Musik türkischer "Gastarbeiter" - Das kalte Almanya

Eine Gruppe Fans jubelt während eines türkischen Musikfestivals in Dortmund im April 1984 (Bild: imago images/Jochen Eckel)
Audio: Inforadio | 05.10.2021 | Laf Überland | Bild: imago images/Jochen Eckel

Seit in den 60ern türkische "Gastarbeiter" kamen, ploppten auch ganz neue Konzerte in Deutschland auf - mit eigenen Labels und ausverkauften Arenen. Doch die Musik der Migranten verharrte Jahrzehnte lang in einem Paralleluniversum. Von Laf Überland

Wer noch in den 1990er Jahren zwischen Döner und Chai und Schisch-Kebab und Efes-Bier durch die türkischen Viertel der Großstädte spazierte, der staunte über die leuchtenden Konzertplakate. Dort waren Namen zu lesen, die man noch nie gehört hatte, und in einem Outfit, das so überhaupt nicht zur gängigen coolen Popmusikästhetik passte und auch nicht zu den ethnologisch schlichten Folkloremotiven des damals grassierenden Weltmusik-Booms.

Und wenn man dann hörte, dass in den großen Veranstaltungsarenen ausverkaufte Konzerte stattfanden, über die weder eine Kritik in der Zeitung erschien noch vorab ein Konzerthinweis im Radio, dann lag das daran, dass von den Sechzigern bis in die Achtziger in Deutschland eine türkische Popmusikkultur entstanden war, die selbst von der empathischen Multikulti-Weltsicht der Neunziger nicht aufgespürt wurde.

Fans bejubeln türkische Musikstars beim Türkischen Musikfestival in Dortmund 1984 (Bild: dpa)
Fans während eines türkischen Musikfestivals in Dortmund 1984. | Bild: dpa

Türkische Popkultur in der "bitteren Heimat"

Das war die Musik jener Arbeitskräfte, die seit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von 1961 mit dem Versprechen von guter Arbeit und guter Bezahlung in die Bundesrepublik gelockt worden waren - und mit der festgelegten Ansage, dass sie aber bitte nach zwei Jahren wieder gehen sollten. Warum also hätten die sich irgendwie anpassen sollen? Und ihre Popkultur importierten diese Arbeitsmigranten nicht nur aus der Türkei: Sie re-produzierten sie sogar vor Ort.

Heimweh, Sehnsucht und Familiendramen füllten die Schlager und Folkloresongs der ersten türkischen Arbeitsmigranten - und Zorn auf das kalte Almanya, das viele zur "bitteren Heimat" erklärten. Für diese in der deutschtürkischen Diaspora entstehende Musik wurden mehrere Plattenfirmen gegründet, die vor allem Kassetten herausbrachten: Die wurden als Grüße aus der Fremde in die Türkei exportiert und an die Fans hier vor Ort verkauft.

Guten Morgen Mayistero / Aufwiedersehen, Vormännero / Heute ich bin sehr müde / Morgen vielleicht mehr yo, yeah, yeah, yeah...

Metin Türköz

Musiklabels abseits deutscher Hörerschaft

Das bekannteste Label für türkischsprachige Musik war Türküola. Auf ihm reussierte zum Beispiel Yüksel Özkasap, die unter türkischstämmigen Fans bekannt war als "Köln'ün Bülbülü", die "Nachtigall von Köln".

Sie sammelte mehrere goldene Schallplatten ein und verkaufte von ihren, in Deutschland aufgenommenen, melancholischen Liedern über die verlorene türkische Heimat in den Sechzigern und Siebzigern Hunderttausende von Exemplaren - vor allem auf Kassetten. Die wurden aber nicht in Plattenläden verkauft, sondern meist in türkischen Lebensmittelgeschäften – vorbei an jeder Wahrnehmung deutscher Pophörer.

