Premiere im Renaissance Theater - König Lear im Kostüm der leichten Muse

Michael Rotschopf, Felix von Manteuffel, Katharina Thalbach im Renaissance Theater © Thomas Raese
Bild: © Thomas Raese

Wegen der Corona-Pandemie musste das Berliner Renaissance Theater seine längst fertig geprobte "König Lear"-Adaption immer wieder verschieben. Gestern nun hatte die erste große Inszenierung des neuen Intendanten Guntbert Warns Premiere. Von Ute Büsing

Shakespeares "Lear" ist ein großer, schwerer und blutiger Stoff, Polit- und Welttheater, Generationen-Drama und Tragödie der Einsamkeit. An so einen Brocken hatte sich das Renaissance Theater bislang nicht gewagt. Hausherr Guntbert Warns versucht jetzt in seiner auf neun Rollen eingedampften Inszenierung das Credo des Hauses als gutbürgerliches intelligentes Unterhaltungstheater mit zu bedienen. In knapp drei Stunden präsentiert er einen prallen Kessel Buntes mit grellen Miniaturen, zieht die Tragödie immer wieder in die Komödie. Wo Abgrund lauert, herrscht in dieser aktualisierten Lear-Version in den Signalfarben Schwarz, Rot, Gold oft Klamotte. Das Premierenpublikum geht begeistert mit, feiert die vielen hellen Scherze im düsteren Getümmel und die dem derben Volkstheater entliehenen Slapstick-Einlagen.

Praller Kessel Buntes mit grellen Miniaturen

Der König Lear des Felix von Manteuffel ist ein alter weißer Mann wie aus dem Bilderbuch. Mit langen weißen Haaren und langem weißen Bart regiert er sein Königreich hart aber herzlich und hat dabei auch jede Menge "Followers" erobert, so ist es in der Übersetzung und Bearbeitung von Thomas Melle angelegt. Die Facebook- oder Instagram-Anspielung wird aber nicht durchgehalten oder konsequent umgesetzt. Die Inszenierung folgt konsequenter einer anderen Linie: in beinahe feministischer Lesart fokussiert sie auf die Töchter Goneril (Catrin Striebeck) und Regan (Jacqueline Macaulay), die mit geheuchelten Liebesbekundungen das Erbe des Patriarchen antreten, um ohne Gnade und Rücksicht in blutiger Konsequenz eine längst fällige neue Herrschaft zu etablieren.

Buhlen um Sympathie für gnadenloses Machtstreben

Den blutigen Schwestern, die hier stellenweise durchaus erfolgreich um Sympathie für ihr Machtstreben buhlen können, entspricht der als "Bastard" geborene Edmund. Auch dieser skrupellose Recke will bedingungslos nach oben. Matthias Mosbach erntet für seine demonstrativ virile Darstellung des gewitzten Bösen Extra-Applaus. Dagegen hält es Cordelia, die dritte im Töchterbunde, bekanntlich mit der Wahrheit, statt ihrem Königvater Schaum ums Maul zu schmieren und wird verbannt. In der eher kleinen Rolle glänzt Katharina Thalbach vor allem im insgesamt konzentrierteren zweiten Teil nach der Pause dann aber auch als streitbare Kriegerin mit Riesenschwert. Der gute Edgar (Moritz Carl Winklmayr) geistert dagegen, in seinem Fall von der Mutter verstoßen, als "Major Tom" durch das Gewese, in dem auch mal die Sterne befragt werden.

Splatter-Slapstick und Slow Motion-Pantomime

Die Mutter, das ist in der in diesem Fall auch genderfluiden Inszenierung Gloucester. Klaus Christian Schreiber kostet die Frauenrolle mit jeder Faser aus. Einen wahren Springteufel-Furor entfacht Michael Rotschopf in der Doppelrolle als Kent und als Narr. Dieser treue Berater des Lear ist fürs Sprüche klopfen und Witze machen zuständig und tritt auch schon mal als Flitzer auf, der blankzieht. Die Blendung von Gloucester wird im Splatter-Slapstick ausgespielt. Das blutige Finale findet zu Stroboskop-Gewittern in pantomimischer Slowmotion statt. Mit viel roter und blauer Farbe (für das Gift). Da ist mehr "Kill Bill" als Shakespeare drin. Insgesamt wird in der leicht historisierenden schwarz-rot-güldenen Ausstattung von Momme Röhrbein (Bühne) und Wicke Naujoks (Kostüme) ganz schön auf die Tube gedrückt – was nicht immer gleichbedeutend mit richtigem Timing ist.

Das letzte Wort der Neufassung haben die Geister der Schwestern Goneril und Regan: "Bald sind es solche wie wir, die entscheiden/Vielleicht lässt sich dann das Schlimmste vermeiden." Oh je, wenn das keine Drohung ist! Insgesamt ein eher zwiespältiges Theaterereignis, weil Tragik und Tiefe des Shakespeare-Stoffes zu oft und zu sehr und nicht immer überzeugend als leichte Muse kostümiert daherkommen.

Sendung: Inforadio, 04.10.2021

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