Sonderausstellung im Kulturforum - Zu Besuch bei Herrn Simon

Michael Wittenborn als James Simon, Dreharbeiten für die Virtual Reality-Anwendung zur Ausstellung (Quelle: Anna Bauer, Lupa Film)
Bild: Anna Bauer, Lupa Film

Philanthrop, Kunstsammler und Mäzen: Die Berliner Museen haben James Simon weltberühmte Kunstwerke zu verdanken. Eine Sonderschau würdigt nun den Mann, der vielen Berlinern lange Zeit wenig bekannt war. Von Cora Knoblauch

"In Ägypten bin ich nie gewesen", sagt der elegante Herr und hebt entschuldigend seine Hände. Er zeigt auf das Prunkstück seiner privaten Sammlung, die Büste der Nofretete. "Schauen Sie, wie wunderbar diese Büste ist! Die Anspannung im Kopf und im Nacken. Alles an dieser Haltung sagt: Ich werde Königin! Gebt mir die Krone!" Der freundliche ältere Herr ist der jüdische Kunstmäzen James Simon (1851-1932) und er führt uns geduldig durch seine reich bestückte Privatvilla.

James Simon: Philanthrop, Kunstsammler und großzügiger Mäzen. Die Berliner Museen haben ihm nicht nur weltberühmte Kunstwerke wie die Büste der Nofretete zu verdanken, über 10.000 Exponate aus seiner Sammlung sind auf sieben Museumshäuser verteilt. Eine Sonderausstellung im Kulturforum würdigt nun den Unternehmer, der vielen Berlinern lange Zeit kaum bekannt war. Die Nazis hatten nach Simons Tod 1932 dafür gesorgt, dass dessen Name weitgehend aus dem Gedächtnis der Stadt verschwand.

Porträt James Simon etwa 1901 (Qulle: privat)
James Simon brachte Nofretete nach BerlinBild: privat

Eine persönliches Treffen Dank VR-Technik

In einem Virtual-Reality-Film kann der Besucher James Simon nun persönlich begegnen. Im Sonderausstellungsraum des Kulturforums setzt man sich eine VR-Brille auf und tritt ein in die elegante Gründerzeit-Villa des Geschäftsmannes Simon. Der Schauspieler Michael Wittenborn ist in die Figur des James Simon geschlüpft und zeigt uns dessen private Sammlung.

Dank VR-Technik kann man sich umschauen in dessen Zimmern. Während Simon erzählt - von seiner Liebe zur niederländischen Malerei und seiner Begeisterung für die italienische Renaissance - darf man den Blick schweifen lassen: über den unaufgeräumten Schreibtisch und die Falten im edlen aber offenbar etwas abgelaufenen Teppich.

Infos im Netz

"Ärgerlich, dass man im Museum die Skulpturen nie anfassen kann", beschwert sich Simon, "dabei kann man die Schönheit der Form doch am besten mit den Händen begreifen." Damit er die antiken Reliefe seiner privaten Sammlung nicht zu oft befühle, habe er sie vorsichtshalber etwas weiter oben an der Wand angebracht, sagt Simon augenzwinkernd.

"Ein Weltbürger, ohne die Welt zu bereisen"

James Simon verdiente sein Geld mit dem Baumwollhandel, das florierende Unternehmen erbte er von seinen Eltern. Simon arbeitete viel, Berlin verliessß er selten. "Er war ein Weltbürger, ohne die Welt zu bereisen", erzählt Felix von Boehm, der gemeinsam mit Gerda Leopold den VR-Film gemacht hat. "Er holte sich die Welt nach Hause", sagt von Boehm.

Simon verbindet eine langjährige Beziehung zu Wilhelm von Bode, dem späteren Generaldirektor der Berliner Museen. Bode berät Simon beim Aufbau seiner spektakulären Sammlung, die er Stück für Stück den Berliner Museen schenkt. Dass die Allgemeinheit von seinen Kunstschützen profitieren solle, ist Simon ein wichtiges Anliegen. "Diese Kunst gehört nicht mir. Sie gehört uns allen. Sie soll von allen gesehen werden können", sagt der virtuelle James Simon im Film.

Halle im Erdgeschoss der Villa Simon in der Tiergartenstraße 15a, ca. 1910 (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv)Halle im Erdgeschoss der Villa Simon in der Tiergartenstraße 15a

Deutschland sucht Anschluss beim internationalen Sammeln

Ende des 19. Jahrhunderts gelten England und Frankreich führend bei der Anhäufung von Kulturgütern und Kunstwerken aus dem sogenannten Orient. In Ägypten, damals unter britischer Besatzung, laufen immer neue Grabungen, in Europa bricht eine regelrechte Ägyptomanie aus. Kaiser Wilhelm II. wünscht sich eine repräsentable Sammlung ägyptischer Kunst für Berlin. Doch die Grabungen in Ägypten sind teuer und müssen von Privatleuten wie James Simon finanziert werden.

