Interview | Künstlerin Alicja Kwade - "Da fragt man sich doch, warum nehmen die sich alle so wichtig?"

Die Künstlerin Alicja Kwade steht anlässlich der Berlin Art Week in der Berlinischen Galerie neben ihrem Werk "Principium". (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
dpa/Jörg Carstensen
Audio: Inforadio | 17.09.2021 | Vis a Vis Alicja Kwade | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Alicja Kwade wird als eine der spannendsten Künstlerinnen der Gegenwart gefeiert. Ihre Skulpturen sind weltweit gefragt. Ihre neue Ausstellung ist nun in der Berlinischen Galerie zu sehen. Ihren Herzschlag überträgt sie dorthin live, erzählt Kwade im Interview.

rbb: Alijca Kwade, Ihre Ausstellung heißt "In Abwesenheit" - spielt das auch auf die Pandemie-Zeit an, in der wir leben, in der wir alle notgedrungen fern vom öffentlichen Leben waren?

Alijca Kwade: Das Konzept und auch der Titel der Ausstellung wurden schon vor drei Jahren entwickelt. Da hatte 'In Abwesenheit' noch eine andere Färbung, als es jetzt vielleicht gelesen wird. Der Titel hat mit Inhaltlichkeit der Ausstellung zu tun. Es hat damit zu tun, dass man zwar alles erfährt, aber nichts weiß. Ich beschreibe mich in allen Details bis zu meinem kompletten Gencode. Und doch bin ich nicht da. Und genau das spiegelt der Titel wider.

Der Besucher kommt Ihnen - Ihrer Abwesenheit zum Trotz – sehr nah. Man hört Ihr Herz schlagen und der Puls tönt aus 24 Lautsprecherboxen. Wir hören das Herz, obwohl Sie nicht da sind?

Ich entscheide das selbst, wann das passiert. Ich trage eine Armbanduhr an, die meinem Herzschlag live in die Ausstellung überträgt. Dann bin ich leibhaftig, quasi physisch in meinem Zentrum der Ausstellung. Und doch halt nicht da. Und innerhalb dieser Installation löse ich mich dann auch auf in 24 Menschen und schrumpfe dann wieder zu einer Person zusammen. Mein Herz widersetzt sich seiner vermeintlichen Verortung: Es wird ganz viele und geht weg und kommt wieder.

Alicja Kwade, Detail Installationsansicht Clout-Count (2018), GLANCES at Blueproject Foundation, Barcelona, 2018. Courtesy of the artist (Quelle: Roman März)
| Bild: Roman März

In der Ausstellung besteht eine Ihrer Arbeiten aus Ihrem vollständig ausgelesenen Genom. Auf über 314.000 Blatt Papier gedruckt, 12.000 an der Wand aufgehängt. Man kann das lesen wie ein Buch, aber so viel erfährt man dann doch nicht?

Mir geht es um zwei Sachen, die mir ganz deutlich werden. Man kann alles erfahren, man kann die Welt irgendwie entschlüsseln und in kleinste Teile zerlegen. Und doch ist man als Mensch gar nicht dafür ausgelegt, um das jemals zu verstehen. Das Geheimnis bleibt das Geheimnis. Wir können uns nur damit arrangieren und irgendwie gucken, wie wir hier miteinander klarkommen.

Das ist so eine relativ traurige Situation, in der wir uns befinden, die auch natürlich große Chancen bietet. Wir haben eine wahnsinnig tolle Matrize bekommen. Wir sind alle zu 99,999 Prozent genau gleich. Nur eine DNA-Mutation von 0,001 Prozent macht den Unterschied. Und da fragt man sich doch, warum nehmen die sich alle so wichtig? Was spielt das für eine Rolle, ob man Mann ist oder eine Frau ist oder schwarz oder weiß oder das oder jenes? Das macht für mich dieses absurde, irgendwie auch kabarettistische fast aus, dass man daraus ziehen kann. Man kann alles erfahren und trotzdem weiß man nichts. Und man verbindet sich sozusagen und ist so in einem Verbund.

Zur Person

Die in Berlin lebende Künstlerin Alicja Kwade (Quelle: dpa/Christina Horsten)
dpa/Christina Horsten

Alicia Kwade wurde 1979 in Katowice, Polen geboren. Von 1999 bis 2005 studierte Kwade Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Werke wurden in den vergangenen Jahren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. in New York und im Hamburger Bahnhof gezeigt. Außerdem erhielt Kwade den Piepenbrock-Preis (2008) und Robert Jacobsen Preis (2010).

Wie recherchieren Sie das?

