Konzertkritik | Französische Moderne - Daniel Barenboim und Martha Argerich eröffnen Saison im Pierre-Boulez-Saal

Archivbild: Pianistin Martha Argerich während eines Konzertes in Lugano im Dezember 2018 (Bild: dpa/Alessandro Crinari)
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Audio: Inforadio | 06.09.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Alessandro Crinari

Mit zwei Weltstars am Klavier wurde gestern die neue Saison im Pierre-Boulez-Saal eröffnet: Martha Argerich und Daniel Barenboim haben Werke für zwei Klaviere von Claude Debussy gespielt. Obendrauf gab es noch eine spektakuläre Uraufführung. Von Hans Ackermann

Dicht beieinander stehen die beiden Flügel, an denen Martha Argerich und Daniel Barenboim genau in der Mitte des ovalen Pierre-Boulez-Saals Platz nehmen. Daniel Barenboim spielt die ersten Töne aus Debussys "Prelude à l’après midi d’un faune" noch allein, dann setzt Martha Argerich am anderen Flügel mit einer "Perlenkette" aus getupften Noten ein - sofort entfaltet die schillernde Musik einen noch größeren Zauber.

Beginn der Moderne

Das 1894 uraufgeführte "Prélude" - das eigentlich für Orchester komponiert wurde und dort mit einem Flötensolo beginnt - galt dem 2016 gestorbenen Namensgebers des Saals, Pierre Boulez, als Ausgangspunkt der modernen Musik. "Mit der Flöte des Fauns hat die Musik neuen Atem geschöpft, man kann sagen, dass die moderne Musik mit L’après-midi d’un faune beginnt."

Gemeinsamer Klang

Mit ihrem einmaligen Tastenanschlag zieht die im Juni 80 Jahre alt gewordene Martha Argerich die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich - obwohl auch Daniel Barenboim ganz am Ende des Konzerts noch "seinen" Riesenbeifall ernten wird. Zuvor formen die beiden seit der Kindheit in Argentinien befreundeten Pianisten an ihren Klavieren bei Debussys "En blanc et noir" nun deutlich dunklere Klänge - kaum verwunderlich, denn diese Suite für zwei Klaviere wurde 1915 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs komponiert.

Doppelte Eröffnung

Das Eröffnungskonzert wird an diesem Tag gleich zwei Mal veranstaltet. Der Zusatztermin am Nachmittag, so heißt es, sei die Folge des großen Publikumsandrangs. Dabei wird der Pierre-Boulez-Saal ab sofort wieder auf sämtlichen Plätzen voll bespielt. Zusätzlich hat der Saal in der Französischen Straße als erstes Berliner Konzerthaus auch die Maskenpflicht am Platz abgeschafft.

Schwarze Masken

Zumindest ein kleiner Teil des Publikums behält die Maske aber doch lieber auf und nimmt darüberhinaus gern das freundliche Angebot an, die kostenlose, vom Haus überreichte schwarze FFP2-Maske zu tragen. "Aus optischen Gründen", wie es heißt - und tatsächlich sind rund um das Publikum Videokameras aufgestellt, um das Konzertereignis im Bild festzuhalten.

Wohlpräpariertes Klavier

Beim dritten und modernsten Akt dieses gelungenen französischen Abends sehen diese Kameras dann Daniel Barenboim allein am Flügel und im Dialog mit der Elektronik: "Das Wohlpräparierte Klavier" heißt die "Troisième Sonate" des französischen Komponisten Philippe Manoury, der bei dieser Uraufführung selbst Klangregie führt und zusammen mit dem Sounddesigner Gilbert Nouno mehrkanalige Raumklänge im Oval des Saales verteilt.

Barenboim als Ringmodulator

Über verschiedenen Mikrofone an den Saiten seines Konzertflügels werden dabei die Klaviertöne mit den elektronischen Sounds verknüpft. Daniel Barenboim steht auf diese Weise im Zentrum zahlreicher "Ringmodulationen" - wie das technische Verfahren zur Erzeugung solcher reizvoll-rauen Klänge heißt.

Für die faszinierende Interaktion aus Klavierspiel, Klangkomposition und Computersynthese bekommen Pianist, Komponist und Sounddesigner gemeinsam einen großen, verdienten Beifall - und auch Pierre Boulez würde diese abwechslungsreiche Saisoneröffnung ganz sicher gefallen haben.

Sendung: Inforadio, 06.09.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Der jüngere, noch genialere Bruder des großen C.D., der im zarten Alter von viereinhalb Jahren das legendäre "Indigestion of a Butterfly" für Triangel und Kontrafagott schuf, für das er noch zu Lebzeiten verfügte, dass es nur bei jeder vierten Mondfinsternis aufgeführt werden darf. Das gehört doch wohl bitte zum Allgemeinwissen.

  2. 1.

    Wer ist Pierre Debussy?

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