Ausstellung "Der zweite Blick" - Das Bode-Museum wehrt sich gegen Frauenklischees

Do 28.10.21 | 15:45 Uhr | Von Maria Ossowski
Donatello (um 1386-1466) Madonna und Kind (Die Pazzi Madonna), um 1420Marmor (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt)
Audio: rbbKultur | 28.10.2021 | Maria Ossowski | Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

In einer neuen Ausstellung widmet sich das Berliner Bode-Museum den Frauen in der Kunstgeschichte. Im Mittelpunkt stehen aber nicht die Kunstwerke, sondern vielmehr die bislang unbekannten Geschichten der Frauen. Von Maria Ossowski

Frauen als Musen, natürlich halbnackt, Frauen als Heilige, Maria voran, Frauen als Beiwerk, als Verführerinnen, als Sünderinnen: So kennen wir das Frauenbild aus der Kunstgeschichte. Das Bode-Museum widmet sich deshalb mit einem zweiten Schwerpunkt der mehrteiligen Ausstellungsreihe "Der zweite Blick" den Frauen und hat 62 Kunstwerke aus dem 4. bis zum 18. Jahrhundert für seine Skulpturensammlung ausgewählt.

Auf sechs Themenwegen werden die Geschichten hinter der Skulptur, dem Relief oder dem Holzschnitt erzählt. In der christlichen Kunst der frühen Neuzeit, der Renaissance und des Barock bis ins 19. Jahrhundert hinein war Maria die meistabgebildete Frau. Mutter und Heilige. Jungfrau und Schmerzenreiche.

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Maria war sehr viel mehr

Im meisterhaften Marmorrelief von Donatello aus dem frühen 15. Jahrhundert blickt sie ihren Sohn direkt zärtlich-melancholisch an. Beide reiben die Stirn aneinander. Es ist das erste Kunstwerk mit dieser Perspektive auf eine enge Beziehung zwischen Mutter und Kind: Maria als Mensch. In der App zur Ausstellung und im Katalog aber wird deutlich: Sie war sehr viel mehr.

"Beispielsweise ist im Lukas-Evangelium ein Lobgesang der Maria überliefert, in dem sie Veränderungen der Zustände prophezeit und das explizit zwischen Herrschenden und Untergebenden, zwischen Armen und Reichen und auch zwischen Männern und Frauen", sagt die wissenschaftliche Koordinatorin der Ausstellung, Jennifer Moldenhauer. Auch wenn sich die apokryphen Schriften anschaue, die Schriften, die es nicht in den offiziellen Bibel-Kanon geschafft haben, könne man sehen, dass Maria demnach als liturgische Autorität wahrgenommen wurde. "Sie lehrte, sie heilte, sie disputierte und sie leitete die Apostel im Gebet an", so Moldenhauer.

Der männliche Blick dominiert das Frauenbild

Kein einziges Kunstwerk im Bode-Museum, keine Skulptur, kein Relief stammt offiziell von einer Künstlerin. Einige Exponate sind von unbekannten Meistern oder Meisterinnen geschaffen, wir wissen es nicht. Der männliche Blick dominiert das Frauenbild und es ist klug, diesen zu hinterfragen, zu lernen, welche Frauen da eigentlich Modell standen.

Die Büste von Juliette Recamier aus gebranntem Ton zeigt eine bezaubernde Frau mit keusch gesenktem Blick. Madame Recamier galt als schönste Frau ihrer Zeit. Sie hat selbst bestimmt, dass Joseph Chinard sie 1802 so darstellen sollte, mit halb entblößter Brust, geheimnisvoll dennoch. Sie führte Salons und war ein Star der nachrevolutionären Gesellschaft in Frankreich.

Die Kunsthistorikerin Julia Meyer Brehm hat sich mit ihr beschäftigt: "Sie hat diese Salons selbst organisiert, sie hat dort mit wichtigen Vertreter:innen der französischen High Society verkehrt und war gesellschaftlich angesehen, unabhängig von ihrem Mann." Zu damaligen Zeiten war dieser Umstand etwas ganz Besonderes. "Die Salons waren eigentlich die einzige Möglichkeit für Frauen in dieser Zeit, auch gesellschaftlich akzeptiert zu werden und ihr eigenes Ding zu machen", so die Kunstexpertin.

Dorothea von Rodde-Schlözer - Multitalent ihrer Zeit

Nicht besonders schön, aber stattdessen besonders klug war Dorothea von Rodde-Schlözer. Zu ihrer Marmorbüste von 1806 erfahren wir: Sie war die erste promovierte Philosophin Deutschlands, ihr Vater ein Göttinger Professor, wollte beweisen, dass Frauen ebenso intelligent sind wie Männer.

"Als sie 17 Jahre alt war, sprach sie schon zehn Sprachen. Sie hat Sprachen, Mathematik, Logik, Philosophie, Literatur, Metaphystik, Architektur und Geografie studiert und dazu - als Frau ihrer Zeit - musste sie auch Stickerei, Stricken, Hauswirtschaft lernen", berichtet die Kuratorin Maria Lopez-Fanjul y Diez del Corral.

Pedro Roldán zugeschrieben (1624-1699)Mater Dolorosa, 1670/75Pappelholz polychromiert, Glas (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt))
Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Sonderraum über Sexarbeiterinnen wirft Fragen auf

Von Rodde-Schlözer war eine Pionierin, denn als sie den Lübecker Kaufmann Rodde heiratete, bestand sie als erste deutsche Frau auf einem Doppelnamen. Ihr Zuhause war ein Treffpunkt für Intellektuelle, sie führte zudem eine Dreiecksbeziehung mit einem französischen Schriftsteller. Die verborgenen Geschichten, die in den sechs theamtischen Rundgängen erzählt werden, verändern die Perspektive und erweitern den Blick.

Ein wenig plötzlich, überraschend und konzeptionell nicht ganz verständlich hingegen ist der Sonderraum mit Fotos und Erlebnissen der Sexarbeiterinnen unserer Zeit. Das sind oft süchtige, vergewaltigte, entwürdigte Frauen auf dem bekanntesten Straßenstrich Berlins, der Potsdamer Straße.

Sie haben fotografiert und erzählen ihr Schicksal. Der Frauentreff Olga ist beteiligt an der Ausstellung. Huren oder Prostituierte standen immer am Rande der Gesellschaft, waren und sind Qualen ausgesetzt. Es fehlt jedoch die Beziehung zum Museum, zur Kunst, vielleicht zu Hetären-Bildern, zu Exponaten, die Sünderinnen darstellen. Dennoch: der ausschließlich männliche Blick auf die Frau ist ein Kontinuum der Kunstgeschichte, dem nachzuspüren, das ist längst fällig und wichtig.

Sendung: rbbKultur, 28.10.2021, 16:45 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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