Da kommt eins zum anderen. Ich habe mal irgendwann recherchiert, welche Pigmente beinhaltet der Mensch, so kam ich auf Melanin. Mehr ist es nicht, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger, das war es schon. Und dann habe ich mich gefragt, aus welchen Elementen wir bestehen. So kam ich eben zu dieser Arbeit 'Selbstporträt', weil ich sehr verblüfft war, dass es eigentlich nur 24 Elemente sind, also sehr überschaubar.

Dann guckt man weiter: Was sind denn diese Elemente? Wie sind diese Atome angeordnet? Wie wird man personifiziert? Was macht jetzt den Unterschied von mir zu jemand anders aus? Warum bilde ich mir ein, ich zu sein? Ich lese mir Sachen an und hier hat mir ein befreundeter Wissenschaftler sehr geholfen, der mir überhaupt den Zugang zur DNA gewährt hatte. Das darf man so in Deutschland als Privatperson aus Datenschutzgründen gar nicht. So geht es dann Schritt für Schritt.

Die Ausstellung wurde Corona-bedingt verschoben, ist da noch was dazugekommen an Werken oder gab es Veränderungen in der Konzeption?

Nicht wirklich. Eine witzige Arbeit ist dazu gekommen, das ist das 'Selbstporträt als Geist'. Wenn man durch ein Rastermikroskop schaut und sieht, dass die DNA wie ein gewebter persischer Teppich aussieht. Und das ist dann Materie, und das ist man selbst. Da kann man eigentlich nur noch lachen. Kein Mensch kann mir erzählen, dass der Mensch dafür gedacht ist, das zu kapieren. Dann kann man sich eigentlich nur noch unter dem Bettlaken verstecken, finde ich. Und genau das habe ich getan. Ich bin mit zusammengenähten Bettlaken zu einer Scan-Bude gegangen, in der man sich Anzüge maßschneidern lässt. Da habe ich mir dieses Bettlaken über den Kopf geworfen und mich einscannen lassen. Das ist mein entmaterialisiertes Ich in Bronze, das nun vor der Berlinischen Galerie steht.

Infos im Netz

Sie sind eine der erfolgreichsten Künstlerinnen Deutschlands und sehr viel unterwegs. Wie haben Sie das Jahr Vollbremse durch Corona erlebt?

Ach, ich kann nicht sagen, ob das gut oder schlecht war. Es war eine Vollbremse für die ganzen Reisen, die ich sonst mache und es wurde ganz viel an Projekten abgesagt. Man muss sich da irgendwie sortieren. Das macht einen natürlich nervös. Ich musste mein ganzes Atelier umstrukturieren, das hat auch viel mit meinem Team gemacht. Aber ich bin eine stoische Optimistin. Natürlich hat es auch Gutes gebracht, weil man in Extremfällen klarer wird und guckt, wer und was für einen wichtig ist. Da konzentriert man sich mehr. Aber mich hat am Anfang der Pandemie wahnsinnig genervt, dass man durch Corona so viel Zeit hätte und wie toll das sei. Das hat mich richtig aggressiv gemacht, weil das eine perfide Luxussicht war, die sich da irgendwie ein paar Leute erlaubt haben.

Für mich war das keine Pause und kein Luxus und kein Garnichts. Das war eine erzwungene Verlangsamung. Wenn man ein größeres Team hat, dann kann man sich nicht zurückziehen und irgendwie nur vor sich hinwursteln, da muss man andere Probleme lösen. Ich hoffe, dass wir das nun langsam irgendwie gelöst haben. Und dann geht es auch irgendwie weiter.

Ihre Ausstellung ist Teil der Art Week. Glauben Sie, dass es so wie früher wird mit den Ausstellungen oder wird sich die Kunstwelt, auch hier in Berlin, verändern?

Ich glaube, dass die Kunstwelt sich sowieso verändert. Aber das ist ganz unabhängig von dieser Pandemie. Es gab sowieso eine Notwendigkeit, da umzudenken beziehungsweise manche Sachen haben einfach nicht mehr funktioniert. Warum gibt es diese ganzen Kunstmessen? Warum karrt man die ganzen Kunstwerke von A nach B und wieder zurück? Das ist ja alles absurd. Auch das Verhältnis von Galerien und Künstlern muss sich durch die Möglichkeiten des schnellen Informationsaustausches ändern.

Alicja Kwade, Selbstporträt, 2020, Courtesy of the artist; KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland (Quelle: Roman März)
Roman März

Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung eines Interviews, das Barbara Wiegand mit Alijca Kwade für Inforadio geführt hat. Sie können das Gespräch anhören, wenn Sie das Symbold im Artikelbild anklicken.

Sendung: Inforadio, 17.09.2021, 10:35 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Eigentlich ist die Austellung nur für weiße Männer. Der Rest hat wenig oder keine Privilegien. Dem Rest nützt die Erkenntnis, dass wir alle gleich sind nicht viel.

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