Festival im Haus des Rundfunks - Flimmernde Keramiklandschaften

Kunst im Bau: Kris Heide E • X • P • R • E • S • S • I • V 2021© Thomas Ernst
Audio: rbbKultur | 06.09.2021 | Sigrid Hoff | Bild: Thomas Ernst

Im Rahmen des Festivals "Kunst am Bau" im Haus des Rundfunks zeigt die Künstlerin Kris Heide ihre Beobachtungen der historischen Keramikfassade. Die sich ständig wandelnden Muster und Farben spiegeln auch die 90-jährige Geschichte des Hauses. Von Sigrid Hoff

Fotos im Großformat, 160 mal 90 Zentimeter, reihen sich in einem Quergang vom Lichthof in der dritten Etage im Haus des Rundfunks. Zu erkennen sind abstrakte Farbflächen, die bei näherer Betrachtung wie Landschaften aus der Vogelperspektive anmuten: blaue Seen oder gar Ozeane, gesäumt von grünen Wäldern und rotbraunen Landstreifen als Begrenzung des Festlands, ein rosa-grau-farbener Streifen liegt wie ein Wolkenband darüber. Risse in den Glasuren werden zu feinen Linien und überziehen wie Straßen die Fläche. Der Druck auf samtartigem Baumwollpapier verstärkt den malerischen Eindruck.

Installation im HdR (Quelle: Thomas Ernst)
| Bild: Thomas Ernst

Jedes Großfoto wirkt rätselhaft, Farben und Formen changieren, lassen sich keinem Gegenstand zuordnen. Dabei sind es Großaufnahmen einzelner Keramikplatten von der Fassade des Rundfunkhauses an der Masurenallee, die Kris Heide einzeln abfotografiert und vergrößert hat.

"Ich habe die Fassade fotografiert bei einem besonderen Licht am Pfingstmontag," erzählt die Fotokünstlerin, "die Sonne stand sehr hoch und schien auf die frühjahrsgrünen Bäume, das Himmelslicht war stark und manchmal fuhr ein Auto vorbei, und so gibt es neben den Brauntönen und schillernden Farbspektren, auch Grün, Blau und an einer Stelle einen roten Fleck von dem roten Auto, das vorbeifuhr, das fand ich dann auch interessant."

"Besonders reizvoll ist es, wenn die Sonne über dem Bau steht"

Die Fassade vom Haus des Rundfunks mit ihren dunklen Klinkern und violett schimmernden Keramikplatten hat die Künstlerin von Anbeginn begeistert. Für Kris Heide, die 2019 nach Berlin gezogen war und um die Ecke am Kaiserdamm wohnt, war der Bau eine Entdeckung. "Das Faszinierende ist, dass die Fassade sich bei jedem Licht und jeder Tageszeit anders zeigt", hat sie beobachtet.

Nach 90 Jahren hat dieser Bau nichts von seinem spannenden Farbspiel verloren, obwohl bei einer umfassenden Sanierung in den 1990er Jahren beschädigte Keramikfliesen ausgetauscht werden mussten. Bei den Betrachtern löste die auf den ersten Blick dunkel wirkende Front jedoch von Anbeginn kontroverse Gefühle aus. Der Publizist Siegfried Kracauer etwa urteilte nach der Fertigstellung, die Fassade mache einen düsteren Eindruck. Der Kunstkritiker Paul Westheim hingegen schwärmte 1930: "Besonders reizvoll ist es, wenn die Sonne über dem Bau steht und die Glasur in ständig wechselnden Tönen zu flimmern beginnt." Er spricht der Künstlerin Kris Heide aus der Seele, sie wollte genau diesen Eindruck festhalten.

Kris Heide © privat
privat

Die Künstlerin Kristina Heide, geboren 1961 in Kiel, ist im Rheinland aufgewachsen und studierte in Bonn zunächst Kunstgeschichte. Da sie bereits als Kind begeistert gemalt hatte, nahm sie nebenbei Unterricht bei dem Künstler Arno Reins. Für ihre Promotion über Stillebenmalerei der Neuen Sachlichkeit befasste sie sich auch intensiv mit Kunst und Architektur der 1920er Jahre. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Kunstwissenschaftlerin, Publizistin und Ausstellungskuratorin. Ein Ortswechsel aus familiären Gründen nach Tübingen und Zeichenunterricht bei Fritz Hohberger bewirkte, dass Kris Heide sich schließlich ganz ihrer eigenen Kunst widmete.

Intensive Auseinandersetzung mit Kunst und Architektur der 1920er Jahre

Die Liste von Heides Ausstellungen in den letzten zehn Jahren ist beachtlich und umfasst unterschiedliche Medien. Zu ihren erfolgreichsten Arbeiten inspirierte sie ein Aufenthalt im afrikanischen Malawi 2014/15. Dort entwickelte sie Rollbilder aus afrikanischen Stoffen mit holzschnittartig aufgemalten Frauengesichtern. Die Porträts zeigte sie auch in Deutschland in einer Wanderausstellung im Dialog mit Arbeiten malawischer Künstler.

Erst in den letzten Jahren entdeckte Kris Heide zunehmend das Medium Fotografie für ihre Kunst. 2019 gewann ihr Fotobuch "Malawi - Menschen und Mauern" den Deutschen Fotobuchpreis in Silber.

Flirrende Landschaft aus vielen Farben

Als sie von dem Projekt "Kunst im Bau" erfuhr, war ihr sofort klar, sie würde sich mit einer Fotoarbeit beteiligen. "Ich habe tatsächlich 2019 erste Fotos von diesen Fliesen gemacht," erzählt Kris Heide, "und als ich die Fotos sah, habe ich gedacht, das sind ja Bilder!" Fast jede Keramikplatte, stellte sie fest, ist ein faszinierendes Unikat: "Es gibt welche mit Schlieren, die wie Regenbogen schillern, es gibt welche mit Ornamenten, die aussehen wie kleine Quallen oder wie Seeanomonen, es gibt auch Fliesen, denen man Altersspuren ansieht wie Krakeluren, überhaupt ist diese Fassade ja 90 Jahre alt."

Installation im HdR (Quelle: Thomas Ernst)
Bild: Thomas Ernst

Eigentlich wollte sie 90 Fotos zeigen, dem Jubiläum angemessen, gemeinsam mit Kuratorin Anke Schüttler einigte sie sich auf neun Bilder im Großformat. So entstanden Ansichten einer Fantasielandschaft in grünen, gelben und blauen Farbtönen. Die Fassade des Rundfunkhauses – eine dunkle düstere Front, wie manche Zeitgenossen urteilten? Weit gefehlt. Die Fotos von Kris Heide zeigen: Jede einzelne Keramikplatte ist ein eigenes Kunstwerk, die Fassade eine flirrende Landschaft aus vielen Farben – eine Entdeckung.

90 Jahre Haus des Rundfunks

Sendung: rbb Kultur, 09.09.2021, 16:15 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

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