Theaterkritik | Neuer Intendant Pollesch in der Volksbühne - Hommage an einen Vorhang und den alten guten Geist

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Probe zum Stück Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen von René Pollesch (Quelle: Christian Thiel)
Audio: Inforadio | 17.09.2021 | Ute Büsing | Bild: Christian Thiel

Ein Theatertermin, auf den viele lange gewartet hatten: Donnerstagabend wurde die Berliner Volksbühne mit einer Produktion des neuen Intendanten, René Pollesch wiedereröffnet. Von Ute Büsing

Es ist ein typischer Pollesch, mit dem die Volksbühne, die auch wieder den Rosa-Luxemburg-Platz im Titel führt, neu eröffnet - mit ihm als Intendanten und hier auch Regiesseur: extrem diskurslastig ist die 80-minütige Hommage an einen orangefarbenen Vorhang, der sich bläht, dreht und wendet, auffährt und fällt, kurzum sich eine Performance ertanzt.

Als Ausgangspunkt für die Neuproduktion "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen" gesetzt hat ihn Bühnen- und Kostümbildner Leonard Neumann, der Sohn des verstorbenen Bert Neumann, der Bühnen und Logos der Volksbühne über Jahrzehnte prägte. Eine Hommage also.

Klassischer Pollesch-Sound

Vielleicht war es ja hohe Zeit, dem Vorhang, diesem althergebrachten Instrument des Theaters, das sonst immer nur sachdienlich zu sein hat, ein Eigenleben einzuhauchen. Immer wird die große Tragödie erwartet, wenn er sich hebt, heißt es, dabei hat die, zumindest bei Pollesch, längst ausgespielt. Vier Performer schickt er auf leerer Drehbühne an die Rampe, um das Leben zwischen den Vorhängen einzufangen: Kathrin Angerer, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz und Martin Wuttke erobern sich hochenergetisch den fast schon klassischen Pollesch-Sound, wie er an der Volksbühne zu Castorf-Zeiten oft zu hören war.

Hochgespannte Erwartungen

Hoch gespannt waren die Erwartungen an diesen Wiedereröffnungsabend, an die neue autonome Arbeitspraxis des Führungskollektivs und das Wiedereinhauchen des alten guten Geistes nach dem Dercon-Debakel und dem vorzeitigen Abgang von Klaus Dörr. Das wünschten sich Uraufführungsgäste wie BE-Intendant Oliver Reese, der langjährige Schaubühnen-Lenker Jürgen Schitthelm und der einst prägende Volksbühnen-Dramaturg Matthias Lilienthal – für die Volksbühne und die anderen Stadttheater, die seit Corona viel mehr auf das Miteinander achten.

Das Familiengefühl überwog wie bei Schauspielerin Margarita Broich, die mit Kindern und Enkeln am Start war alles andere – wie den doch eher dünnen "Vorhang"-Text, der keine Rückschlüsse auf weitere Neuproduktionen zulässt. Es dominierte draußen vor der Tür, wo Impfgegner krakelten, ein Kinderchor sang und im Zirkuszelt Volksbühnen-Symbole auf T-Shirts gebügelt wurden und drinnen im noch nach Schachbrett gesetzten Saal, wo sich weitere Schauspielkollegen wie Inga Busch und Florian Hinrichs versammelt hatten.

Anarchisches Gemisch aus Diskursversatzstücken

Es macht stellenweise wirklich Spaß, der Viererbande auf der Bühne dabei zuzuschauen, wie sie sich mit Anleihen im Zirkusmilieu und beim Western durch ein anarchisches Gemisch aus Diskursversatzstücken zum romantischen Antikapitalismus oder der Krise des Hässlichen hangelt und vom Kubismus zur Pop Art kommt. Es geht um Jugend und Alter zum Beispiel, wenn Martin Wuttke als Captain Tolstoi von revolutionären Jugendlichen malträtiert wird, oder Kathrin Angerer die bleichen Jungen beklagt, die jetzt die Last der Geschichte schultern müssen. Es gibt auch Referenzen an die jüngere unselige Volksbühnen-Vergangenheit, die jetzt im neu entflammten spielerischen Furor überwunden werden soll. Der Auftakt war mehr Blick zurück als nach vorn.

Sendung: Inforadio, 17.09.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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