Hodler-Ausstellung in der Berlinischen Galerie - Viel Pathos, viel Spirituelles - und dennoch modern

Ausstellungsansicht "Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne" (Quelle: Harry Schnitger)
Bild: Harry Schnitger

Er gilt als der populärste Maler der Schweiz: Ferdinand Hodler hat die moderne Kunst geprägt und malte ausdrucksstarke Figurenbilder und Berglandschaften. Dabei ist kaum bekannt: Hodlers Weg zum Ruhm führte über Berlin. Von Maria Ossowski

Meist kam er am Anhalter Bahnhof an und wohnte im Hotel Palast am Potsdamer Platz. Ein eigenes Atelier wie sein Kollege Edvard Munch hatte der berühmte Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) in Berlin zwar nicht, aber 40 Mal hat er in der Hauptstadt ausgestellt. "Berlin war damals das Sprungbrett für Hodler zum internationalen Ruhm", so die Kuratorin Stefanie Heckmann.

Die Berlinische Galerie zeigt ab Freitag (10.09.) die erste Retrospektive seit fast 40 Jahren mit grandiosen Leihgaben. Berlin war, nach der Schweiz, Hodlers wichtigster Präsentationsort. Große Galeristen wie Fritz Gurlitt und Paul Cassirer haben ihn vertreten. Er war Mitglied der Künstlergruppe der Secession und hat mit dem Deutschen Künstlerbund ausgestellt. Seine Künstlerkollegen verehrten ihn, aber das Publikum im nüchtern-preußischen Berlin war zunächst skeptisch - viel Pathos, viele Seelenbilder, viel Spirituelles.

"Dieser klare Blick auf Berge, auf Seen, in die Wälder hinein"

Andererseits hatten die Berliner in ihrer so schnell gewachsenen Riesenmetropole mit den vielen Mietskasernen aber auch Sehnsucht nach jener Welt, die Hodler malte. "Dieser Blick in die Natur war auch so etwas wie eine sehnsuchtsvolle Gegenbewegung, die mit großer Skepsis der industriellen Entwicklung gegenüberstand", erklärt Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie. "Da kam Hodler natürlich richtig gut an, mit diesem Naturerleben, mit diesem klaren Blick auf Berge, auf Seen, in die Wälder hinein."

Ausstellungsansicht "Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne" (Quelle: Harry Schnitger)
Bild: Harry Schnitger

Zwei seiner berühmtesten Gemälde hängen im Westflügel der Galerie: "Die Nacht" und "Der Tag". Das Ölbild "Die Nacht" - drei Meter breit, 1890 gemalt - geriet zunächst zu einem Skandal. Eros und Tod begegnen sich, ein Todesgespenst hockt auf der Brust des Malers, der umgeben ist von schlafenden, nackten Menschen. In Genf, der Heimat Hodlers, wurde es im Musée Rath abgehängt. "Er hat das dann aber zu seinem Vorteil gewendet, indem er das Bild in einem nahegelegenen Gebäude gezeigt hat, in einer privaten Ausstellung, für die er sehr viel Geld eingenommen hat", erklärt Stefanie Heckmann. Mit diesem Geld hat er das Bild nach Paris geschickt - und dort begann sein Welterfolg.

Viel Nähe zum Leid

Die Menschheitsfragen um Werden und Vergehen, Liebe und Tod finden sich in vielen Werken Hodlers. "In der Familie war ein allgemeines Sterben", schrieb der Maler. "Mir war schließlich, als wäre immer ein Toter im Haus und als müsste es so sein." Hodlers Gemälde berühren in ihren existentiellen Fragen alle Betrachter, so Thomas Köhler, eben wegen ihrer Nähe zum Leid. Hodler war der älteste von sechs Kindern und musste mit ansehen, wie alle seine fünf Geschwister und seine Eltern gestorben sind. Später hat er zwei Lebensgefährtinnen gewissermaßen in den Tod begleitet.

50 Gemälde aus allen Schaffensperioden stellt die Berlinische Galerie aus, in enger Kooperation mit dem größten Leihgeber, dem Kunstmuseum Bern. Porträts, Landschaftsbilder, Werke des Symbolismus und solche, die in ihrer ungeheuren Farbwucht auf den Expressionismus hinweisen. 1918 ist Hodler im Alter von 65 Jahren in Genf gestorben. Seine Werke wirken heute noch genau so modern wie um die Jahrhundertwende.

Sendung: Inforadio, 08.09.2021, 15:55

Beitrag von Von Maria Ossowski

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