Interview - Berliner Kulturbrauerei droht offenbar der Verkauf

Archivbild: Zahlreiche Gäste feiern am 08.09.2014 in Berlin bei einem Sommerfest im Hof der Kulturbrauerei. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Audio: Kulturradio | 18.08.2021 | Nikolaus Bernau | Bild: dpa/Soeren Stache

Die Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg soll laut einem Medienbericht verkauft werden. rbb-Architekturexperte Nikolaus Bernau erzählt im Interview, wie realistisch ein solcher Verkauf wäre - und was er für die derzeitigen Mieter bedeuten könnte.

Die Immobilie der Berliner Kulturbrauerei steht offenbar zum Verkauf. Einem Bericht des "Tagesspiegels" zufolge will der bisherige Eigentümer an einen Investor verkaufen [tagesspiegel.de]. Nach Schätzungen des Eigentümers liegt der Verkaufswert des Geländes bei rund 150 Millionen Euro.

Zu den Gerüchten will sich der Eigentümer TLG nicht äußern, dementiert laut "Tagesspiegel" die Verkaufsverhandlungen aber auch nicht. Allerdings gibt es einige Indizien, die für einen Verkauf sprechen, sagt rbb-Architekturjournalist Nikolaus Bernau.

Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Nikolaus Bernau | Bild: Carsten Kampf

rbb Kultur: Angeblich soll die Kulturbrauerei verkauft werden. Was ist an den Gerüchten dran?

Nikolaus Bernau: Bis jetzt weiß man nur, dass es einen Bericht gibt darüber, dass es möglicherweise verkauft werden soll. Aber es gibt keine Indizien, wer kaufen soll oder von neuen Konzepten. Aber es gibt nur die Befürchtung angesichts des derzeitigen Gewerbemietmarkts, dass sich die aktuellen Mieter angesichts der aktuell geforderten Preise nicht mehr halten können.

Man darf nicht vergessen, dass die aktuellen Besitzer einen entsprechenden Bericht ausdrücklich nicht dementiert haben, sondern gesagt haben, es gehöre ausdrücklich zu ihren Geschäftsaufgaben, zu verkaufen. Das heißt, aus deren Perspektive ist das eine Möglichkeit und es wäre auch der richtige Zeitpunkt, weil die meisten Mietverträge Ende 2021 auslaufen. Die Mieter haben zwar theoretisch eine Verlängerungsoption, aber die kann nur dann gezogen werden, wenn der Vermieter mitmacht. Und dann wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt, an dem man das ganze Gelände verkaufen kann, vor allem, wenn es eine neue Nutzungsidee gäbe. Aber das ist alles noch im Konjunktiv gesprochen.

Für Kultur bedeutet höhere Miete auch einfach das Ende. Wie konnte es denn soweit kommen?

Letztlich ist einfach das ganze Gelände mit den Gebieten der Treuhandliegenschaftgesellschaft nach und nach seit 1999 ausgebaut und restauriert worden unter großem Einsatz von Steuergeldern, dann ist es 2012 mit der Treuhandliegenschaftsgesellschaft privatisiert worden. Danach wurde es an einen kanadischen Investor verkauft, der hat es an ein Aktienunternehmen weitergegeben, das wiederum von der neuen Immobilienfirma "Roundtown" aufgekauft wurde. So wie übrigens auch ganz viele Eckgrundstücke, auf denen früher die Konsum-Würfel standen, die inzwischen durch die Bank weg mit Luxusimmobilien bebaut worden sind. Das heißt, da fand Riesen-Privatisierung von gesellschaftlichem Vermögen statt. Das war aber auch die Aufgabe der Treuhandliegenschaftsgesellschaft, das darf man nicht vergessen.

Was könnte ein Investor mit diesem Gelände anfangen?

Theoretisch alles, das heißt, wenn er den Denkmalschutz und die arbeitsrechtlichen Bedingungen beachtet. Und der Denkmalschutz spielt in Berlin ja nur sehr bedingt eine Rolle, das hat man gerade bei den Debatten um das Gasometer in Schöneberg ganz schrecklich sehen müssen.