Michael Wittenborn als James Simon, Dreharbeiten für die Virtual Reality-Anwendung zur Ausstellung (Quelle: Anna Bauer, Lupa Film)Der Schauspieler Michael Wittenborn verkörpert James Simon

Die Nofretete kommt nach Berlin

1898 gründet James Simon die "Deutsche Orientgesellschaft" und finanziert ab 1911 die Grabungen in Tell el-Amarna, wo 1912 die Nofretete-Büste entdeckt wird. Der damalige ägyptische Antikendienst steht unter französischer Leitung, über die Aufteilung der Funde in Tell el-Amarna wird hart verhandelt.

Simon, als Hauptgeldgeber der Grabungsexpedition, steht ein Großteil der Grabungsfunde zu, die Nofretete kommt nach Berlin. 1913 wird sie dem Berliner Publikum vorgestellt und löst eine bis heute ungebrochene Ägypten-Begeisterung in Deutschland aus. Simon lässt sich eine Kopie anfertigen und schenkt das Original dem Museum. In den 1920er Jahren schlägt Simon vor, die Büste Ägypten zurückzugeben, um damit deutsche Ausgrabungen in Ägypten zu ermöglichen. "James Simon wollte Ägypten die Büste quasi als Faustpfand hinterlassen. Das Museum sagte ihm diesen Deal erst zu, lehnte später aber ab. Darüber war Simon sehr wütend", erzählt Filmemacherin Gerda Leopold.

"Berlin verdankt James Simon sehr viel"

Seitdem bemüht sich Ägypten immer wieder um eine Rückgabe der Büste. Die aktuelle Debatte um koloniale Raubkunst hat die Büste der Nofretete in der öffentlichen Diskussion bislang weitgehend ausgelassen. Die Filmemacher Felix von Boehm und Gerda Leopold sehen das Thema gelassen: "Ich finde die Debatte sehr wichtig. Aber diese Debatte muss im Museum geführt werden", sagt von Boehm. "Uns ging es darum, über den Menschen James Simon zu erzählen, ein Mensch, über den wir viel zu wenig wissen. Wir wollen zeigen, wie viel wir ihm verdanken, und wir verdanken ihm eine Menge großartiger Kunstschätze."

Die beiden Filmemacher wollten nach eigenem Bekunden vor allem dem Menschen James Simon näher kommen. "Wie tickt der, wie hat er gefühlt, warum hat er gesammelt? Diese Fragen wollten wir beantworten. Die Debatte um Raubkunst ist ein Thema für die Generaldirektion der Staatlichen Museen", sagt Boehm.

Ob die Diskussion im Rahmen dieser Sonderschau auch die ägyptische Sammlung der Staatlichen Museen einholt, bleibt abzuwarten.

Sendung: rbbKultur, 01.10.2021, 18:10 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

3 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 3.

    Die Ausstellung findet im Sonderausstellungsbereichs des Kulturforums statt. Wenn Sie den Eingangsbereich des Kulturforums betreten sehen Sie das ganz leicht.

  2. 2.

    Hier im Artikel ist immer vom "Kulturforum" die Rede. Aber das Kulturforum besteht aus mehreren Objekten: Gemäldegalerie, Kunstbibliothek, Kunstgewerbemuseum, Kupferstichkabinett, Neue Nationalgalerie. Aber wo GENAU ist die Sonderschau zu sehen? Ich möchte mir die Ausstellung gern anschauen, z.B. am Museumssonntag (03.10.) Aber dazu brauche ich eine genaue Ortsangabe. Also, verehrte Frau Knoblauch, wo genau wird die Simon-Sonderschau gezeigt. Auf der Webseite www.museumssonntag.berlin gibt es kein "Kulturforum"!

  3. 1.

    Schlafende Hunde soll man nicht wecken: Wie kann man ganz scheinheilig die virtuelle Darstellung Simons mit der Diskussion um die sog. „Raubkunst“ verknüpfen?
    Das ist ein versteckter Aufruf zur quasimoralischen Entrüstung über die Büste der Nofretete und Einladung zur Diskussion um Restitution an Ägypten.
    Dieser Beitrag ist nicht nur entbehrlich, er ist auch schädlich (und schändlich). Selbsternannte „Historiker“ wie im Falle des Luvbootes warten doch nur darauf, solche Knochen hingeworfen zu bekommen.

Nächster Artikel