Interview | ARD-Serie "Tina mobil" - "Das ganze Leben ist politisch"

Tina (Gabriela Maria Schmeide) in ihrem Bäckermobil (Bild: rbb/Stefan Erhard)
Audio: rbbKultur | 15.09.2021 | Peter Claus im Gespräch mit Laila Stieler | Bild: rbb/Stefan Erhard

Die Verkäuferin Tina hat es nicht leicht, aber sie hat einen Plan. Die ARD-Serie "Tina mobil" erzählt von einer starken Frau, aber auch von Armut und Überforderung - Themen, die sich in Spielfilmen selten finden, sagt Drehbuchautorin Laila Stieler.

In sechs Folgen erzählt die ARD-Miniserie "Tina mobil" Geschichten aus dem Leben von Tina (Gabriela Maria Schmeide). Mit ihrem Bäckermobil versorgt sie die Menschen in den kleinen brandenburgischen Dörfern nördlich von Berlin - bis ihr Chef ihr nach 20 Jahren aus heiterem Himmel kündigt. Aber Tina will sich nicht unterkriegen lassen.

Zur Person

Laila Stieler © Andreas Höfer
Andreas Höfer

Laila Stieler

ist Drehbuchautorin, Dramaturgin und Producerin. Sie arbeitete viel mit Andreas Dresen zusammen, unter anderem schrieb sie die Drehbücher für "Stilles Land", "Die Polizistin", "Willenbrock" und "Gundermann". Auch das Drehbuch für das Doku-Drama um die NSU-Morde "Die Opfer – Vergesst mich nicht" - stammt von ihr. "Tina mobil" ist ihre erste Serie.

rbb: Frau Stieler, Sie sind die Drehbuchautorin von 'Tina mobil'. Tina wird gespielt von Gabriela Maria Schmeide. Sie kennen sich vom Film 'Die Polizistin'. Haben Sie die Rolle Gabriela Maria Schmeide auf den Leib geschrieben?

Laila Stieler: Gabi kenne ich nicht nur von der Polizistin her, sondern auch von einem Fernsehfilm 'Patchwork', den ich geschrieben habe und wo ich sie schon im Hinterkopf hatte. Und mehr noch von einem Kinofilm, den ich geschrieben und Doris Dörrie verfilmt hat: 'Die Friseuse'. Da habe ich tatsächlich auch explizit für sie geschrieben - und hier war es auch so, dass ich sie im Hinterkopf hatte.

Sie schauen sich für Ihre Filme sehr genau in der Wirklichkeit um. Haben Sie auch für diese Drehbücher, wie es so schön heißt, den Leuten aufs Maul geschaut?

Ja, ich recherchiere wirklich sehr gerne. Das macht für mich ein einen Großteil meiner Arbeit aus. Ich sitze da und schreibe - und komme dann des öfteren an den Punkt, wo ich denke: Weiß ich jetzt gar nicht so genau, müssten wir mal nachforschen.

Tatsächlich bin ich mit einem Bäcker-Mobil mitgefahren. Ich lebe auf einem Dorf in Brandenburg. Drei Mal die Woche kommt ein mobiles Verkaufsfahrzeug. Das ist die Rettung für die Dörfler, denn die Verkaufsstelle ist zwölf Kilometer entfernt. Wer kein Auto hat oder kein Auto fahren kann und sich auf einen Bus verlassen muss, ist echt angeschmiert. Ich habe die Frau also angesprochen, ob ich mit ihr mitfahren kann und ob sie mir das mal zeigen kann.

Info

Die Miniserie "Tina mobil" ist ab Mittwoch um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen .

Die ARD-Serie wurde vom rbb mit produziert und ist auch in der ARD-Mediathek abrufbar.

Außerdem war ich bei der Karriereberatung der Bundeswehr, habe meine Gynäkologin ausgequetscht, war in einer Schwangeren-Konfliktberatung, in der Agentur für Arbeit und habe dort überall ganz tolle und sehr auskunftsfreudige Menschen getroffen.

Eine Serie zu schreiben, ist etwas Neues für Sie. War es eine große, war es eine schwierige Herausforderung für Sie?

Ich habe es mir leichter vorgestellt, muss ich sagen. Ich dachte: Mensch, Du schreibst einfach einen ganz langen Film, und teilst den dann in sechs Teile. Aber so war es natürlich nicht. Jede einzelne Episode dieses Films habe ich dann auch einzeln als Drehbuch geschrieben, also mit Anfang, Mitte und Schluss, obwohl es eine fortlaufende Handlung gibt. Insofern war es anders als erwartet und hat auch wirklich Arbeit gemacht. Aber es hat mir auch einen Riesenspaß gemacht - es war Mal was anderes.

