Kritik | "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble - Kassenschlager mit Gassenhauern

Nico Holonics als Mackie Messer spielt in einer Probe der "Dreigroschenoper" im Berliner Ensemble. Die Premiere findet am 13.08.2021 statt. (Quelle: dpa/Berliner Ensemble)
Video: Abendschau | 14.08.2021 | Petra Gute | Bild: dpa/Berliner Ensemble

Nach mehreren Anläufen eröffnet das Berliner Ensemble mit der lange erwarteten Neuinszenierung der "Dreigroschenoper". Unter der Leitung von Barrie Kosky wird der Brecht-Klassiker an seinem Ursprungsort gefeiert. Von Cora Knoblauch

Ein schwarzer Lametta-Vorhang glitzert auf der nachtschwarzen Bühne des Berliner Ensembles. Dann wird der Vollmond angeknipst und dieser Mond, in Person von Josefin Platt, deren weiß-silbernes Gesicht aus dem schwarzen Lametta hervorlugt, hebt an zur berühmten Moritat von Mackie Messer. Welch ein Auftakt. Nach vielen schweren Monaten des Lockdowns eröffnet das BE seine neue Spielsaison mit voll bestuhltem Haus und der langersehnten Neuauflage der Dreigroschenoper.

Als der Klassiker vor fast exakt 93 Jahren seine Uraufführung am Schiffbauer Damm erlebte, glich der Abend einer mittleren Katastrophe: Helene Weigel war krank geworden, ihre Rolle wurde gestrichen. Ein Kulissenteil stürzte über den Orchestergraben, die Farbe auf der Bühne war noch nicht getrocknet und das Haus nur zur Hälfte ausverkauft. Auch diese Premiere hatte Pandemie-bedingte Startschwierigkeiten und musste mehrfach verschoben werden.

Josefin Platt spielt in einer Probe der "Dreigroschenoper" im Berliner Ensemble. Die Premiere findet am 13.08.2021 statt. (Quelle: dpa/Berliner Ensemble)
Josephine Platt | Bild: dpa/Berliner Ensemble

Pop-Hits, die noch heute jeder kennt

Opernintendant Barrie Kosky hat sich für sein Gastspiel am BE ein hervorragendes Schauspieler*innen-Team aus dem Ensemble zusammengecastet. Denn das Stück bringt etwas mit, was einmalig ist in der deutschen Theatergeschichte: reichlich und immer noch fantastische Musik von Kurt Weill und Songs, die ziemlich bald nach der Uraufführung 1928 zu Gassenhauern, zu echten Pop-Hits wurden.

Für den Gauner Mackie Messer wurde der Schauspieler Nico Holonics gewonnen, der seine Qualitäten als Rampensau am BE bereits in seiner Solo-Performance als Oskar Matzerath unter Beweis gestellt hat. Dass er mehrere Jahre im Leipziger Gewandhauschor gesungen hat, dürfte ihm bei den Proben mit Kosky und dessen musikalischen Leiter Adam Benzwi geholfen haben.

Nico Holonics als Mackie Messer spielt in einer Probe der "Dreigroschenoper" im Berliner Ensemble. Die Premiere findet am 13.08.2021 statt. (Quelle: dpa/Berliner Ensemble/Jörg Brüggemann)
Nico Holonics als Mackie Messer | Bild: dpa/Berliner Ensemble/Jörg Brüggemann

Neue Paraderolle für Nico Holonics

Für Holonics könnte dieser Mackie am BE zur Paraderolle werden. Holonics lässt den stadtbekannten Kriminellen Mackie Messer permanent mäandern zwischen abgefucktem Brutalo und verliebtem Träumer. Und obwohl dieser Mackie im Grunde eine unsympathische Type ist, lässt Holonics mit Leichtigkeit die Zuschauer wie die Frauen im Stück blitzverliebt zurück. Zum Glück muss man sich um die Herzen der Frauen, die Mackie am Wegesrand fallen lässt, nicht allzu lange Sorgen machen.

Eine wunderbar selbstbewusste, fast kühle Polly gibt die Schauspielerin Cynthia Micas. Nachdem Mackie sie ziemlich herzlos sitzengelassen hat, übernimmt Polly erfolgreich die Geschäfte vom Ex. Als der fast am Galgen hängt, hat Polly ihren Herzschmerz längst überwunden und bleibt bei einem kühlen "Lebe wohl". Auch der Schauspielerin Cynthia Micas bereiten die vielen Songs im Stück keinerlei Schwierigkeiten und ihre Gesangsperformance wird vom Publikum mit reichlich Zwischenapplaus goutiert.

Ein Abend zwischen Operette und Musical

Apropos Gesang: Kosky sagte in einem Interview, dass man dieses Stück nur von Schauspieler*innen singen lassen dürfte. Opernsänger*innen seien ganz und gar ungeeignet für die Dreigroschenoper, denn sie sei im Grunde weder Theaterstück noch Oper, "sondern ein Bastard", so Kosky.

Zwischen Operette und Musical bewegt sich denn auch der Abend am BE, die Schauspieler sprechen und singen abwechselnd - solo, im Duett, im Chor und nehmen dabei auch mal den manierierten Gesang der klassischen Oper augenzwinkernd auf die Schippe. Dabei bleibt noch das Geturne der Schauspieler*innen auf einem schwarzen Gerüst, durch das geklettert und durchgestiegen wird - vielleicht kein besonders originelles Bühnenbild, in seiner Schlichtheit aber lenkt es wenigstens nicht ab vom Ensemble.

Koskys beinahe selbstironische Inszenierung beschert der Regie am Ende zwischen tosendem Applaus auch ein paar laute Buh-Rufe. Ganz anders als beim Schauspieler-Ensemble und der wunderbaren Dreigroschenoper-Band. Die wird von einem sehr dankbaren Premierenpublikum am Ende lautstark gefeiert. Zu recht. Die Kosky'sche Neuauflage der Dreigroschenoper wird dem BE, genau wie damals Ende der 1920er-Jahre, einen neuen Kassenschlager bescheren.

Kathrin Wehlisch und Tilo Nest spielen in einer Probe der "Dreigroschenoper" im Berliner Ensemble. Die Premiere findet am 13.08.2021 statt. (Quelle: dpa/BE/Jörg Brüggemann)
dpa/BE/Jörg Brüggemann

Video: rbbKultur | 14.08.2021 |

Sendung: Inforadio, 14.08.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

1 Kommentar

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  1. 1.

    Bin auch der Meinung, Theater überlebt alles. Macht die Kassen wieder auf, nur nicht online Bestellen. Viel Spaß und Erfolg.

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