Theaterkritik | "Mercedes" am DT - Der Resonanzraum fehlt

Julia Windischbauer und Caner Sunar während der Fotoprobe für das Stück Mercedes im Deutschen Theater Berlin. (Quelle: imago images/M. Müller)
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Audio: Inforadio | 11.09.2021 | Ute Büsing | Bild: imago images/M. Müller

"Spielen um zu spielen" war das Motto des Dichters und Dramatikers Thomas Brasch. In der Box des Deutschen Theaters Berlin ist jetzt seine Groteske "Mercedes" in einer Neuinszenierung zu sehen. Ute Büsing ist nicht begeistert.

Freitagabend in der Box des Deutschen Theaters: Es ist in dieser Premiere von Thomas Braschs "Mercedes" ein Spiel im Spiel, beziehungsweise es sind allerlei Rollenspiele, in die sich zwei aus der Zeit gefallene abgewirtschaftete Figuren rund um ein ausgebranntes Autowrack vertiefen (das hier kein Mercedes ist). Wie auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder bei Beckett, liefern sich Oi und Sakko, bald befeuert von der Droge Stechapfel, die ihnen eine andere Zeitdimension schafft, Wortgefechte um alles und nichts.

Oi trägt Brandspuren auf ihrem gelben Ganzkörperanzug, Sakko stiefelt in einem gelben Tüllkleidchen ums Autowrack. Zu den von Thomas Brasch in diesem Outsider-Text verhandelten großen Themen Arbeit, Raum und Zeit, gesellt sich in der Inszenierung der 1990 geborenen Newcomerin Charlotte Sprenger jetzt Gender. Denn Julia Windischbauer gibt die männliche Figur Sakko breitbeinig mit mächtig Macho-Kick.

"Mercedes" am DT
Bild: Emma Szabó

Hinzu erfundene Gender-Fluidität

Manchmal erscheint einem aber auch Franziska Machens wild philosophierender Oi mehr wie ein Kerl. Die Gender-Fluidität verhilft der 1983 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführten Vorlage, die ihre Erstaufführung in der DDR 1985 erlebte, aber nicht zu neuer Dimension. Es ist über knapp anderthalb Stunden unter einem leuchtenden Mercedes-Stern am Bühnenhimmel ein Auf-der-Stelle-Treten im Gange, ein Geschiebe und Gezerre rund ums Autowrack, manchmal fast hilflos gefüllt mit den Episoden der Vorlage: Autoschiebereien in Griechenland, Autostrich-Sex, U-Boot-Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und Geschäftsverlust.

Denn als dritter kommt ein toter Mann im befleckten grauen Samtanzug ins Spiel, der die ganze Zeit schon schweigend im Wrack saß und bei seinem Spieleintritt auch nicht viel zu sagen hat: Es ist ein von Caner Sunar verkörperter ehemaliger U-Boot-Kommandant, der offenbar wegen des Verlustes seiner Werkstatt Selbstmord begangen hat und sich jetzt, zurückgeholt in die Wirklichkeit ohne Werkstatt, gruselt, lieber weiter im ewigen Schlaf der Gerechten verharren will.

Abgründig-anarchische Gesellschaftsspiele zum Zeittotschlagen

"Mercedes" steht für die symbolträchtige Automarke und zugleich für die heilige Maria von der Gnade der Gefangenenbefreiung. Warum das Deutsche Theater gerade jetzt Thomas Braschs abgründig-anarchisches Gesellschafts-Spiel auf der Kippe von Traum und Trauma, Poesie und Klamauk, ausgräbt, erschließt sich nicht. Sein 20. Todestag ist erst am 3. November.

Diese Gestrandeten und ihre Spiele zum Zeittotschlagen, wie sie hier wiederbelebt werden, bleiben einem jedenfalls fremd, so wie sie sich, in der Unfähigkeit, einander näher zu kommen. Auch Gesangs- und Tanzeinlagen mit Schmelz beziehungsweise Hüftschwung weiten den Horizont nicht.

Was der Inszenierung in der kleinen DT-Box, wo das Publikum rund ums Autowrack dicht an dicht unterm Mund-Nasen-Schutz zusammen hockt, fehlt, ist aber ein Resonanzraum, eine Weitung. So bleibt Ratlosigkeit.

Beitrag von Ute Büsing

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