Konzertkritik | Sido in der Wuhlheide - Zwischen Bordsteinkante und Kinderzimmer

Sido bei einem Konzert in der Parkbühne Wuhlheide in Berlin, 20. August 2021. (Quelle: rbb/Bruno Dietel)
Audio: Inforadio | 21.08.2021 | Bruno Dietel | Bild: rbb/Bruno Dietel

Geboren im Prenzlauer Berg, aufgewachsen im Märkischen Viertel – Sido ist Ur-Berliner und einer der erfolgreichsten deutschen Rapper. Am Freitag hat er in der Wuhlheide vor fast 5.000 Menschen gespielt. Bruno Dietel war von der Normalität überrascht.

"Back To Live" steht auf den Sido-Fanshirts, die vor der Wuhlheide verkauft werden. Für viele hier ist es tatsächlich das erste Live-Konzert nach über einem Jahr. "Fett und alt" sei er in den vergangenen Monaten geworden, hat Sido vor einer Weile erzählt. Für die jetzigen Open Airs hat er aber anscheinend extra trainiert.

Es ist ein wieder warm werden nach einer bis auf wenige Auto-Konzerte langen Live-Pause, sowohl für ihn als auch für das Publikum. Das dauert aber überhaupt nicht lange, der Rapper setzt direkt mit Klassikern seines mittlerweile fast 20 Jahre alten Debütalbums "Maske" von 2004 ein, darunter "Mein Block" und "Fuffies im Club".

Rauschebart mit Lust auf Rausch

Sido freut sich über die wenigen Smartphones im Publikum, die Menschen wollen offensichtlich ihn sehen, ganz leibhaftig. Er nennt sich als vierfacher Vater mit seinen 40 Jahren "Best Ager". Sido trägt einen angegrauten Rauschebart, schwarz-roten Trainingsanzug, Sonnenbrille und Stirnband und könnte auch ein Prenzlauer Berg-Daddy beim Joggen sein. Wäre da nicht diese Lust an der Eskalation, am Rausch. "Ich saufe heute, ist das okay?", fragt er das Publikum rhetorisch und prostet ihm zu. Bei einem Joint wird es bei Sido an diesem Abend auch nicht bleiben, einer landet sogar bei den Fans vor der Bühne.

Sido bei einem Konzert in der Parkbühne Wuhlheide in Berlin, 20. August 2021. (Quelle: imago images/Martin Müller)

Ein misslungener Weintrauben-Vergleich

Sidos Songs pendeln schon immer zwischen Weltschmerz, Küchenpoesie, Aufstiegserzählungen und ja, auch etwas Sozialkritik. "Hände hoch, wer hier kein guter Mensch ist", fordert er – als ob das jemand verneinen würde. Vorher hat er "Zu Wahr" gespielt, ein durchaus politischer Track von 2015 über Fremdenhass, religiöse Gewalt und die Opfer von Flutkatastrophen, sechs Jahre später erschreckend aktuell.

Sido zählt Kinderserien auf, zündet sich noch einen Joint an und liefert einen grenzwertigen Spruch übers Älterwerden. Wir alle seien doch Weintrauben, die Männer würden mit dem Alter wie ein Wein immer besser, die Frauen dagegen zu trockenen Rosinen. Absolut daneben, findet selbst das Publikum. "Liebe" als musikalische Entschuldigung mag da nur so halb funktionieren. Dieses gezielte gegen den Strich bürsten, da schimmert wieder der alte Sido mit der Maske, der Provokante durch. Der ehemalige Underdog ist inzwischen bloß schwer kommerziell schwer erfolgreich, einer der meistgestreamten deutschen Rapper und neuerdings auch erfolgreich auf der Videostreamplattform Twitch.

Legendäre Kreuzberger Kneipen und Bierzeltmusik aus Spandau

Sido bleibt nicht alleine auf der großen Wuhlheide-Bühne, das kündigt er schon früh an diesem Abend und auch mehrfach an. Er bekommt Besuch vom Hamburger Rapper Bozza, der über seine verstorbene Mutter singt. Dabei erleuchten 1.000 Smartphonelichter – faszinierend, so etwas mal wieder "in echt" zu sehen.

Dann das musikalische Highlight des Abends – die deutsche Hip-Hop-Legende Kool Savas. Sido und der ihm technisch immer überlegene Savas rappen über ihre Anfänge in der Kreuzberger Rap-Kneipe "Royal Bunker", sie haben darüber gemeinsam eine ganzes Album gemacht. Das hier sei der beste Abend seit langem, schwärmt Sido selig und will noch wissen, wer denn aus dem Märkischen Viertel in die Wuhlheide gekommen ist – weniger als gedacht. Aus Berlin kommen dafür gefühlt alle.

Dann wird Berliner Rap-Historie gegen Spandauer Bierzelt-Ballermann-Sound eingetauscht, das Duo SDP übernimmt. Und das doch ernsthaft mit dem Song "Ne‘ Leiche" und der Textzeile "Ich schick sie nach Afghanistan, ab in den Irak, das fällt da garnich' auf, da sterben Massen jeden Tag". Sollte das jemals lustig sein oder ist da extra viel Zynismus dabei? Egal, zum Glück sind SDP schnell wieder weg. Und Sido rappt sich mit Flammenwerfern und goldenem Konfetti nach weit mehr als zwei Stunden ins Finale eines ganz normalen Konzertabends. Die Wahl zum allerletzten Song überlasst er dem Publikum, die mit diesem Abend vor allem eines verbinden: "Mal wieder das normale Leben", "Freiheit" und die dem neu gewonnenen Abstand bei Konzerten sogar etwas abgewinnen können.

Sido bei einem Konzert in der Parkbühne Wuhlheide in Berlin, 20. August 2021. (Quelle: rbb/Bruno Dietel)

Sendung: Inforadio, 21.08.2021, 8:55 Uhr

6 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 6.

    Das musikalische Highlight des Abends, Kool Savas...
    ich brech zusammen...
    Dass ansonsten das Wort Musik in dem Artikel nicht vorkommt, stimmt mich hoffnungsvoll.

  2. 5.

    Ich finde Sido grundsätzlich sympathisch, den Song mit SDP zu spielen, ist aber aktuell leider tatsächlich etwas pietätlos...

  3. 4.

    Dafür scheint ja das Kiffen, selbst auf der Bühne, für den RBB inzwischen politisch korrekt zu sein.

  4. 3.

    "Und das doch ernsthaft mit dem Song "Ne‘ Leiche" und der Textzeile "Ich schick sie nach Afghanistan, ab in den Irak, das fällt da garnich' auf, da sterben Massen jeden Tag". Sollte das jemals lustig sein oder ist da extra viel Zynismus dabei?"
    Wo ist das Problem? Was ist an der Zeile falsch? Hätten sie das Lied nicht spielen dürfen? Würde mich wirklich interessieren.
    Offensichtlich ist es nicht möglich heutzutage einen Artikel zu verfassen ohne eine große Portion Moral mit einzubauen..

  5. 2.

    Sido ist und bleibt nunmehr Sido...und der Song mit Sdp geht nun mal so, klar hätte man den umtexten können füt den Abend, aber damit würde man den Taliban noch mehr Aufmerksamkeit schenken...es ist und bleibt ein Song

  6. 1.

    Ich bin nun kein Fan von ihm, aber er ist einer von uns !
    Denn er sagt, was er denkt und er steht dazu !

Nächster Artikel