Konzertkritik | Musikfest in der Berliner Philharmonie - Wundergeigerin Kopatchinskaja setzt ganzen Saal unter Strom

Kirill Petrenko und Patricia Kopatchinskaja spielen mit den Berliner Philharmonikern Werke von Hartmann und Strawinsky (Bild: Berliner Philharmoniker/Stephan Rabold)
Audio: Inforadio | 17.09.2021 | Jens Lehmann | Bild: Berliner Philharmoniker/Stephan Rabold

Es ist jedes Jahr einer der Höhepunkte des Musikfestes, wenn der Gastgeber selbst auf das Podium tritt. Die Berliner Philharmoniker werben für die Musik von Igor Strawinsky und Karl Amadeus Hartmann - und wie! Jens Lehmann war dabei.

Die Schlangen vor den Corona-Einlasskontrollen sind lang. Sehr lang. Das Foyer ist voll. Sehr voll. Es summt und brummt fast prä-covid-iös, wenn die Berliner Philharmoniker mal wieder zum Konzert laden. Nur ich bin das noch nicht gewöhnt und muss erstmal klarkommen. Dabei ist die Erwartung groß: Nach dem offiziellen Saison-Auftakt stellt sich an diesem Abend die neue Artist in Residence dem Publikum vor. Dabei kennen sie doch fast alle. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja platzt jedes Mal vor Charisma und musikalischem Einfühlungsvermögen. So auch an diesem Abend.

Concerto funebre

Da haben Chefdirigent Kirill Petrenko und sie das Concerto funebre, das Violinkonzert von Karl Amadeus Hartmann, aufs Programm gesetzt. Ein Humanist, ein Sozialist, und damit einer der Künstler, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die innere Emigration gehen müssen. Galt seine Musik doch als "entartet". War sie doch oft genug Klage und Anklage zugleich. Genau so eine Musik ist auch sein Violinkonzert, das er unter dem Eindruck des Einmarsches der Deutschen in die Tschechoslowakei komponiert.

Archivbild: Die Violinistin Patricia Kopatchinskaya während eines Konzertes in Salzburg 2015 (Bild: imago images(
Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja während eines Auftrittes in Salzburg. | Bild: imago images

Geigerin setzt Saal unter Strom

Es ist klein besetzt, im Orchester bleiben gefühlt mehr Stühle frei als im Publikum. Doch es ist, als würde Patricia Kopatchinskaja einen Stecker einstecken und den ganzen Saal unter Strom setzen. Wenn sie in den ersten Takten ein klagendes Hussitenlied spielt, dann kann man Stecknadeln fallen hören.

Und ja: Auch diesmal ist die Präsenz dieser Geigerin unfassbar. Sie tänzelt – wie immer barfuß – vor und zurück, lehnt sich in das Orchester hinein, folgt ihren Tönen mit Blicken, stürzt sich in die tückische Solopartie des zweiten Satzes, der wie musikalisches Kriegsgetümmel klingt. Jede Orchestersalve, jeden Schlag, präzise und doch mit sparsamsten Gesten von Petrenko dirigiert, fühlt Kopatchinskaja mit – ich habe selten eine Musikerin erlebt, die so in ihrem Spiel aufgeht, ganz ungekünstelt. Und so macht sie sich eben auch zur Anwältin von Hartmann. Sie sagt selbst in einem Interview im Programmheft, dass man das Leid, das der Komponist erfahren hat, in dieser dunklen, starken Musik hören kann. "Das Concerto funebre muss bluten". Und wie es das tut. Ich sitze atemlos auf meiner Stuhlkante und höre die Geige klagen, schreien, seufzen und zittern.

Ein Denkmal für Karl Amadeus Hartmann

Ein größeres Denkmal kann man Karl Amadeus Hartmann kaum setzen als diese Aufführung. Es ist der perfekte Auftakt zum Saisonschwerpunkt "Lost Generation", in dem die Philharmoniker an zu Unrecht vergessene Komponisten erinnern. Und ich muss nach dem Concerto funebre einfach nur schnell raus, weg von den wenigen Wurschtigen, die sich zwei Sekunden nach dieser Sternstunde über nichts anderes unterhalten als über die schlabberige Samtjacke, die bloßen Füße oder die quietschende Geige. Das hat die Kopatchinskaja, diese Wundergeigerin, echt nicht verdient.

Und dann macht Petrenko nach der Pause einfach mit der Sternstunde weiter. Strawinskys Feuervogel kennt man vor allem in verkürzter Form. Die Orchestersuite aus dem gleichnamigen Ballett ist eines der meistgespielten Werke des Komponisten. Doch wir sind ja immerhin beim Musikfest und mitten im Strawinsky-Schwerpunkt dieses Jahrgangs. Da darf es schon die ganze Ballettmusik sein, mit der der junge Komponist damals seinen Durchbruch bei Diaghilews legendären Ballets Russes gefeiert hat.

Strawinsky pur

Ein russischer Musikhistoriker hat das Werk mal "getränkt mit Regenbogenstrahlen und Edelsteinglanz" genannt. Aber so wie an diesem Abend habe ich diese Geschichte um einen magischen Vogel, der dem Zaren hilft, einen bösen Zauberer zu vertreiben noch nie gehört! Kirill Petrenko geht es nicht um Hochglanz oder Breitbandsound, er interessiert sich vielmehr für die Klangfarben, die sonst untergehen, für Harfe, Celesta, Klavier, Xylophon, alle sind sie prominent im Orchester platziert und werden immer wieder in Szene gesetzt.

Auch die Bläser vollbringen an diesem Abend Wunderdinge, es ist ja auch eine Sahnebesetzung am Start: Oboist Albrecht Mayer, Klarinettist Wenzel Fuchs, Hornist Stefan Dohr – nur Flötistin Clara Andrada ist als Gast vom Chamber Orchestra of Europe dabei, und auch sie bekommt später verdiente Ovationen.

Und Petrenko führt seine Musiker sicher durch diese rhythmisch vertrackte, unglaubliche Partitur, treibt sie in irre Tempi und in emotionale Extreme und macht aus einem Hochglanz-Wohlfühl-Stück einen unwiderstehlichen Sog. Strawinsky pur!

Aber versuchen Sie mal, hinter einer FFP2-Maske Bravo zu rufen. Das bleibt muffelig im Stoff hängen. Das wäre ein Orkan geworden.

Sendung: Inforadio, 17.09.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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