Theaterkritik | "Merkel" im Theater Thikwa - Liebevoll-verspielt und trotzdem mit Tiefgang

Theater Thikwa: "Merkel"; © Hannsjana
Hannsjana
Audio: Inforadio | 02.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Hannsjana

Nicht eindimensional, sondern vielschichtig sein - das kann das Berliner Performance-Kollektiv Hannsjana. Mit der Polit-Revue "Merkel" im Theater Thikwa ist ihm ein weiteres Stück gelungen. Von Ute Büsing

Gleich acht Angela Merkels laufen in der poppig-bunten Revue auf kreisrundem blauen Teppichboden vor Rednerpulten und Bundestagsauditorium auf. Sie tragen alle den typischen Look der Langzeit-Kanzlerin: schwarze Hose und darüber die seriellen leuchtenden Jacketts. Ihre Gesichtszüge sind, nun ja, so verspannt wie wir das von Merkel meist kennen. Ihre Aussagen: Teflon. Alles prallt ab.

Die Performerinnen haben das große Vorbild gut studiert und zeichnen in kurzen Zügen den Aufstieg nach - von "Kohls Mädchen" zur "Vatermörderin", Bundeskanzlerin, Wir-schaffen-das-Bewältigerin in den Atomausstieg. Wie immer ist der Umgang mit dem Stoff beim jungen weiblichen Kollektiv Hannsjana eher liebevoll-verspielt als bissig-böse.

Der Hof des "English Theatre" und des "Theater Thikwa" in Berlin Kreuzberg - Foto und Copyright: English Theatre Berlin

Das Berliner Performance-Kollektiv Hannsjana hat sich in wenigen Jahren mit vielschichtigen künstlerischen Arbeiten einen sehr guten Ruf erworben. Beim integrativen Berliner Theater Thikwa zeigt es jetzt - nach dem Riesenerfolg mit der Drag-King-Show "Diane for a Day" - die Polit-Revue "Merkel". Uraufführung war am Mittwoch.

Nie gewählt, aber gut studiert

Das Publikum bekommt dabei die Gelegenheit, mit einer der Angela Merkels zu telefonieren und ihr Privates zu entlocken, etwa dass sie zuhause eine rosa Samthose und Pumps trägt und auch mal zum E-Roller greift, gut gesichert mit Fahrradhelm. Die dergestalt nahbaren Kanzlerinnen nehmen dennoch deutlich Machtpositionen ein, behalten die kommunikative Oberhoheit und navigieren sich mit diplomatischem Geschick durch allerhand Krisen.

Hier dürfen die Merkels aber auch total aus den Rollen fallen, zu Disco-Hits ausgelassen tanzen und mitsingen, um den besten Platz am Rednerpult rangeln und sich individuell als Kandidatinnen in Szene setzen, auch in kleinen Film-Einspielern pünktlich zur Bundestagswahl für sich werben. Und hier wird der gut einstündige kurzweilige Unterhaltungs-Abend punktuell politisch: Bis das Bundesverfassungsgericht einschritt, durften 85.000 Menschen mit Beeinträchtigung nicht wählen.

Politikum: Wahlberechtigung für Menschen mit Beeinträchtigung

Jetzt können die Thikwa-Performerinnen, die auf Betreuung angewiesen sind, wählen gehen und sich wählen lassen. Sie demonstrieren dies beim Gang zum - zur Wahlkabine umfunktionierten - Rednerpult, eine nach der anderen. Inklusiv bedeutet eben: Alle können mitmachen - Credo sowohl des noch jungen Kollektivs Hannsjana als auch des Theaters Thikwa im dreißigsten Jahr.

Wie schwierig die Wahl-Prozedur für jedermann zu verstehen ist, wird in einem kleinen Verwirrspiel über Wahlorte und Wahlzettel deutlich gemacht. In einem winzigen bösen Dreh verweigern die Merkels aus diesem Theaterstück den Nicht-Beeinträchtigten einfach mal per Dekret die Wahlbeteiligung. Dazu schaut ihnen maskenhaft der Bundesadler über die Schulter.

Gleichtzeitigt behalten die Performerinnen immer die Autorität, die trotz allem wohl doch auch feministischen Führungsfigur Angela Merkel auszuloten - auch wenn Merkel im Theaterstück Krisen durchlebt. Hannsjana hat es drauf, das Spiel mit behutsamen Bedeutungsverschiebungen.

Die Kanzlerin hatte übrigens mitteilen lassen, dass sie leider nicht zur Uraufführung von "Merkel" kommen kann. Schade eigentlich, sie hätte bei diesem kleinen freundlichen Stück etwas lernen können.

Beitrag von Ute Büsing

Nächster Artikel