Berufung von Klaus Biesenbach - Stiftung preußischer Kulturbesitz sucht Glamour mit neuem Namen

Die Alte Nationalgalerie ist im Licht der aufgehenden Sonne zu sehen. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
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Audio: rbb Kultur | 11.09.21 | Bild: dpa/Christoph Soeder Download (mp3, 5 MB)

Der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist mit der Berufung von Klaus Biesenbach zum Direktor der Neuen Nationalgalerie ein Coup gelungen. Doch die Diskussion um den richtigen Umgang mit Kolonialbesitz im Humboldtforum ist nicht verstummt. Von Maria Ossowski

Berlin komme endlich raus aus der Provinz, so haben manche Museumskenner bei den neuen Personalien gejubelt. Klaus Biesenbach ist international bekannt, er war Chefkurator im Museum of Modern Art in New York, künstlerischer Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Los Angeles, und jetzt kehrt der 54-jährige zurück nach Berlin, um hier zwei exquisite Museen zu übernehmen: die frisch renovierte Neue Nationalgalerie und das im Entstehen begriffene Museum für die Kunst der 20. Jahrhunderts. Eine Findungskommission hat sich für ihn entschieden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz haben aber vorsondiert, gehört, ob der umtriebige Networker sich überhaupt vorstellen könne, die USA nach 17 Jahren zu verlassen.

Hermann Parzinger kennt Biesenbach seit Langem. Er sagt: "Immer wenn er in Berlin war – er war ja regelmäßig in der Stadt – da haben wir uns gesehen. Ich habe ihn auch oft in New York besucht und verfolgt, was er so macht und welche tollen Sachen er organisiert. Insofern waren wir uns keine Fremden, sondern eigentlich immer im engen Kontakt."

Biesenbach denkt global, divers und ökologisch

Klaus Biesenbach hat Marina Abramović zum Meditieren eingeladen, er steht für sehr unkonventionelle Aktionen, die seine Häuser ins Gespräch bringen. Heißt das, Lady Gaga singt jetzt zwischen Kirchner und Calder? Warum nicht, spektakuläre Impulse sind attraktiv. Persönlich, so Hermann Parzinger, sei Biesenbach eher nachdenklich und zurückhaltend. "Er hat wirklich einen sehr modernen Kunstbegriff. Er sieht auch Kunst in globalen Maßstäben und hat ein unglaubliches internationales Netzwerk. Das ist ganz wichtig", sagt er. Die Sammlung der Stiftung sei stark in der europäischen oder amerikanischen Moderne verankert. "Hier jetzt wirklich global und divers zu arbeiten, ökologische Aspekte miteinzubeziehen – Biesenbach hat am MoCa in Los Angeles ein ökologischen Beirat fürs Museum gegründet – das sind alles Dinge, die zeigen, dass er unentwegt weiterdenkt", so Parzinger weiter.

Klaus Biesenbach (Quelle: dpa/Mark Von Holden)Ausstellungsmacher Klaus Biesenbach

Auch Hamburger Bahnhof bekommt neue Spitze

Auch die beiden künftigen Leiter des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil und Till Fellrath stehen für internationale Vernetzung.

"Wenn man schaut, was Sam Bardaouil und Tim Fellrath für einen Lebenslauf hinter sich habe, Biennalen von Sydney bis Venedig, den libanesischen Pavillon in Doha und und und. Sie haben mit 70 Institutionen weltweit zusammen gearbeitet. Das sind Netzwerke, die die beiden mitbringen."

Das Feedback auf diese Berufungen, auch auf die große Schenkung der Beuyskunstewerke durch die Familie Marx, ist fast ausschließlich positiv. Aufwind für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz? Sie wird momentan gemessen an ihrem größten Projekt, dem Humboldt Forum. Und das hat vor der Eröffnung viel Kritik einstecken müssen. Stichwort: Umgang mit Sammlungen aus kolonialem Kontext. Selbst die Kulturstaatsministerin ist skeptisch geworden. Es fehle ein Gesamtkonzept, so Monika Grütters. Der Intendant Hartmut Dorgerloh ist verantwortlich, um das Stadtmuseum Berlin, die Humboldt-Universität, die ethnologischen Sammlungen und das Museum für asiatische Kunst unter einen Hut zu bringen. Hermann Parzinger verteidigt ihn: "Er bringt da schon die Player zusammen. Aber das kann erst wirklich beginnen, wenn alle Bereiche eröffnet sind."

Grütters will mehr Selbstbewusstsein der Stiftung

Ein weiterer Kritikpunkt der Staatsministerin Monika Grütters an ihrem größten Projekt: die Ethnologen der Stiftung hätten sich offensiver positionieren müssen gegen die Angriffe, alles sei zu Kolonialzeiten gestohlen, die Präsentation daher unethisch. "Das alles hat zu einer großen Verunsicherung geführt und ich finde, da müssen die Museums-Ethnolog:innen auch versuchen, mit mehr Selbstbewusstsein an die Öffentlichkeit zu treten und dem entgegenzutreten und sagen, ja, wir wissen, dass vieles nicht thematisiert worden ist, aber das ist nicht die Schuld der Museen oder der Ethnologie, sondern das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen."

Das Humboldt Forum, so Hermann Parzinger, wird immer Debatten auslösen, sich vielleicht auch immer wieder neu präsentieren. "Da wird es Dinge geben, die sind fantastisch. Da wird es aber auch möglicherweise andere Bereiche geben, in denen sich Debatten entzünden, die man später verändern will. Aber das gehört dazu", sagt er. Man Habe Kooperationen mit Amazonien, mit indigenen Gruppen aus Brasilien, Venezuela, Kolumbien, man habe Projekte mit afrikanischen Ländern oder auch mit Asien. Aus diesen Kooperationen sollen neue Inhalte entstehen, neue Ideen für Ausstellungen.

Sendung: rbb Kultur, 15.09.21, 7:40 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Wie ich das empfinde:

    Alles drei wird nicht gehen: 1. Eine überhastete Rückgabe, 2. eine gründliche Aufarbeitung, in welchem Kontext es zu Raubkunst kam und 3. gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Kunstgegenstände als Quasi-Erbe der Menschheit auch in 50 Jahren noch wohlbehalten existieren. Dabei ist die Rangfolge der Betrachtung klar: Zuallererst ist die geistige und materielle Quelle der Kunstgegenstände selbstverständlich diejenige Gegend, denen sie entstammen. Erst wenn kein adäquater Aufenthalts- und Sicherungsort dort gefunden werden kann, müssen sich andere Lösungen überlegt werden - bspw. auch als zeitliche Leihgabe, bis hoffentlich ein solcher Ort gefunden werden kann.

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