Forschungsprojekt Berliner Philharmonie - Mozart für Mutter und Kind

Symbolbild: Das "Chamber Orchestra of Europe" spielt während der Welcome Back Week im Kammermusiksaal (Bild: Berliner Philharmoniker/Lena Laine)
Bild: Berliner Philharmoniker/Lena Laine

Die Geburtsmedizinerin Birgit Arabin startet mit der Stiftung Berliner Philharmoniker ein Kammermusik-Projekt für Schwangere. Klassik reduziert bei werdenden Müttern Stress und wirkt damit auch positiv auf das ungeborene Leben. Von Hans Ackermann

"Mozart hat eine besondere Auswirkung auf kleine Kinder", sagt Birgit Arabin. Seit zwei Jahren forscht sie als Professorin an der Berliner Charité, davor hat sie im niederländischen Zwolle und im hessischen Marburg Geburtskliniken geleitet. "Bei Frühgeborenen auf der Neugeborenen-Intensivstation hat man festgestellt, dass der Rhythmus der Mozart-Musik ähnlich der fetalen Herzfrequenz ist."

Weitere Infos

Konzert für werdende Mütter

Am 18. September findet in der Philharmonie das erste Konzert für werdende Mütter statt. Der Einstieg in das Forschungsprogramm ist noch bis zum 3. Oktober 2021 möglich. Weitere Informationen finden Sie hier.

Kleine Nachtmusik

Kein Wunder also, dass Mozarts sanfte "Romanze" aus der "Kleinen Nachtmusik" vorzüglich geeignet ist, um Babys in den Schlaf zu wiegen. Und solch eine Musik würden auch schon ungeborene Kinder deutlich wahrnehmen, versichert Arabin. "Man muss wissen, dass das Mittelohr nach 20 Wochen beim Fötus schon Erwachsenengröße hat. Das Ohr ist seine Verbindung zur Außenwelt."

In dieser "Außenwelt" habe der Stress für werdende Mütter nicht zuletzt durch Corona enorm zugenommen. Anderswo müssten schwangere Frauen zusätzlich noch Naturkatastrophen, Bürgerkriege oder Flüchtlingslager überstehen. All das habe äußerst negative Auswirkungen auf das ungeborene Leben. "Angst oder Depression verursachen erhöhte Werte von Cortisol im mütterlichen Blut und damit Stress, der die Entwicklung des Kindes einschränkt."

Geburtsdaten und Stressparameter

Gut 50 schwangere Frauen werden am kostenlosen Projekt in der Philharmonie teilnehmen - und damit Teil einer ambitionierten Forschung über "Künstlerische Interventionen während der Schwangerschaft" sein. "Wenn das Kind kommt, muss man es abnabeln. Und da hat man ja immer ein Stück Nabelschnur, das zur Plazenta geht, die dann nach der Geburt des Kindes kommt. Da nimmt man das Blut des Kindes dann aus dieser Nabelschnur - was weder dem Kind wehtut, noch der Mutter."

In der Plazenta, erklärt die Medizinerin, könnten dann unter anderem Stresshormone bestimmt werden, "die genaue Aussagen darüber zulassen, inwieweit die Mutter in der Schwangerschaft gestresst war."

Eindrücke sammeln

Der positive Einfluss von Musik auf die Gefühlswelt der werdenden Mutter sei auf diese Weise sehr gut messbar, erzählt die Forscherin. In den Konzerten würden die teilnehmenden Mütter aber in keinem Fall mit medizinischen Untersuchungen geplagt. "Vorher und nachher ein kurzer Fragebogen, online auf die Handys der Mütter geschickt - nur ganz einfache Fragen."

Im ersten Jahr der Studie, erzählt Birgit Arabin, wolle man ohnehin nur "Eindrücke sammeln", erst im zweiten Jahr dann wissenschaftlich zum "nächsten Schritt" übergehen: "Das wäre dann eine kontrollierte Studie, in der man bei einer Gruppe künstlerische Interventionen macht und bei der anderen nicht. Im ersten Jahr wollen wir vor allem schauen, womit Eltern glücklich sind."

Birgit Arabin (l) und Raim Orlovsky (r) (Bild: privat)Birgit Arabin (l) und Raimar Orlovsky (r).

