Theaterkritik | "Kein Weltuntergang" in der Schaubühne Berlin - Nervtötende Motiv-Collage zum Klimawandel

Szenenbild: "Kein Weltuntergang" in der Schaubühne Berlin (Quelle: Schaubühne/Gianmarco Bresadola)
Audio: Inforadio | 05.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Schaubühne/Gianmarco Bresadola

Ein neues Stück der britischen Dramatikerin Chris Bush befasst sich mit den Folgen des Klimawandels und der Frage, was sich dagegen tun lässt. Die Inszenierung an der Berliner Schaubühne folgt Kriterien der Nachhaltigkeit. Von Ute Büsing

Die Schaubühne stellt uns mit dieser Uraufführung auf eine harte Geduldsprobe. Denn 90 Minuten lang kommen ständig drei Frauen aus drei Türen, um in abgehackten Short Takes unendlich viele Möglichkeits-Szenarien eines Bewerbungsgesprächs an einem Klimaforschungsinstitut, des Todes einer hochdekorierten Klimaforscherin und des globalen Klimawandels durchzuspielen. Dazu ertönen Quietschgeräusche und die spärlichen Neonröhren flackern.

Die Irritation über das Fehlen jeglicher linearen Erzählung, die sich schon beim Lesen des neuen Stücks der britischen Dramatikerin Chris Bush einstellte, hält in Katie Mitchells sparsamer Inszenierung an. Hier soll in einer Motiv-Collage ein so genanntes "Multiversum" dargestellt werden, ein schwer zu fassendes "Hyperobjekt" in all seiner Fragmentierung: die globale Klimakrise.

Doch die vielen spannenden Details und Überlegungen zu Klimaforschung und Klimawandel, die in "Kein Weltuntergang" angelegt sind, werden durch die formale Spielerei nervtötend überlagert. Denn tatsächlich erfahren wir viel, etwa über eine 80.000 Jahre alte Baumkolonie, sich paarende Eis- und Grizzlybären, in "Millenium-Pink" gefärbten Schnee und 100 Millionen indigene Kolonisierungstote seit 1492.

Handlungsalternativen des Verzichts

Der Stoff mit seinen vielen "Feedback-Schleifen" regt tatsächlich zum Nachdenken an und er fordert auch von seinen Protagonistinnen – und damit vom Publikum – Handlungsalternativen des Verzichts. Reicht es schon, das Fahrrad anstatt das Auto zu nehmen? Nicht mehr zu fliegen? Ist der Verzicht auf rotes Schweinefleisch zielführend? Patenschaften für Orang-Utans in Borneo zu übernehmen und den einsamen Eisbären auf seiner schmelzenden Scholle zu unterstützen, wird ins Lächerliche überführt.

Das variierte Bewerbungsgespräch führen Jule Böwe als Institutschefin und das neue Ensemblemitglied der Schaubühne, Alina Vimbai Strähler, als eine, die unbedingt etwas gegen den Klimawandel unternehmen will, mit Nachdruck, Härte und gelegentlichem Humor. Später ist Böwe dann, zusätzlich verwirrend, eine übergeordnete Instanz, die den Tod der Institutsleiterin im ewigen Eis oder im Dschungel aufklären soll und Vimbai Strähler erneut ihr Gegenüber als Forscherin, die die Tote gefunden hatte.

Frontale Ansprache im klimaschonenden Setting

Die Darstellerinnen richten sich allerdings stets frontal ans Publikum, auch die Dritte im Bunde, Veronika Bachfischer, die als Tochter der toten Klimaforscherin zunächst deren Urne hereinträgt, sie später mit Blumengrabschmuck drapiert und noch später tropische Gräser und Palmen dazustellt. Sie erzählt, einigermaßen entrückt, das Märchen von einer ums Essen beklauten Eisbärenfamilie, von Lebens-Bäumen und unserem eigentlich glücklichen Leben in der "Goldglöckchen-Zone".

Bei der Umsetzung folgt die Inszenierung dem Gebot des Verzichts. Wie schon öfter bei Katie Mitchell wird der Strom für Licht und Ton abwechselnd von drei Fahrradfahrern erzeugt, die sich auf zwei Fahrrädern am Bühnenrand abwechseln. Durch pure Muskelkraft werden so pro Fahrrad 120 Watt erzeugt. Das Bühnenbild wurde aus recycelten Materialien hergestellt, Kostüme und Requisiten stammen aus anderen Schaubühnen-Produktionen (Bühne und Kostüme Chloe Lamford).

Das Hyperobjekt Klimakrise kriegt "Kein Weltuntergang" wegen der zersplitterten Form aber nicht in den Griff.

Sendung: Inforadio, 05.09.2021, 09:05

1 Kommentar

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  1. 1.

    Nicht das erste nervtötende zum Thema Klimawandel was in dieser Stadt abgeht . Was irgendwie auffällt ist ,das alle die hierzu etwas hervorbringen irgendwie komplett "verstrahlt " sind . Wie ein Wettstreit wer am beklopptesten ist.

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