Wenn ein spekulationswilliger Investor auftritt, dann wird er die Genehmigungen bekommen, die er haben will. Die Mieter sind meist Veranstaltungsbetriebe - und die sind durch Corona-Krise schwer angeschlagen. Sie konnten monatelang keine Einnahmen erzielen, erleben überhaupt nur dank staatlicher Hilfen. Wenn da andere kommen, die mehr Geld haben, werden die das Sagen haben - das ist ein Problem unseres Gewerbemietenrechts.

Kann denn der Denkmalschutz da nicht helfen?

Im Grunde genommen gar nicht. Der kann sich nur um die Bauten kümmern. Die sind hochbedeutend, gebaut von Franz Schwechten, dem Architekten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die sind auch gut geschützt und hervorragend in Stand - unter anderem auch dank der großen Investitionen des Staates. Aber der Denkmalschutz kann eben nur die Bauten schützen - und keine Nutzungen. Welche Nutzungen da reinkommen, obliegt vollkommen dem Investor. Wenn der Senat die jetzigen Nutzer schützen will, muss er ganz andere Karten ziehen.

Was kann Berlin jetzt tun?

Theoretisch wäre der Ankauf selber denkbar, aber da wären derzeit etwa 150 Millionen Euro angedacht. Das ist eine Summe, die überhaupt nicht aufzubringen ist, das ist völlig unrealistisch. Das andere wäre die Änderung des Bebauungsplans: dass man dort kulturelle Nutzungen festschreibt. Aber das dauert erstens sehr lange, viel länger als ein Verkauf. Und das zweitens sind damit dann auch die aktuellen Nutzer nicht geschützt, sondern nur die Nutzung an sich als kultureller Standort. Das heißt, wenn der Investor an besser zahlende andere kulturelle Nutzungen verkauft, sind die aktuellen Sachen auch Geschichte, um es ganz trocken zu sagen. Das ist das Kernproblem unseres Gewerbemietenrechts. Wir brauchen dringend endlich auch dort eine Regulierung, aber bisher konnte sich das nicht durchsetzen lassen.

Sendung: rbb Kulturradio, 18.08.2021, 07:10 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Die Architektur der Gebäude "schreit" geradezu nach einer publikumsträchtigen Nutzung und schon zu Bauzeiten war im Hof ein regelrechtes Gewusel. Da ein Haufen Yuppies i. S. einer faktischen Gated Community sitzen zu sehen, schlägt den Erbauenden faktisch ins Gesicht. Und damit ist nicht nur der Architekt, sondern sind auch die Bauleute gemeint.

  2. 5.

    Also ikke bin Berliner und gehe da immer mit meinen Freunden hin. Sprechen Sie also nicht für "die Berliner"!

  3. 4.

    Ich war einmal da zu einem Konzert.
    Das Publikum dort ist nicht Berlin sondern „ich weiß nicht woher“. Ich will ja das Schwaben Vorurteil ja nich bekräftigen.
    Für Berlin ist die Kulturbrauerei kein Verlust, für die Investoren und die anderen Schwaben die nun in Prenzelberg eine neue Heimat bekommen ein Gewinn!

  4. 3.

    Nunja... der Weihnachtsmarkt ist mir in Erinnerung geblieben. Ansonsten das Kino. Dort liefen immer mal Filme weit ab vom Mainstream...

    Aber außer Pisse, kaputte Flaschen und besoffene Touristen, Resteficken und Drogenkultur war da doch nichts mehr los...

  5. 2.

    Der Eigentümer „Aroundtown“ ist zugleich Hauptsponsor von Union Berlin. Wie diese Turbokapitalisierung mit dem vermeintlich bodenständigen Image der Köpenick leer zusammenpasst, ist mir ein Rätsel. Bei den Unionern anzufragen, was sie von einer Verdrängung der Kunst- und Veranstaltungsszene in der Kulturbrauerei halten, wäre doch mal spannend.

  6. 1.

    Ist denn jemals etwas Gutes dabei am Ende herausgekommen, wenn die Treuhand ihre Finger im Spiel hatte??? Falls ja, bitte den Ausgang dieses Einzelfalls benennen ;-)

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