Der Pate der türkischen "Gastarbeiter"-Musik aber hieß Metin Türköz und war 1962 nach Köln gekommen, um bei Ford zu arbeiten. Als der gelernte Schlosser eine Weile lang Kupplungsteile in einen 800 Grad heißen Ofen gelegt hatte, schmiss er den Kram hin, wurde Liedermacher und fing an, die deutschtürkische Arbeitswelt zu besingen – mit ironischen Worten aus der Seele all derer, die sprachlos waren. "Guten Morgen Mayistero / Aufwiedersehen, Vormännero / Heute ich bin sehr müde / Morgen vielleicht mehr yo, yeah, yeah, yeah..."

Von der Gastarbeitermusik zur Gast-Arbeitermusik

"Die Leute der ersten Generation waren in Gedanken immer noch in der Türkei. Der Körper war in Deutschland, aber der Geist in der Türkei", erzählte Ozan Ata Canani, der Gastarbeitersohn, der 1978 ein Zitat des Schriftstellers Max Frisch sang, das er in einer Zeitschrift der IG Metall gefunden hatte: "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen", radebrechte er zunächst noch zu polterndem Rockschlagzeug und seiner elektrifizierten Langhalslaute. Denn "Gastarbeiter"-Musik konnte eben auch Arbeitermusik sein, in kritischer Tradition und brüskiert von der abfälligen Behandlung, die ihnen zuteil wurde, und ihrer unterpriviligierten Stellung in der Arbeitswelt.

Obwohl die Regierung Kohl noch in den Achtzigern die Zahl der Türken in Deutschland um 50 Prozent reduzieren wollte und an den Hauswänden "Ausländer raus" stand, entstand mit dem Nachwachsen der Einwanderergenerationen allmählich auch eine westlich orientierte deutschtürkische Popmusik.

Es gab Discofolk und Rock und Reggae, aber die Musik blieb im türkischen Paralleluniversum verhaftet, bis die Übergriffe und Anschläge in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Solingen die Grenzen zwischen den Deutschen unterschiedlicher Herkünfte aufweichten... Naja, bei manchen zumindest.

Eko Fresh beim Benefizkonzert für die Opfer der Flutkatastrophe an der Südbrücke (Bild: dpa/Christoph Hardt)Der Rapper Eko Fresh während eines Auftrittes in Köln.

In den 90ern zum Deutschtürk-Rap

In den Neunzigern begannen türkischstämmige Rapper deshalb, auch ihren Status als Bundesbürger und ihre davon abweichende Lebenssituation zu reflektieren. Mit dem überregionalen Rapperzusammenschluss Cartel oder King Size Terror aus Nürnberg fing es als Subkultur an, und die heute aktiven Kool Savas oder Eko Fresh brachten Deutschtürk-Rap in die Charts.

An letzteren hatte der Bandgründer, Schauspieler und Journalist Nedim Hazar, dessen Band Yarinistan in den Achtzigern mal den wunderbaren Text "Zigeuner sind lustig, Türken sind froh / Trinken viel Raki und putzen das Klo" sang, den Stab weitergegeben - seinen Sohn Ekrem Bora aka Eko Fresh. Man muss Ekos Liebäugelei mit dem Pop, die ihn auch schon mal einen Song für Yvonne Catterfeld schreiben ließ, nicht gut finden, aber als Rapper spricht er für die Generation von völlig integrierten Deutschtürken, die es zerreißt, wenn sie immer noch als fremd und anders angefeindet werden.

"Glaubt mir, Jungs, es gibt Tausende von uns. Wir sind zwischen beiden Welten aufgewachsen, Punkt. Ich muss mich nicht entscheiden, ich muss nur ich selber sein. (...) Seht es ein, denn Identifikation ist nur ein Gefühl wie ne Handyvibration. Meine Ansicht, Bro, ob Religion, ob Tradition, zusammen in nem Land zu wohnen, ist schwer. Aber ihr macht das schon." (Eko Fresh – Aber, 2018)

Sendung: Inforadio, 05.10.2021, 12 Uhr

Beitrag von Laf Überland

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