Komik und Tragik liegen in Ihrer Serie - wie im wahren Leben - ganz dicht beieinander. Und es gibt auch einen Blick auf die politische Realität. Wie wichtig ist Ihnen gerade Letzteres?

Ich glaube, dass das ganze Leben und vor allen Dingen das Private politisch ist. Ich bemühe mich nicht darum, politische Realitäten zwingend in Bücher einzuarbeiten. Das ergibt sich meist ganz von selbst, und das ergibt sich durch die Figuren und durch die die Situation oder durch die Lebenslage, in der sie sind.

Hier ging es mir tatsächlich um Armut, aber auch eine bestimmte Form von Überforderung, die sich darin manifestiert, dass die Heldin permanent in Bewegung ist, um dieser Armutsfalle zu entgehen. Sie ist einem ungeheuren Druck ausgesetzt, um ihre Familie davor zu bewahren, dass sie abrutscht und wirklich arm wird - also spürbar für alle arm.

Es war mir wichtig, über solche Menschen zu erzählen, über die zumindest in Spielfilmform wenig erzählt wird. Sicher oft in Dokumentationen, aber in Serien und Filmen wird diese Randlage eher weniger erwähnt.

Und da Sie die Komik erwähnen: Als dann unsere mobile Bäckereiverkäuferin dazukam, die tatsächlich eine sehr fröhliche Frau ist, und die Idee mit Gabi Schmeide aufkam, kriegte das ganze Projekt auch eine Note, die ich mag - nämlich sowas Tragikomisches.

Die Figur hat einen bestimmten Hintergrund: Sie stammt aus dem Osten Deutschlands, aus der DDR. Wie wichtig ist dieser Ost-Aspekt?

Ich habe erstmal versucht, über etwas zu schreiben, was ich genau kenne - und da bietet sich die eigene Herkunft immer an. Ich denke, Tina könnte ansonsten auch ganz woanders beheimatet sein.

Ihre Eltern sind berühmte Dokumentarfilmregisseure, sie haben zum Beispiel die Kinder von Golzow gedreht. Wie sehr hat Sie dieser Hintergrund geprägt?

Als ich anfing, als Autorin zu arbeiten, habe ich gedacht, dass ich was total anderes mache als meine Eltern und dass das eine mit dem anderen überhaupt gar nicht zu tun hat. Erst mit den Jahren und etwas Abstand - auch zur eigenen Person - dämmerte mir, dass das doch sehr viel miteinander zu tun hat und dass mich diese Dokumentarfilme und diese Perspektive auf Biografien von Menschen sehr geprägt haben und ich das instinktiv weiter betreibe.

Am Drehbuch von 'Gundermann' haben Sie mehr als zehn Jahre gearbeitet. Woher nehmen Sie die Energie?

Ich war schon immer ein guter Ausdauerläufer. Das ist gar nichts, was mit ungeheuer viel Kraft zu stemmen ist, sondern eher mit Ausdauer und Fleiß, so wahnsinnig langweilig klingende Tugenden. Ich glaube, wichtig ist vor allen Dingen, dass ich daran Spaß habe und dass ich selbst überzeugt bin, jeweils Wichtiges zu erzählen. Dieses Stück Hybris, was wir wahrscheinlich alle haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Peter Claus, rbbKultur. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Play-Button im Titelbild klicken.

Sendung: rbbKultur, 15.09.2021, 17:10 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Tolle Serien. Ich hab mir alle Folgen schon aus der Mediathek reingezogen. Eigentlich kann man nicht anders, als gleich die nächste Folge weiterzuschauen. Tina ist so richtig eine Frau mitten aus dem Leben. Gabriela Maria Schmeide spielt diese Rolle so lebensnah mit allen Schattierungen. Man freut sich mit Tina, wenn sie wieder was gepackt hat und im nächsten Moment reißt sie mit ihrer Impulsivität alles nieder... Köstlich auch die Gespräche der Dörfler am Bäckerauto. Da vesammelt sich die creme de la creme der Altmeister/innen deutscher Filmkunst bei ihr am Verkaufstresen. Lobenswert die Jungschauspieler als ihre Kinder, die einen guten Durschnitt vieler Jugendleiden durchmachen und Tina gleich mit.
    Eine wirklich gut gelungene Serie. Unterhaltend, witzig, leidend und kurzweilig. Nie kahm mir eine Gähnphase in die Augen während dieser langen Serien-Nacht.

  2. 1.

    Ich mag gute Serien und bin jetzt schon sehr gespannt. Zudem mag ich die Schauspielerin Gabriela Maria Schmeide.

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