Performance-Kritik | "Suit your Body" im TD Berlin - Übergewicht erwünscht

Suit your body (Quelle: TD/©Paula Reissig)
Audio: Inforadio | 20.08.2021 | Corinne Orlowski | Bild: TD/©Paula Reissig

Dicke Menschen werden im Alltag oft gemobbt, beleidigt und ausgegrenzt. Unter "Body Shaming" leiden besonders Mädchen und Frauen. Die Perfomance "Suit your Body" hinterfragt unsere gesellschaftlichen Schönheitsnormen. Von Corinne Orlowski

Es gluckert und schwappt in der zweiten Etage des Berliner Theaterdiscounters. Die ganze Bühne ist ein Schwimmbecken. Ein Ort, an dem im realen Leben dicke Menschen oft Diskriminierung erfahren. "Das Entsetzen lässt sich in einigen Gesichtern wirklich ablesen", berichtet Natalie Rosenke. "Also gerade wenn eine dicke Person ins Schwimmbad kommt oder in die Sauna geht, dann herrscht Fassungslosigkeit."

"Wir haben aufgehört, von bestimmten Körpern zu träumen"

Natalie Rosenke ist eine "Ü100". Bei 1,60 Metern Körpergröße wiegt sie mehr als 100 Kilo. Das ist für sie kein Problem, sagt sie - aber für andere, seit sie denken kann. Rosenke ist Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Vor zwei Jahren hat die Aktivistin in einer Kolumne der "Süddeutschen Zeitung" darüber geschrieben, was es heißt, als dicker Mensch in unserer Leistungsgesellschaft zu leben. Im Alltag und im Netz wird sie mit Beleidigungen überschüttet. Innerhalb von 60 Tagen erhielt sie bis zu 2.000 hasserfüllte Tweets.

In der Audio- und Lichtperformance "Suit your Body" ist sie im Interview zu hören. Überall wo es um genormte Schönheit geht, hat sie als dicke Frau nur Schmerz erfahren. Bei bestimmten Formen von Schönheit entwickelt sie inzwischen eine Müdigkeit. Sie will nicht mehr von außen bestimmt oder beurteilt werden. "Alles ist da, aber wir zeigen nur eine Form von weiblicher Schönheit. Wir haben aufgehört, von bestimmten Körpern zu träumen."

Ein mehrstimmiger Chor atmet, spricht, singt

Die Performance hat das feministische Kollektiv "Frauen und Fiktion" (FuF) eingerichtet und Rosenke einen mehrstimmigen Chor zur Seite gestellt. Der atmet, spricht und lustvoll singt. Die Zuschauer:innen sitzen mit Bademantel, Badelatschen und Kopfhörer etwas uniformiert im gekachelten Pool. Sie können durch den Raum spazieren oder aber ihre Beine vom Beckenrand baumeln lassen. Aber umgeben von Nebelschwaden und Streiflichter, fühlt man sich keine Sekunde unwohl. Die Sounds im Raum und die Stimmen auf dem Ohr überlagern sich, umspülen die Zuhörer:innen wie warmes Wasser. Hier sind alle Körper erwünscht.

"Ich bin oft in Räumen unterwegs, wo von Übergewicht gesprochen wird, wo ich frage: Von welchem 'Über' reden wir? Über erwünscht, über moralisch gut, über – äh ? Warum ist dieses Über erforderlich?", sagt Natalie Rosenke.

"Suit your Body" hinterfragt äußerst erhellend unsere gesellschaftlich postulierten Schönheitsnormen und erobert sich auf liebevolle Weise Worte wie "dick" wieder zurück. Andächtig lauscht man dieser Ode an die Vielfalt.

Die Performance "Suit your Body" im TD Berlin, die in Kooperation mit der Internationalen Psychoanalytic University Berlin (IPU) entstanden ist, wird noch bis zum 22. August mehrmals täglich gezeigt. Sie ist danach als digitale 3D-Version online abrufbar.

