Konzertkritik | Berliner Philharmoniker in der Waldbühne - Funkelnde Klänge im Regen

Besucher verfolgen be Regen mit das Konzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne (Bild. dpa/Fabian Sommer)
dpa/Fabian Sommer
Audio: Inforadio | 27.08.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Fabian Sommer

Auf dieses Ereignis hat das Publikum über ein Jahr warten müssen: die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne. Abgesagt wegen der Pandemie im Juni 2020, konnte das Konzert am Donnerstagabend endlich stattfinden. Hans Ackermann war dabei.

 

Konzerte unter freiem Himmel - und in der Waldbühne ist dieses "frei" ganz besonders wörtlich zu nehmen - sind immer ein bisschen vom Wetter abhängig. Bei Sturm hätte man das Ereignis womöglich noch einmal verschieben müssen, aber der diszipliniert von oben nach unten fallende Regen hat kaum Chancen, die empfindlichen Instrumente der Musikerinnen und Musiker auf der überdachten Bühne zu erreichen und die freudige Stimmung über das Wiedersehen mit dem Publikum einzutrüben.

Klangzauber mit Weber und Schubert

Schon nach wenigen Takten entfaltet sich mit der "Oberon-Ouvertüre" von Carl Maria von Weber ein geheimnisvoller Klangzauber, mit dem das Orchester jede Wetterkapriole vergessen lässt. Stattdessen sitzt man im warmen Pullover, mit Schal und Mütze unterm Regenschirm, lauscht und spürt dabei, wie sehr man solche Livekonzerte vermisst hat.

Bestbesetzung

In Bestbesetzung lässt Chefdirigent Kirill Petrenko, der selbst zum ersten Mal in der Waldbühne dirigiert, sein Orchester aufspielen. Soloflötist Emmanuel Pahud ist dabei, die Hornistin Sarah Willis, die man aus den Familienkonzerten der Philharmoniker kennt, der Geiger Noah Bendix-Balgley, der das Orchester als Erster Konzertmeister noch vor dem ersten Ton zu einer witzigen La-Ola-Einlage animiert. Gestimmt wird dann etwas länger als sonst, weil die Luftfeuchtigkeit doch irgendwie auf die Instrumente einwirkt.

Das Horn im Mittelpunkt

Den schönsten Ton von allen hat dann wie immer Stefan Dohr, der Solohornist der Berliner Philharmoniker. So wie schon bei Webers Ouvertüre zu Beginn des Abends gestaltet er auch beim zweiten Werk, der Großen C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert, den Anfang mit langen melancholischen Tönen ganz allein.

Das einfache musikalische Horn-Thema taucht im ersten Satz dann in unterschiedlicher Gestalt immer wieder auf, verleiht dem Werk die für Schubert typische liedhafte Anmut. Wie Beethoven vor ihm entwickelt Schubert aus einfachen Gedanken einen "dicken sinfonischen Roman", wie ein begeisterter Robert Schumann um das Jahr 1825 die fast eine Stunde dauernde Sinfonie genannt hat.

Regen integriert sich

Natürlich könnte der zunehmende Regen diesen großen sinfonischen Abend doch noch eintrüben. Tatsächlich erzeugt das Wasser von oben auf einigen tausend Regenschirmen im Publikum auch einige Nebengeräusche. Die aber auf wundersame Weise gar nicht stören, sondern - wohl vom eigenen Gehirn - als "Waldesrauschen" einfach in die wunderbaren Orchesterklänge integriert werden.

Schubert mit Swing

Schuberts musikalische Nähe zu Beethoven ist an diesem Abend nicht zu überhören, die Melodie von "Freude, schöner Götterfunken" wird im Schlusssatz fast notengetreu zitiert, aber in einer modernen und damit das Vorbild beinahe überflügelnden rhythmischen Qualität - selten hat man Schubert mit mehr Swing interpretiert, als es Kirill Petrenko an diesem Abend mit seinen losgelösten Musikern gelingt. Patschnass, aber glücklich, geht man nach diesem Ereignis nach Hause, im Regen, durch den immer noch leicht funkelnden, von Klängen aufgeladenen Wald.

Information: Die Berliner Philharmoniker spielen das Programm am Freitag, 27. August noch einmal, bei der Saisoneröffnung im großen Saal der Berliner Philharmonie.

Sendung: Inforadio, 27.08.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Sehr schön und anschaulich geschildert. Gestern freute ich mich noch wegen des Wetters, dass ich keine Karte gekauft hatte. Aber nun, beim Lesen, bekomme ich nasse Füße und Gänsehaut.

    Als wär' ich doch dabei gewesen!

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