Tanzshowkritik | Flying Bach im Wintergarten Varieté - Wenn Breakdance auf Bach trifft

Archivbild: Tänzer der Urban-Dance-Gruppe "Flying Steps" fliegen am 03.04.2019 bei der Premiere von "Flying Pictures" in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs über die Bühne. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
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Audio: Inforadio | 29.09.2021 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Aus den Boxen das "wohltemperierte Klavier" von Bach. Auf der Bühne die Breakdancer der Flying Steps. Dass diese skurrile Mischung durchaus zusammen passen kann, zeigt die Show "Flying Bach". Hendrik Schröder war aber nicht restlos überzeugt.

Vor dem Eingang zum Wintergarten stehen gut gelaunte Typen, Baseball-Kappen auf dem Kopf, und klatschen sich ab. Sie sagen Sachen wie: "Ay, Du hier, stabiler Typ" und "Yo, Diggi, geil". Frauen mit endlosen Nägeln zeigen sich fast kreischend auf ihren Smartphones Urlaubsbilder. Daneben warten ältere Paare in Sakko und Kleid geduldig in der Schlange.

Die einen kommen also offenbar wegen des Breakdance, diesem wilden Tanzstil aus der Hip-Hop-Kultur, die anderen wegen Johann Sebastian Bach. Das ist doch schon mal spannend.

Links auf der Bühne steht ein Klavier, rechts ein Cembalo. Die ersten zwölf Fugen des wohltemporierten Klaviers spiele man, sagt der Pianist über ein Mikrofon. Er wühlt ein bisschen in zerfledderten Noten und legt los. Aus dem Zuschauerraum kommen ein paar Typen in weiten T-Shirts auf die Bühne geklettert und dancen los, dass man die Turnschuhe auf dem Bühnenboden quietschen hört.

Und dann kommt der Beat

Ok, das ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Eine Ballerina schwebt über die Bühne und die Breakdancer machen die irrsten Bewegungen um sie herum. Sie stehen auf den Händen, kreiseln auf dem Kopf, bewegen sich roboterartig. Man kennt den Style aus zahllosen Rapvideos oder aus der Fußgängerzone.

Währenddessen fliegen Klavier und Cembalo munter dahin. Melodie, Rhythmus und Tanz passen ganz ok zusammen, aber man fragt sich schon: Bleibt das jetzt so? Das ist Breakdance zu Bach? Fehlt da nicht was? Dann endlich setzt auch ein Beat ein und das Ding nimmt richtig Fahrt auf. Zum Glück.

In über 50 Ländern war die Show schon zu sehen, gewann den Echo, Sonderpreis Klassik. Ein riesiger Erfolg. Aber nur mit Bach-Fugen bringt man dann doch keinen Saal zum kochen.

Anfeuerungsrufe für Tänzer und Pianist

Eine Geschichte hat die Show auch und die geht so: Alle Typen sind scharf auf die Ballerina und versuchen sie mächtig zu beeindrucken mit ihren Moves und Salti. Die Ballerina übrigens zart und im Kleidchen, die Typen testosterongefüllt und in cooler Streatwear - Rollenbilder aus einem anderen Jahrtausend.

Aber die Ballerina weiß nun nicht recht, wen sie nehmen soll oder was die Typen eigentlich von ihr wollen. Irgendwie so, ist aber auch total egal die Story. Eigentlich geht es ja darum, diese unglaublichen Fähigkeiten der Tänzerin und der Tänzer zu inszenieren.

Und was die drauf haben ist wirklich krass. So eine Körperbeherrschung, so eine Explosivität, einzeln, alle zusammen. Aber irgendwann wiederholen sich die Tricks, die Show hat Längen. Klar ist das schon sehr lustig. Wann sieht und hört man schon mal jemanden Bach auf dem Klavier spielen, während das Publikum schreit: "Let's go! Yeah, Yeah, Diggi Du bist der Größte" und solche Sachen.

Vielleicht ist das ein bisschen gemein, weil die Show so viele Menschen international schon begeistert hat und sie ja auch funktioniert, aber wenn man ganz ehrlich ist, braucht Breakdance einfach nur einen Beat. Und keinen Bach. War trotzdem 'n guter Abend. Stabil, Diggi.

Bis zum 5. Oktober ist die Show noch täglich im Wintergarten Variete zu sehen.

Sendung: Inforadio, 29.09.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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