Theaterkritik | Berliner Volksbühne - Ein Höllenspektakel! Aber sonst?

A Divine Comedy by Florentina Holzinger (Quelle: Volksbühne/© Nicole Marianna Wytyczak)
Audio: rbbKultur | 24.09.2021 | Anke Schaefer | Bild: © Nicole Marianna Wytyczak

In ihrer Performance "A Divine Comedy" setzt sich die Choreografin Florentina Holzinger mit der Göttlichen Komödie von Dante auseinander. Um sie in die Gegenwart zu holen, setzt sie auf eine rein weibliche Besetzung. Von Anke Schaefer

Was für ein Höllenspektakel. Nackte Höllennymphen stehen - nur mit Skeletten auf dem Rücken angetan, auf Holzbalken und behauen diese mit der Axt. Wieder und wieder gehen die Äxte nieder, im Gleichklang, es hört nicht auf. Endlos. Ewig. Was für eine Qual. Ohrenbetäubend der Geräuschpegel. Ein Motorcross-Motorrad dreht dazu seine Runden. Es tut einem körperlich weh, zuzuhören, zuzuschauen.

Experimentierfeld der Extreme?

Und das soll auch so sein. Wir befinden uns in der Hölle. Florentina Holzinger will in einem "Experimentierfeld der Extreme" den "Tod selbst sezieren", so steht es in der Ankündigung zu diesem Abend. Empfohlen ist das Stück ab 18. Die Österreicherin ist dafür bekannt, das Drastische zu lieben. Hier nimmt sie uns mit in Dantes Hölle und ins Fegefeuer aus der "Göttlichen Komödie". Wir wissen, dort werden die Sünderinnen schrecklich gequält. Daher fühlt sich Holzinger hier wohl. Sie ließ auch früher schon Glühbirnen zerdrücken und Scherben essen.

Als Tänzerin stirbt man zweimal

Zu Anfang lässt sie hier eine Hypnotiseurin auftreten, die absolute Macht über ihre Schützlinge hat: Sie schnippt mit den Fingern und sie schlafen, sie sagt "wake up" und sie wachen auf. Und dann sagt sie einer der Performerinnen: Du bist Dante! Und schickt sie auf den Erkenntnisweg in Jenseits. Dort trifft dieser Dante, der aussieht wie Rotkäppchen mit nacktem Unterleib, Beatrice. In der Göttlichen Komödie die Frau, die den Helden rettet - hier eine alternde, kranke Tänzerin, die sich ihr Begräbnis ausmalt. Sie sagt: Als Tänzerin stirbt man zweimal. Einmal, wenn man das tanzen aufgeben muss und dann, wenn man das Leben aufgibt.

Hölle: Es wird gemeinsam gekackt

Doch noch ist sie nicht tot. Sie erlebt, wie in dieser Hölle bis zur Erschöpfung über Hürden gerannt, von Treppen gestürzt, von der Decke gebaumelt, in Farbe gebadet, mit der Axt gehackt und ja, auch gemeinsam gekackt wird. Hölle eben. Rechts und links lodern dazu hohe rote Flammen auf zwei Bildschirmen. Man wünscht sich den Himmel herbei. Bei Dante geht’s am Ende ins Paradies. Kommt das noch? Ja: Beatrice darf sich auf einer schwarzen Fellmatte niederlegen und bekommt ein paar Küsse und einen Orgasmus geschenkt. Sie scheint es sehr zu genießen. Dann ist sie wieder allein. Ist das das Paradies? Für eine 80-Jährige? Sex ohne Liebe?

Feminismus - inmitten der Symbole der Männlichkeit?

Warum läßt Florentina Holzinger ihre nackten Performerinnen den Höllentanz in dieser männlich geprägten Szenerie vollführen? Ist das ein feministischer Ansatz - nackte Frauen bespielen die Symbole und Fantasien der Männlichkeit? Über der Bühne hängen zwei schwarze Autos, dazu die Äxte, das kreisende Motorrad, die gewisse Fixierung auf den Sex.

Wie passt das zusammen? Holt man einen klassischen Text, der tastend auf die Suche nach einen Geheimnissen der Existenz geht, dadurch in die Gegenwart, indem man ihn von nackten Frauen tanzen läßt? Und lotet Holzinger so - wie es angekündigt wird - die Frage nach einer möglichen Spiritualität im 21. Jahrhundert aus? Nein. In der Göttlichen Komödie lernt Dante unter der Führung von Vergil einiges über Leben und Tod. Er ist begnadet, er wird eingeweiht. Hier dagegen geht es nur um zwei Stunden Höllenspektakel. Es mag ausgeklügelt und provokant sein, dieses Spektakel. Aber Erkenntnis lodert kaum auf.

Sendung: Inforadio, 24.09.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Anke Schaefer

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