Konzertkritik | Outernational im Radialsystem - Zusammen alleine

Mona-Matbou-Riahi (Copyright: Nina Strasser)
Audio: Inforadio | 04.08.2021 | Hendrik Schröder | Bild: © Nina Strasser

Eine hybride Musik aus den verschiedensten globalen Einflüssen zu erschaffen ist das Ziel der Outernational-Konzertreihe im Radialsystem. Hendrik Schröder hat am Dienstagabend gelauscht, ob das funktioniert.

Das Setting ist schon mal gut. Fünf Podeste stehen ringsum mit etwas Abstand zueinander an den Wänden, für jeden Musiker und Musikerin eines. Das Publikum sitzt in der Mitte auf grauen Polsterhockern. Gut 50 Leute sind gekommen und damit ist das Radialsystem unter Pandemiebedingungen so gut wie ausverkauft.

Die Soundkünstlerin Elsa M´Bala fängt an mit Klangschalen und ein paar Beats, dann kommt die elektrische Zither von Leopold Hurth dazu, Mohammad Reza Mortazavi schlägt einen irren Rythmus auf der Daf, eine Rahmentrommel, die ein bisschen aussieht wie ein großes Tambourin, dann, unisono, spitz und erschütternd die schrägschöne Klarinette von Mona Batbou Riahi und der völlig abgefahrene Gesang von Golna Shayar, die manchmal vom Singen in ein schnelles, rythmisches Atmen, ja Stöhnen überkippt. Also da ist was los.

Mit der Klarinette Richtung Mond

Der Sound kommt von links, rechts, vorne, oben. Dann springen die drei Videowände an, zeigen Shots von Menschen mit Blumen, von Pferden, Hunden, Wäldern, Rauch, ein Buch über starke Frauen, Regen. Im Loop kommen gesampelte afrikanische Gesänge von links, die Trommel galoppiert wieder los, unglaublich wie man derart leichthändig, aber den Zuhörer schön wahnsinnig machend, so ein Instrument spielen kann, die Zither grätscht von rechts rein mit irgendwas Undefiniertem, was an Experimentalmusik erinnert.

Dann steht die Klarinettistin auf und reckt ihr Instrument, als spiele sie den Mond an. Irgendwann wird alles immer lauter und lauter und wahnsinniger, die Musikerinnen und Musiker fangen an zu grinsen ob dieser Raserei. Und all die Instrumente und Klänge und Videos und Rhythmen verschränken sich ineinander und verweben sich und der Zuhörer weiß gar nicht mehr, wo er zuerst hinhören und hingucken soll.

Atemlos und herausfordernd

Das gelobte Setting vom Anfang erweist sich im Laufe des Konzerts übrigens als doch nicht so gut. Die fünf Musiker sitzen so weit weg voneinander. Man sieht, wie sie sich leise zunicken zum Einsatz, sich kurz anlächeln wenn was schiefgeht oder besonders gut klappt, aber wie eins wirken sie so distanziert nicht. Ihre Musik auch nicht immer: Gerade Daf und Zither wissen manchmal wenig miteinander anzufangen, wenn sie frei stehen und eine Art Frage und Antwort miteinander spielen.

Aber wenn dann alle einsetzen, funktioniert es und der Sound klingt wirklich neu und wie nie gehört. Vielleicht ist der Bühnenaufbau ja auch als Metapher gemeint: Räumlich weit entfernt und dann Kraft der Musik trotzdem zusammen. Nach einer atemlosen und herausfordernden Stunde ist jedenfalls Schluss und das reicht auch, so viel komprimierten Input müssen Herz und Hirn auch erst mal verdauen.

Sendung: Inforadio, 04.08.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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