Performance "Suit your Body" im August 2021 im TD Berlin. (Quelle: ©Paula Reissig)

Sendung: Inforadio, 20.08.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

14 Kommentare

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  1. 14.

    Anlena, Sie meinen, es ginge nicht darum, Übergewicht zu promoten? Aber genau das tut Frau Rosenke m.E. wenn Sie sagt, NUR die anderen hätten ein Problem mit ihren 100 kg bei 1,60 m. Ich habe Leute mit Übergewicht in meinem Bekanntenkreis und sehe, wie's denen geht: oft schlecht - auch rein körperlich. Wenn ein junger, prinzipiell gesunder Mensch fast ausrastet und zusammenbricht, weil er nach dem letzten Bus zwei Hügel mit je 20 m Höhe überqueren muss, gibt mir das zu denken. Und so lange ich monatlich einen halben Tausender in die Kranken- und Pflegekasse einzahle, nehme ich mir auch das Recht auf Mimimi. Klar gibt's auch viele Dicke die viel fitter sind als ich. Und klar ist es falsch, Menschen auf ihr Gewicht zu reduzieren und sie deswegen anzugaffen, anzuquatschen, auszuschließen oder sonstwas. Aber hier nun öffentlich zu verkünden, 30 bis 40 kg Übergewicht seien generell eine gute Sache, die zu ändern man nicht einmal versuchen sollte, halte ich für falsch.

  2. 13.

    Leute, es geht hier nicht darum ob, Übergewicht, ungesund oder erstrebendswert ist! Es geht hier einfach um RESPEKT! Hört doch mal auf mit euer Mimimi.. „Ungesundkeule“ um die Ecke zu kommen! Nochmal: es geht nicht darum Übergewicht zu promoten. Kein Dicker sagt damit, hey es ist schön dick zu sein, Versuch es doch auch einmal! NEIN! Es geht darum das dicke Menschen in einer Tour Diskriminierung erfahren, in dem ständig ungefragt, irgend welche Menschen meinen, das Gewicht, oder das Äußere einen dicken Menschen zu kommentieren! Dann kuckt doch nicht hin! Wenn ihr sagt: „ ungesund…. Krankheiten…bla bla..“. dann Stresst ihr diese Menschen, um nicht zu sagen diskriminiert sie gerade. Und mit diesem Stress, schließt ihr die mentale Gesundheit eines Menschen aus. Mentale Gesundheit ist genauso wichtig, wie die Körperliche! Wenn nicht sogar noch wichtiger. Also hört auf, mit eurem Bodyshaming!!!

  3. 12.

    Die Welt hat andere Probleme als Adipositas. So lange wir Energie für die Diskriminierung von "Normabweichung" aufbringen geht es uns definitiv zu gut. Und ehrlich gesagt geht mir diese Argumentation der Gesundheit immer mehr auf den Keks. Jeder ist für sein eigenes Wohl verantwortlich und was zum Geier geht andere mein Gewicht an?! (Ich bin nicht adipös, stehe aber klar gegen Diskriminierung!)

  4. 11.

    Ich verstehe das Gesabbel nicht. Übergewicht ist eine Krankheit, die zu Hochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall führt und zu Arthrose in Hüfte und Knien. Findet das jemand toll oder sollte das erstrebenswert sein?

  5. 10.

    Meine Meinung hierzu, aus einem Song von Queen: "Fat bottomed girls you make the rocking world go round!" :-)

  6. 9.

    Ich habe auch eine gute Bekannte, die unter Lipödem leidet. Aber wenn ich die vielen dicken Jugendlichen sehe, ich glaube nicht, dass die alle krank sind. Fastfood überzuckerte Getränke und wenig Bewegung sind wohl der Hauptgrund.

  7. 8.

    Ausfallender Schulsport, kein Schwimmunterricht, extremes "Übergewicht erwünscht" - das macht die Rente sicher...

  8. 7.

