Publikumstag in der Neuen Nationalgalerie - "Ein wahrgewordener Traum, auf den wir so viele Jahre gewartet haben"

Die Neue Nationalgalerie in Berlin nach sechs Jahren Sanierung von außen (Quelle: rbb/Antje Bonhage)
Audio: rbbKultur | 23.08.2021 | Antje Bonhage | Bild: rbb/Antje Bonhage

Seit Sonntag ist die Neue Nationalgalerie in Berlin nach sechs Jahren Sanierung endlich wieder geöffnet. Die Architektur von Ludwig Mies van der Rohe strahlt in neuem Glanz. Und es gibt neben der Dauerausstellung viel von Alexander Calder zu sehen. Von Antje Bonhage

An der Potsdamer Straße, direkt gegenüber der Neuen Nationalgalerie, ist am Sonntag eine Trommelgruppe in Aktion. Denn hier führt an diesem Tag der Berliner Halbmarathon entlang. So werden die Besucherinnen und Besucher des Mies-van-der-Rohe-Baus am ersten Publikumstag regelrecht mit Tamtam begrüßt.

Fast 1.500 Menschen pilgerten über den Tag verteilt zum "Tempel der Moderne". Ihren Beinamen trägt die Neue Nationalgalerie zurecht: 1968 eröffnet, wirkt das Gebäude mit den Glasfronten und dem schwebenden Dach auf den schlanken schwarzen Stahlträgern heute, nach über einem halben Jahrhundert, noch immer modern.

Malerei der Klassischen Moderne

In den Ausstellungsräumen im Untergeschoss gibt es Klassische Moderne zu sehen. "Die Kunst der Gesellschaft 1900 bis 1945" heißt die Dauerausstellung mit Bildern aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie. Es ist ein Wiedersehen mit alten Bekannten, wie zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchners "Potsdamer Platz" von 1914 oder Otto Dix's "Skatspieler" von 1920. Aber auch Neuerwerbungen sind dabei und einige Leihgaben.

Man wolle keine chronologische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählen, sagt Joachim Jäger, der Leiter der Neuen Nationalgalerie. Vielmehr berge die Moderne gesellschaftliche Bewegungen und Brüche. Sie werden in der Dauerausstellung in Themenblöcken erzählt. In einem Raum geht es zum Beispiel um Stadtwahrnehmung und den Potsdamer Platz. In einem anderen um "Wege der Abstraktion". Es geht um Expressionismus und die Galerie "Sturm", mit Arbeiten aus der Gruppe "Der Blaue Reiter" und Positionen vor allem auch von Künstler:innen. "Politik und Propaganda" kommen vor, "Exil und Krieg", genauso wie "Trauma und Zerstörung".

Schach spielen mit Figuren von Alexander Calder in der Neuen Nationalgalerie (Quelle: rbb/Antje Bonhagen)Schach spielen mit Figuren von Alexander Calder in der Neuen Nationalgalerie

Die Präsentation der Werke in Themenblöcken überzeugt auch das Publikum. Es sei alles viel klarer als früher aufbereitet und man bekomme in den Begleittexten viele Informationen, lobt eine Frau.

Auch der neu zugängliche Skulpturengarten findet Anklang. Durch eine geöffnete Glastür kann man aus einem der unteren Ausstellungsräume zum frische Luft Schnappen und Flanieren ins Freie treten.

Zeitgenössisches von Rosa Barba

Das Grafische Kabinett, ebenfalls im Untergeschoss des Hauses, ist einer zeitgenössischen Schau gewidmet. "In a Perpetual Now" heißt sie und zeigt Filmkunst der in Berlin lebenden Künstlerin Rosa Barba.

Abgespielt werden Videos in einer raumgreifenden Installation aus Metallstangen und Gerüsten, die nach dem frühen Entwurf eines Landhauses von Mies van der Rohe von 1924 angeordnet sind. Eine "Mini Architektur-Ausstellung" sei das, findet Joachim Jäger. Und somit zugleich eine Hommage an Mies van der Rohe und die Wiedereröffnung des Museumsgebäudes.

Bewegtes und bewegendes von Alexander Calder in der Haupthalle

Ein Höhepunkt an Architektur- und Raumerlebnis bietet schließlich die Calder-Ausstellung oben in der gläsernen Haupthalle. Der Amerikaner Alexander Calder ist ein Vertreter der kinetischen Kunst und gilt als Erfinder des Mobiles. Er war ein Zeitgenosse von Mies van der Rohe, allerdings ohne dass die beiden sich persönlich kannten.

Von Calder sind in dieser Sonderausstellung zu sehen: Große und kleine Werke. Monumentale Plastiken, um die man sich herumbewegen kann und die je nach Blickwinkel immer wieder anders erscheinen. Sowie Mobiles, gigantisch oder in Miniatur, die sich selbst bewegen oder dann und wann eigens für die Besucher in Bewegung gesetzt werden.

Sie seien auch wegen Calder hergekommen, sagt ein Besucherpaar. Dessen Plastiken hätten sie bereits in Chicago, in London und anderen Teilen der Welt begeistert. In der Glashalle der Neuen Nationalgalerie kämen sie gut zur Geltung.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin erstrahlt zur Wiedereröffnung in neuem Glanz

Schachspiel mit Figuren von Calder

In einer Ecke der Halle sind Tische mit je zwei Stühlen aufgebaut. Hier kann man mit von Calder entworfenen Figuren Schach spielen. Die Kunsthistorikerin Maike Steinkamp ist erfreut, wie gut die Schachtische angenommen werden.

Steinkamp hat die Calder-Ausstellung kuratiert. Ihr persönliches Lieblingsobjekt ist in einer kleinen Vitrine ausgestellt: Eine Zigarrenkiste mit fünf winzigen Skulpturen, die Alexander Calder 1943 für seine Frau Louisa geschaffen hat. "Damit sie seine Skulpturen immer mit sich führen konnte. Er hat sie damit quasi zu mobilen Objekten gemacht", sagt die Kuratorin.

Endlich wieder Kunst in der Neuen Nationalgalerie

Draußen hat inzwischen der Regen die Trommler vom Straßenrand verdrängt.

Ein Traum gehe in Erfüllung, nun endlich wieder Kunst in der Neuen Nationalgalerie erleben zu dürfen, schwärmt eine Berlinerin. "Es ist ein wahrgewordener Traum. So viele Jahre haben wir darauf gewartet", sagt sie.

Das Tamtam, mit dem das Museum wiedereröffnet wurde, war also ganz gewiss nicht zu groß.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin erstrahlt zur Wiedereröffnung in neuem Glanz

Sendung: rbbKultur, 23.08.2021, 07:45 Uhr

Beitrag von Antje Bonhage

7 Kommentare

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  1. 7.

    ..wenn man die Feinheiten der Architektur nicht sieht, kann man nichts machen! Lg :)

  2. 6.

    Nö, schöner. Einfach mal hinfahren und auf sich wirken lassen. Und wenn's nicht gefällt, na gut.

  3. 5.

    Ja, es steht noch viel rum. Wird halt in der Gegend noch viel gebaut. Das tut aber der Schönheit des Baus keinen Abbruch.

  4. 3.

    Ist das ein Terminal auf dem BER? ;)

  5. 2.

    SO siehts momentan gar nicht aus, drum rum nur Baken, Chaos und Baustellen. Was was soll dieser symbolische Radfahrer auf dem Computer-Entwurf?

  6. 1.

    Ästhetik pur !

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