Aufführung der staatlichen Artistenschule Berlin - Von der Kunst, seinen Körper zu verdrehen

Absolventenshow (Quelle: Wintergarten Berlin/Presse)
Wintergarten Berlin/Presse
Audio: Inforadio | 14.09.2021 | Hendrik Schröder | Bild: Wintergarten Berlin/Presse

In Berlin gibt es die einzige Schule in Deutschland, an der man staatlich geprüfter Artist werden kann. Die Absolventen des jüngsten Jahrgangs zeigten ihr Können jetzt im Varieté Wintergarten - vor einem völlig gebannten Publikum. Von Hendrik Schröder

Die Show geht mit irrem Tempo los. Die fünf jungen Frauen und drei jungen Männer auf der Bühne sind kaum 20 Jahre alt. Sie tanzen wild um ein rollendes Sofa. Eine jongliert auf den Kissen stehend. Ein anderer macht Salti von der Sofakante. Alle wuseln gekonnt hektisch hin und her und machen Kunststücke, man weiß kaum, wo man zuerst hinschauen soll. Dazu kommen Uptempo Dancefloor Beats aus den Boxen.

Das Publikum klatscht schon beim Intro im Takt. Das verspricht ein guter Abend zu werden. Nahtlos geht es über in die nächste Nummer. Larissa Zweckler schwebt im Oldschool Seiltänzerinnen-Ganzkörperanzug an Dingern von der Decke, die für den Laien aussehen wie Abschleppseile. Zwillingsschlaufen heißen diese Seile im Zirkusjargon.

Die Artistin rollt sich, dreht sich, windet sich in diesen Schlingen, als würde sie darin leben. Und das stimmt wahrscheinlich auch irgendwie, wenn man überlegt, wie viele Jahre harter Arbeit diese jungen Künstler schon hinter sich haben: Ab der 5. Klasse fängt die Staatliche Artistenschule an. Morgens Unterricht, nachmittags Training, Training, Training. So stellt man sich das zumindest vor und anders kann man auch nicht so gut werden.

Tempo, Tempo, Tempo

Dann kommt Viola Schley. Mit ihren geflochtenen Zöpfen und übergroßer Brille und in einem kurzen Plastikkleid sieht sie ein bisschen aus wie ein klassischer Clown. Drei Bälle holt sie aus einem Kasten, jongliert, dann nimmt sie vier Bälle, dann fünf. Dann tippt sie einen Ball wie ein Fußballer auf den Boden, während die Arme weiter jonglieren.

Im Publikum beißen sich die Leute vor Anspannung auf die Finger. Weil man wirklich kaum fassen kann, dass das so geht und damit rechnet, dass jeden Moment ein Ball runterfallen muss. Fällt er aber nicht.

Und schon kommen Karim El Nakib und Raoul Rogula auf die Bühne. Sie tragen identische Klamotten: karierte Hosen, Hosenträger, schwarze Hemden. Partnerakrobatik ist ihr Gebiet und ihre Nummer ist super witzig. Wie die beiden sich Popcorn in den Mund werfen und sich derart ineinander verschränken und verkeilen, dass man nicht mehr weiß, wer wer ist und sie wie ein Körper erscheinen. In atemberaubender Geschwindigkeit und immer lächelnd. Aber schwer atmend dabei. So leichtfüßig das aussieht, Akrobatik ist harte Arbeit.

Poesie am Luftring

Dann wird es Mit Luzie Marschke am Luftring noch mal richtig poetisch. Eine dunkle Frauenstimme singt eine Version von Radioheads Creep. Dazu biegt Luzie sich förmlich in den Reifen hinein, bis die Füße den Kopf berühren. Das sieht zwar nicht wahnsinnig gesund aus, aber in dieser Leichtigkeit und Schwerelosigkeit unheimlich schön. So viel Körperkontrolle, so anmutig. Überhaupt - mit wie wenig diese klassische Akrobatik auskommt.

Klar, ein bisschen laserschwertartiges LED Gefummel gibt es später auch (der Saal wird ganz dunkel und eine Artistin schwingt zwei leuchtende Stäbe zu immer wahnwitzigeren Figuren), ein paar Ukulele Gesangseinlagen, bei dem die ganze Gruppe 20 verschiedene Lieder auf die immergleichen Akkorde singt. Dann noch eine kleine BMX Rad Show von Tim Höfel, der wahrscheinlich in jedem Skatepark dieses Landes für offene Münder sorgen würde, so souverän klettert und wippt er auf und mit dem Bike. Aber es gibt keinen Schnick Schnack, keine riesige Inszenierung, keinen Moderator, keinen Nebel, keine ausgefeilte. Einfach nur ganz klassische Artistik, wie sie jeder als Kind schon mal im Zirkus gesehen hat. Das ist einfach zeitlos gut

Sendung: Inforadio, 14.09.2021, 08:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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