Glückshormone statt Stress

Beim ersten Konzert am 18. September werden sicher viele Glückshormone ausgeschüttet. Im Duo musizieren dann die beiden Berliner Philharmonikerinnen Marie-Pierre Langlamet an der Harfe und die Flötistin Jelka Weber. Musikerinnen, "die auch beide Mütter sind", wie Raimar Orlovsky erzählt. Er ist Geiger bei den Berliner Philharmonikern und hat die insgesamt sieben Programme zusammengestellt. "Natürlich muss es Musik sein, die eingängig ist. Ich will nicht den Begriff "Wohlfühlklassik" oder "Wellnessmusik" verwenden, aber es muss natürlich ein bisschen in diese Richtung gehen."

Wenn Orlovsky bei diesem Projekt mit der Geburtsmedizinerin Birgit Arabin zusammenarbeitet, erfüllt sich für den Geiger ein lang gehegter Wunsch. "Das ist auch für mich ein absolutes Herzensprojekt, das ich schon seit vielen Jahren - nämlich seit meine Frau schwanger war - immer vor mir hergeschoben habe: die Wirkung von klassischer Musik auf das ungeborene Leben und auf die werdenden Mütter."

Musikalische "Früh(st)erziehung"

Mit den neuen Einsichten in die geburtsmedizinische Wirkung von klassischer Musik werde das Projekt sicher auch das musikpädagogische Denken verändern, meint Orlovsky. "Ich glaube fest daran, dass wir mit diesem Projekt eine Initialzündung geben, dass die Musikererziehung nicht erst mit drei oder fünf Jahren anfängt, sondern tatsächlich schon früher anfangen kann."

Das "Education"-Konzept der Berliner Philharmoniker, das vom früheren Chefdirigenten Simon Rattle eingeführt wurde, könnte mit dem Projekt neue Dimensionen erreichen, glaubt Orlovsky. "Mithilfe von Professor Arabin sind wir jetzt tatsächlich auf dem Weg, genau diese Lücke zu füllen, die unsere Education-Abteilung - die im Vorschulalter ansetzt - bisher nicht auf dem Schirm hatte."

Wenn die musikalische "Früh(st)erziehung" am 18. September im Foyer des Kammermusiksaals beginnt, werden die schwangeren Frauen natürlich eine besonders gestaltete und vor allem bequeme Umgebung vorfinden, versichert der Geiger: "Werdende Mütter können nicht auf harten Stühlen sitzen. Und wir haben auch die Konzertdauer angepasst, es wird maximal 45 bis 50 Minuten dauern."

Archivbild: Innenaufnahme der Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße am Kemperplatz in Berlin-Tiergarten, fotografiert am 23.05.2012 (Bild: dpa/Jens Kalaene)Im Foyer der Berliner Philharmonie soll die Veranstaltung stattfinden.

Ein Willkommenskonzert mit neuem Publikum

Sofern die Mütter von der Frühschwangerschaft im September bis zur Geburt im März durchgängig am Projekt teilnehmen, werden sie am Ende insgesamt sieben Konzerte erlebt haben und einmal im Monat einen musikalisch-entspannten Samstagvormittag in der Philharmonie verbringen.

In der Philharmonie werde man im späten Frühjahr vielleicht schon ein ganz neues Publikum begrüßen, hofft Raimar Orlovsky: "Wir haben im Mai noch einen Termin, wo vielleicht schon die frisch-geborenen Säuglinge mit den frisch-gebackenen Müttern in der Philharmonie auftauchen. Und dass wird dann natürlich entsprechend musikalisch umrahmt."

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Mußte beim Lesen schmunzeln. Denn was nachgewiesener Maßen auch mit Mozart bei Milch gebenden Kühen hilft, kann nur gut sein für werdende Mütter. Schöne Musik auch zuhause entspannt und fördert das Wohlbefinden.

  2. 3.

    Ach wie schön, dass mal jemand daran denkt Schwangeren das Leben ein bisschen schöner zu machen.

  3. 2.

    Also, diese Aussage würde ich nicht Unterschreiben, weil, es ist nicht egal.

  4. 1.

    Es ist ziemlich egal welches Genre und logisch das jegliche Tätigkeit zur Beruhigung positiv für das Kind ist.

Nächster Artikel