Berliner Schaubühne - Theater-Festival Find startet seine 20. Ausgabe

Schaubühne: FIND; © Andrea Handels
Andrea Handels
Audio: Inforadio | 30.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Andrea Handels

Bereits zum 20. Mal startet das internationale Theater-Festival Find an der Berliner Schaubühne. Gezeigt werden dabei ab Donnerstag neben neuen Produktionen auch Arbeiten, die im Frühjahr 2020 der Pandemie zum Opfer fielen. Von Ute Büsing

Aus dem kleinen Insider-Fest mit szenischen Lesungen und Diskussionen ist in Ermangelung anderer großer internationaler Theaterfestivals in Berlin längst ein weltumspannendes Format geworden. Florian Borchmeyer, Dramaturg an der Schaubühne, hat wesentlich an der Entstehung und Programmerweiterung des Festivals für Internationale Neue Dramatik (Find) mitgewirkt.

"Viele der großen Regisseurinnen des internationalen Theaters haben in Berlin buchstäblich keinen Platz mehr. Sie kommen jetzt zu Find und haben das Festival zu einer Art Plattform des internationalen Theaters in Berlin gemacht mit einem ganz starken Fokus auf gegenwärtige Texte," so Borchmeyer.

Queere Gegenbilder bei Kirill Serebrennikov

Die 20. Ausgabe steht unter dem Motto "Gegenbild und Gegenmacht" und versammelt sehr unterschiedliche Handschriften und Stilrichtungen der Gegenwartsdramatik. Zum Auftakt an diesem Donnerstag kommt "Outside" nach Berlin, eine stark an queere Ästhetik angelehnte Produktion des russischen Regiestars Kirill Serebrennikov - ohne ihn, denn er darf noch immer nicht ausreisen.

Die Schaubühne "schätzt sich glücklich", so Florian Borchmeyer, "dass das Stück überhaupt aus Russland, einem Nicht-EU-Land, zu uns kommen kann." Das auch im Hinblick auf die Corona-Pandemie, die eine frühzeitige Verschiebung des im vergangenen Jahr ausgefallenen Festivals von Frühjahr auf den Herbst nötig machte. In "Outside" verknüpft Serebrennikov eigene Erfahrungen der Repression mit denen des chinesischen Fotografen Ren Hang, der die rebellische junge Generation porträtierte, bevor er Selbstmord beging.

Zeldin erstmals zu Gast in Berlin

In einem hyperrealistischen Setting kommt Alexander Zeldins "Love" daher, ebenfalls ab diesem Donnerstag. Zum Teil mit eigens für die Produktion gecasteten Laiendarstellern wird von Marginalisierung in einer Notunterkunft erzählt, wobei der Titel "Love" kein Sarkasmus sei, "sondern die Möglichkeit von Liebe trotz aller widrigen Umstände greifbar macht", so der Schaubühnen-Dramaturg.

Zum ersten Mal überhaupt ist der Autor und Regisseur aus London in Berlin zu Gast. Ein Künstler, der für den deutschsprachigen Theaterraum neu zu entdecken sei, sagt Florian Borchmeyer.

Solo-Performance von Edouard Louis

Wie beharrlich Find künstlerische Allianzen schmiedet, zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit Edouard Louis. Sein Roman "Im Herzen der Gewalt" war bereits in der Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne zu sehen. Jetzt zeigt der 28-jährige französische Schriftsteller sein Memoir "Wer hat meinen Vater umgebracht" als Solo-Performance (ab 7.10.).

Der autofiktionale Text sei schon angelegt wie ein Theatermonolog, ohne dass sich Louis allerdings selbst als Darsteller im Sinn gehabt hätte, sagt Borchmeyer, der die Proben mit Thomas Ostermeier begleitet hat. Der Dramaturg zeigt sich beeindruckt von der Darstellungskraft des Schriftstellers, der auch Tanz- und Gesangseinlagen hinzuerfunden habe und "wie geboren für die Bühne" sei. Bereits vor der Pandemie wurde das Solo mit großem Erfolg in Paris uraufgeführt und später auch auf der Biennale von Venedig gezeigt.

Angelica Liddell: Bedeutendste Text-Performerin der Welt

Der erstmals eingeführte Schwerpunkt "Artist in Focus" ist der spanischen Dramatikerin, Regisseurin und Performerin Angelica Liddell gewidmet. Artauds Theater der Grausamkeit und die Gegenkulturen des 20. Jahrhunderts sind ebenso Inspirationsquellen ihrer radikalen Arbeiten wie die abendländische Malerei und der spanische Surrealismus.

Liddell war schon mehrfach bei FIND zu Gast und einige ihrer Arbeiten wurden auch ins Repertoire der Schaubühne übernommen. In ihrer neuesten Inszenierung "Liebestod" (ab 6.10.) bringt sie jetzt Richard Wagners Mythos und Musik mit der Geschichte eines berühmten Torreros zusammen.

Mit totalitären kunstfeindlichen Dystopien und Strukturen setzt sie sich in "The Scarlett Letter" auseinander. Wie immer geht es um nichts weniger als Liebe und Tod, Spiritualität und Transzendenz.

Liddell lädt zu Führung in der Gemäldegalerie ein

Schaubühnen-Dramaturg Florian Borchmeyer hält Liddells Arbeiten für "ganz untypisch für die heutige Theaterbühne - komplett unklassifizierbar". Weder seien sie sozialkritisch noch feministisch. "Sie ist aber wahrscheinlich die bedeutendste Text-Performerin der Welt", so Borchmeyer, "von maschinenhafter Gewalt und gleichzeitig Zartheit".

Für das Schaubühnen-Publikum macht Angelica Liddell eine Führung in der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz. Dabei will sie ihre Inspirationsquellen aus der bildenden Kunst deutlich machen.

Wie immer begleiten szenische Lesungen und Podiumsgespräche das Find-Festival. Bis zum 10. Oktober ist die Welt zu Gast in der Schaubühne.

Das Programm zum Festival gibt es auf der Internetseite der Schaubühne [schaubuehne.de]

Sendung: Inforadio, 30.09.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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