tipi singt mit. Immer im Berlin-Part schreckt Grebe dann wie ein Untoter hoch und schleppt sich vors Mikro.

Rainald Grebe ging es gesundheitlich nicht gut in den vergangenen Jahren, er leidet an einer Autoimmun-Krankheit, hatte mehrere Schlaganfälle, immer öfter schleichen sich die Themen Tod und Vergänglichkeit in seine Texte. Von all dem ist an diesem ausgelassenen, lustigen, tollen Abend nichts zu spüren. Ganz groß.

Am 25.09. spielt Grebe mit Fortuna Ehrenfeld noch ein Mal in Potsdam, im Nicolaisaal.

Sendung: Inforadio, 31.08.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Das Geheimnis warum der Bogen nicht mehr fiedelt bleibt er uns schuldig

Nächster Artikel