Frühkritik | "Anatomie eines Suizids" im Berliner Ensemble - Leidensfrauen aus drei Generationen ringen mit dem Todessog

Fr 29.10.21 | 11:53 Uhr | Von Ute Büsing, Inforadio
  2
"Anatomie eines Suizids" von Alice Birch am Berliner Ensemble
Audio: Inforadio | 29.10.2021 | Ute Büsing | Bild: JR/Berliner Ensemble

Mitunter sind die Szenen in "Anatomie eines Suizids" kaum auszuhalten. Das Berliner Ensemble zeigt das düster-verstörende Stück der jungen britischen Dramatikerin Alice Birch - eine Herausforderung für das Publikum und die Darstellenden. Von Ute Büsing

Es ist ein schwerer Stoff, der in drei Geschichten erzählt wird - über zwei anstrengende Stunden hinweg simultan. Nämlich wie sich eine in den Suizid führende Depression von der Mutter auf ihr Kind, und als diese Mutter wird, möglicherweise auch auf deren Kind überträgt. Die 35-jährige britische Dramatikerin Alice Birch hat ihren düster-verstörenden Text hoch artifiziell wie eine Fuge angelegt. Dem Schauspielensemble, allen voran Judith Engel, Claude de Demo und Sina Martens, verlangt die komplizierte Partitur Höchstleistungen ab.

Sie führen vor, wie die mit der Disposition zur Depression belasteten Leidensfrauen aus drei Generationen mit dem Todessog und den gegenläufigen gesellschaftlichen Erwartungen an das Funktionieren ihrer Körper und das Gebot der Mutterschaft, ringen.

Simultane Leidensstationen

Stockend, fast mechanisch reagiert in den 70er Jahren die erste Betroffene, Hausfrau Carol (Engel), auf die Zumutungen der Psychiatrie und des wohl meinenden, dabei aber hohl tönenden Umfelds. Den ersten Suizidversuch deklariert sie im Gespräch mit dem nachhakenden Ehemann noch als Unfall. Weitere Depressionsschübe kompensiert sie immer wieder mit der Fürsorge für ihre Tochter Anna und der Sorge um deren Wohlergehen - und begeht doch Suizid, als diese 16 Jahre alt ist.

Dieselben hilflosen Phrasen "Geht es Dir gut?!", "Du siehst blendend aus!", Du "strahlst!" widerfahren in zweiter Generation dann Anna (de Demo), vom Typ her eher burschikos-hippiesk. Sie tut sich nach Kommune-Erfahrungen und Heroinsucht mit einem Interviewer zusammen und sucht ihr Heil in der bürgerlichen Kleinfamilie. Schließlich zerbricht auch sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter Bonnie. Sie kann das Kindeswohl nicht schultern.

Durchbrechung des unheilvollen Familienmusters?

Im Hier und Heute entschließt sich dann eben diese Bonnie (Martens) die familiäre Suizid-Kette mit einer Sterilisation zu durchbrechen. Sie ist die Einzige in diesem Trio, die etwas Helles umgibt, die sich offensiv im Leben positioniert und auch als Ärztin versucht, das unheilvolle Familienmuster zu unterlaufen. Im von der Großmutter Carol vererbten Haus suchen sie die Geister und Spuren der Vergangenheit heim. Schließlich verkauft sie das Anwesen mit den Pflaumenbäumen und dem Blick über weite Felder.

Meist inszeniert Katie Mitchell Birchs Sprach-Gesänge in äußerster Reduktion – so auch "Anatomie" nach der Uraufführung am Londoner Royal Court Theatre für das Hamburger Schauspielhaus. Diese Produktion war als Streaming beim diesjährigen Theatertreffen zu sehen.

Am Berliner Ensemble geht jetzt die vor allem als Filmemacherin bekannte Niederländerin Nanouk Leopold bei ihrem deutschsprachigen Regie-Debüt einen anderen Weg. Sie macht all das Leid suizidaler weiblicher Persönlichkeiten fast qualvoll deutlich, zergliedert und seziert wie eben in der Anatomie die unheilvollen Familienmuster. Auf dreigeteilter Bühne (Elsje de Bruijn) spielen sich zwischen spärlichem Mobiliar simultan Situationen in der Klinik, im Café oder beim Picknick ab, die in ihrer Dreistimmigkeit die schiere Unausweichlichkeit illustrieren.

Gurgelnde Wassergeräusche untermalen Todessog

Mitunter sind diese auf drei Zeitebenen gegeneinander geschnittenen Szenen des Suizids kaum auszuhalten. Gurgelnde Wassergeräusche untermalen den Sog des Todes. Nur gelegentlich bricht sich Komik Bahn, sorgt für ein paar leise Lacher. Dramatische Vorlage und Inszenierung schrammen insgesamt nur haarscharf am Pathos vorbei. Und dann ist es doch wieder beeindruckend, wie alle zehn Darsteller in wechselnden Rollen überzeugend zeigen, wie schwer es ist, genetisch Todgeweihten gelingendes Leben abzuringen, dem schier unausweichlich erscheinenden Muster etwas entgegenzusetzen.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym.
Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Sendung: Inforadio, 29.10.2021, 08:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing, Inforadio

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Sehe ich auch so, auch wenn hier Figuren gemeint sind und keine realen Menschen. Hier fehlt das Wörtchen "vermeintlich". Anzumerken wäre in diesem Zusammenhang vielleicht noch die transgenerationale Weitergabe von Traumata, die auch genetische Veränderungen bewirken können aber psychotherapierbar sind.

  2. 1.

    Grenzwertig, von "genetisch Todgeweihten" zu schreiben - und darunter quasi der Form halber die Nummer der Telefonseelsorge zu nennen. Ja, Depressionen können eine genetische Komponente haben, und laut dem Text scheint Frau Birch hier die Hauptursache zu sehen. Sie sind aber auch wesentlich durch Erziehung, Umfeld und Alltag beeinflusst - und mit guter Hilfe durch Betroffene letztlich in den Griff zu kriegen.

Nächster Artikel