    Ja, aber leider ist dick gleich dick für die Ärzte. Die sehen da keinen Unterschied, ob durch Krankheit dick oder durch Essen. Es muss in den Köpfen der Ärzte ankommen. Es kann nicht sein, dass das Lipödem z.B immer noch nicht von vielen Fachärzten erkannt wird und einfach nur als Übergewicht abgetan wird.

  9. 6.

    Ich finde niemand sollte aufgrund seines Äußeren von irgendwem in irgendeiner Form angegangen werden.

    Aber als "normal" sollte man Übergewicht nun auch nicht vermarkten. Dafür gibt es einfach zu viele gesundheitliche Folgen die entstehen.

  10. 5.

    Hasskommentare gegen andere Menschen gehen gar nicht, ganz gleich welcher Art oder Couleur. Was aber auch nicht geht, so zu tun, als ob Fettleibigkeit ein Geschenk oder gar etwas Wünschenswertes wäre. Die Adipositas-Rate ist in Deutschland hat sich in etwa verdoppelt. Das ist eine erschreckende Entwicklung, die nicht dazu führen darf, dass man die Krankheit, schlechte Lebens- und Ernährungsgewohnheiten lobpreist.
    Gegen Rauchen ist man mit Kampagnen massiv vorgegangen, nachdem endlich der Widerstand der Industrie gebrochen war. Die BIG Lebensmittelkonzerne werden bis heute nicht zur Verantwortung gezogen, obwohl sie uns mit vielen Fertigspeisen (Convenience-Food) in schwere Krankheiten treiben, während gleichzeitig Lebensmittelampeln verhindert werden, um den Menschen eine bessere Ernährung zu erleichtern. Wir essen uns zu Tode. Die Industrie entmachten und Ernährungskampagnen starten, statt Fettleibigkeit als "normalen Zustand" zu propagieren, sollten die Vorgaben sein.

  11. 4.

    Das ist vor allem eine Frage der Gesundheit und nicht der Schönheit!
    Diabetes, schwere Gelenkoperationen an Knien, Hüfte, Rücken bis hin zu den Füßen, überaus unappetitliche und schmerzhafte Hautprobleme, Herzschäden, Allergien, Darm-, Leber- und andere Krebserkrankungen u. v. m. sind zu mindestens 90 Prozent vorprogrammiert, wenn nicht schon da.
    Es kann mir keiner erzählen, dass es bei 100 kg auf 1,60 m Größe Spaß macht, nur ein paar Treppen zu steigen oder auch einmal einen schönen Pumps zu tragen oder Reisen in Wüsten- oder Bergregionen zu machen... Die Jugend ist so kurz und man beschneidet sich um so viele Abenteuer und Erlebnisse mit solch einem Körperumfang.
    Und bitte nicht immer die Gesellschaft dafür verantwortlich machen oder wenigstens mal danke an die Krankenkasseneinzahler sagen.

  12. 3.

    .. bin gespannt, ob es auch hier Meinungen gibt, dass solche Menschen ihre medizinische Behandlung selber zahlen sollen..

  13. 2.

    Ich finde, es ist eine gefährliche Entwicklung Adipositas zu verharmlosen und herbzuspielen, wie es derzeit immer mehr der Fall wird. Es gibt immer mehr dicke Menschen in Deutschland, wir kommen immer näher an amerikanische Verhältnisse. Bereits viele Kinder sind adipös, weil sie sich nicht gesund ernähren und zu wenig Sport treiben. Und dass Menschen, die stark übergewichtig sind auch zu Lasten unseres Gesundheitssystems gehen wird völlig ausgeblendet. Es ist einfach nicht gesund, sich nicht zu bewegen und zu viel Zucker zu sich zu nehmen, das ist keine neue Erkenntnis.

    Disclaimer: Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen übergewichtig sind meine ich damit NICHT, das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

    (Btw: Auch sehr dünne Menschen unterliegen dem Bodyshaming, das interessiert aber scheinbar keinen, es geht immer nur um dicke Menschen)

  14. 1.

    Wenn man Größe 38 trägt, gilt man ja schon als übergewichtig und dick!

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