Musik-Kabarett | Pigor & Eichhorn in der Bar jeder Vernunft - Von der Argumentationstheorie zum plattdeutschen Gendern

Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn - Vol. 9; © Thomas Nitz
Thomas Nitz
Audio: Inforadio | 01.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Thomas Nitz

Das vielfach preisgekrönte Musik-Kabarett-Chanson-Duo Pigor & Eichhorn gönnt sich als zehntes Bühnenprogramm ein "Volumen X". Uraufgeführt wurde es am seit Jahrzehnten angestammten Spielort, der Berliner Bar jeder Vernunft. Von Ute Büsing

"Wir sind wieder da! Mit Live-Kabarett!" Da bricht sich was Bahn nach viel zu langer, coronabedingter Bühnen-Absenz. Mit Wumm und Schmackes hauen Pigor & Eichhorn ihr nagelneues Programm heraus, eine hochphilosophische, politisch nicht ganz korrekte Mischung aus Argumentationstheorie und plattdeutschem Gendern. Dieses weit über sich selbst hinausweisende "Volumen X" der beiden in die Jahre gekommenen Salon-Hip-Hopper – Bauchansatz, Hosenträger, weiße, bzw. kaum noch Haare – ist erfrischend intellektuell und zugleich ein großer Spaß. Gerne wie zum Einstieg auch mal mit gereckter Faust vorgetragen, nahezu perfekt ausgetanzt von Pigor. Salon-Hip-Hop eben.

Benedikt Eichhorn (links) und Thomas Pigor (rechts)
Bild: Thomas Nitz

Kleiner Philosophiekurs zur Argumentationsanalyse

Die beiden Bühnenpartner (Eichhorn, wie seit neun Volumen angelernt und dem Publikum vertraut, auch immer mal in der Rolle des Büttels und Stichwortgebers) nehmen das in Corona-Zeiten angeschwollene Talk-Show-Gequatsche mit Mitteln der Argumentationsanalyse auseinander, dass es von lateinischen Vokabeln nur so knallt. Wo früher ihr Hit "Heidegger" war, ist heute Schopenhauer: Im kleinen Philosophiekurs geht es um "Red Harings" und "Slippery Slopes", während in den Hymnen des Duos Racial Profiling, Klimakrisen-Verweigerer, Idioten und Immobilienfantasien auf die Schippe genommen werden.

Zum ersten Mal spielt Thomas Pigor fast durchgängig Gitarre und wenn er mehrfach backstage die angeblich defekte D-Saite austauschen geht, tritt Benedikt Eichhorn ins Rampenlicht und gibt heimelige Songs aus dem Nähkästchen zum Besten. Auch diese Intermezzi kennt und schätzt das mit dem Duo in die Jahre gekommene Publikum.

Vom sprachlichen Putzfimmel zur Cancel Culture

In Liedermacher-Manier hebt Pigor an der Gitarre zur "Verteidigung der Political Correctness" an. Letztlich wird aus dem langen Gesang eine Abrechnung mit ihren Auswüchsen "sprachlicher Putzfimmel" bis hin zur Cancel Culture. Und mit Eichhorn an seiner Seite entwickelt sich daraus ein witziger Diskurs über maskuline Pluralbildung und das plattdeutsche Plural-S als genderneutrale Alternative: "Pfarrers", "Lehrers" und "Polizistens" umfassen halt alle "Mutter, Vater und diverse Kinder". Auch diese volksnahe Variation aufs Gendern trifft mehrheitlich den Nerv des Publikums.

Jazzige Balladen kontrastieren die energetisch hochtourigen Songs und Brels "Ne me quitte pas" wird in Pigors Neuübersetzung "Bitte mach nicht Schluss!" zur Stalker-Hymne, die doch auch anrührt. Das "Rente gehn" für die alternativ angehauchte ökologische Projekt-Generation der späten 70er Jahre, der die beiden Salon-Hip-Hopper angehören, nicht gehn kann, hauen Pigor & Eichhorn dann im selbstironischen Schlusssong heraus. Aber mal ehrlich: So gute dürfen auch nicht abtreten!

Beitrag von Ute Büsing

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