Kritik | Jack Woodhead in der Bar jeder Vernunft - Kaleidoskop gezielter Grenzüberschreitungen

Jack Woodhead; © Gavin Evans
Audio: Inforadio | 28.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Gavin Evans

Jack Woodhead fiel als Entertainer in Wintergarten-Inszenierungen wie "Soap Opera" auf. In der Bar jeder Vernunft ist er mit seiner Show "Reflections" erstmals als Solist zu erleben - eine Kostprobe von Wahnwitz. Von Ute Büsing

Der Typ ist ein kaum zu stoppendes Energiebündel, ein schräger Paradiesvogel, den sie früher "überkandidelt" genannt hätten. Jack Woodheads Cabaret-Kunst entsteht daraus, dass er alles ziemlich dick aufträgt und es dabei faustdick hinter den Ohren hat. Aufreizend in Pailletten- und Leder-Outfits geschnürt, trägt er monströse Bänkellieder vor und garniert sie in Stand up-Einlagen mit dem, was als "typisch britischer" schwarzer Humor durchgeht.

Atemlos, burlesk, entfesselt

Der 33-Jährige aus Manchester ist ganz nebenbei ein ziemlich guter Pianist. Er ist klassisch ausgebildet und bringt ganz eigene Noten in die Music-Comedy: atemlos, burlesk, entfesselt, schrill. Aufgeladen mit Sex, Drugs & Rock’n Roll performt er ein Kaleidoskop der gezielten Grenzüberschreitungen. Er erzählt davon, wie er als Jugendlicher bei einem Rugby-Freundschaftsspiel seines Vaters im Knast zu viel Tee mit Sex-Hemmern getrunken hat oder am Flughafen on Tour zu einem Auftritt in Versailles wegen eines Dildos im Gepäck auseinandergenommen wurde.

Das ist an sich nur mäßig spannend, gewinnt aber bei Woodhead durch den ans Hysterische grenzenden Vortrag. Der schwappt auf die Fans im Publikum über, die ihn wohl von seinen Wintergarten-Auftritten kennen.

Dort brillierte er seit 2012 in Inszenierungen wie "The Trip", "Der Helle Wahnsinn", "Soap Opera" "Die 20er Jahre" oder lieferte die ausgefallene Begleitmusik zu den Varieté-Shows. Schon da kristallisierte sich heraus: Dieser Ex-Pat kann Berliner Bühnen für sich einnehmen. Das tat er auch als Moderator des Teddy Awards bei der Berlinale.

Nicht nur auf schrill abonniert

Sein ihm sprichwörtlich zu Füßen liegendes Publikum in der intimen Bar jeder Vernunft nennt er "easy to please" - leicht zufrieden zu stellen. Jack Woodhead ist aber in jeder Hinsicht das, was "crowd pleaser" genannt wird: Er liefert. Das gilt auch für seine vorzügliche vierköpfige Kapelle (Tobias Tinker, Lukas Thielecke, Florent Mannant, Sidney Werner), die gekonnt zwischen Chanson, Klezmer und Jazz changiert. Die Band kommt nur zu selten zum Zuge, weil sich der Leading Man in Soli verausgabt. Etwa wenn er demonstriert, wie Beethoven in der Hocke oder im Liegen komponierte.

Außer Beethovens Sonate Nr. 8, Opus 13 und dem anrührenden Charles Asnavour-Cover "What makes a man a man" hat der Entertainer nur Eigenkompostionen in seine erste Solo-Show aufgenommen. Abgründige Songs wie den von "Doris the Striptease Spider" oder sanfte Walzer wie das "Lost Child".

Immer wieder zeigt Jack Woodhead auch, dass er nicht nur auf schrill abonniert ist. Seine Solo-Sause ist zwar noch ausbaufähig. Aber schon jetzt ist sie mehr als nur eine Kostprobe von dem Wahnwitz, zu dem dieses ungeheuer sympathische Music-Comedy-Chamäleon fähig ist.

Sendung: Inforadio, 28.09.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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