Zurückgegeben und angekauft - Pissarro-Werk bleibt nach Restitution in Alter Nationalgalerie

Mo 18.10.21 | 20:43 Uhr | Von Maria Ossowski
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Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, steht bei einem Pressetermin neben dem neu angekauften Bild "Platz in La Roche-Guyon" von Camille Pissarro. Das in der NS-Zeit geraubtes Gemälde wurde an die Erbengemeinschaft Dorville zurückgegeben und für die Alte Nationalgalerie angekauft. (Quelle: dpa/M. Skolimowska)
Audio: rbbKultur | 18.10.2021 | Maria Ossowski | Bild: dpa/M. Skolimowska

Die Eigentümer eines Gemäldes von Pissarro wurden von den Nazis verfolgt, den Erlös aus einer Versteigerung haben sie nie bekommen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat das Werk jetzt restituiert - und von den Erben gekauft. Von Maria Ossowski

Das Ölgemälde "Une Place à la Roche-Guyon", 50 Mal 60 Zentimeter groß, ist ein Meisterwerk. Es zeigt den Rathausplatz mit aufeinander zulaufenden Gassen in La Roche Guyon, einem kleinen Dorf nördlich von Paris. Es ist eines der schönsten Dörfer Frankreichs bis heute. Camille Pissarro hat das Bild 1867 in diesen kräftigen, erdigen Braunbeige- und Grautönen gemalt, die er so liebte.

Kunstgeschichtlich markiert Pissarros Gemälde eine Art Wendepunkt. Ralph Gleis, der Leiter der Alten Nationalgalerie, nennt Pissarro einen Vater der Impressionisten, der von Monet und Renoir als solcher anerkannt wurde. "Das Werk zeigt eine Schnittstelle zwischen Realismus und Impressionismus."

Nazis versteigern Dorvilles Werke - die Erben erhalten nichts

1928 hat Armand Isaac Dorville, ein Pariser Rechtsanwalt, jüdisch und ein passionierter Kunstsammler, diesen Pissarro erworben. Dorvilles Sammlung umfasste 450 Werke, darunter Bilder von Renoir, Delacroix, Manet oder Bonnard. 1940 musste Armand Dorville vor den Deutschen nach Südfrankreich fliehen, er hatte keine Kinder und vermachte seine Sammlung und sein Vermögen an seine Geschwister und deren Kinder. 1941 starb Dorville.

Seine Familie wurde verfolgt. Seine Schwester, ihre Töchter und Enkelinnen verschwanden in der Todesfabrik Auschwitz. Es überlebten aber Nichten und Neffen, die von den Versteigerungen der Sammlung in Nizza unter den Nazis jedoch keinen Cent erhalten hatten. Die Neue Nationalgalerie kaufte das Bild dann 1961 auf einer Londoner Auktion.

Zurückgegeben und gekauft

Die Erbengemeinschaft bat im vergangenen Jahr um Restitution. Den Provenienzforschern war schnell klar: Das Bild muß zurückgegeben werden. Die Alte Nationalgalerie ist das erste Museum weltweit, das ein Gemälde aus der Sammlung Armand Dorvilles zurückgegeben - und im gleichen Zuge jetzt angekauft hat.

Der Preis ist geheim. Aber es ist ein sehr wertvolles Gemälde. Und Camille Pissarro erzielt Rekordpreise, sein Montmartre-Gemälde bei Sothebys 2014 brachte 23 Millionen Euro. So teuer allerdings ist der "Platz von Roche-Guyon" sicher nicht.

Restitution stärkt die Erinnerung

Es ist die Symbolik, die zählt. Antoine Djikpa, der Sprecher der Erbengemeinschaft, betonte, dass durch die Restitution die Erinnerung gestärkt würde: "Man leugnet die Vergangenheit nicht und gedenkt all jener Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, die Hass und Terror ertragen mussten."

Auch wenn sich auf den ersten Blick wenig ändert - das Bild hing in der Alten Nationalgalerie und wird sie weiterhin zieren - verändert sich doch alles mit der Geschichte, die künftig erzählt wird.

Die Alte Nationalgalerie erinnert mit dem Bild auch an den großen Sammler Armand Dorville. Weltweit existieren viele Gemälde aus Dorvilles Sammlung in verschiedenen Museen. Die Rückgabe nun und der Ankauf sind auch ein Signal an alle, zu recherchieren und anschließend zurückzugeben oder zurückzukaufen.

Sendung: Inforadio, 18.10.2021, 17:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

1 Kommentar

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  1. 1.

    Wir hatten in der Familie auch verschiedene Fälle von Restitution/Entschädigung: Häuser und Land in der ehemaligen Heimat (Posen etc.), sowie ein Grundstück im berliner Osten. Konnte alles nicht zurück gegeben werden, daher entschädigt. Nur wurden die Entschädigungen aber enorm gestunded, so das Grundstück um (vor 30 Jahren) bald 100.000 DM. Die jetzigen Fälle (hier, ehemaliges Kühlkombinat in Schöneweide, die Erben vom letzten Kaiser) erwähnen solch eine Stundung aber nicht Mal. Wird das nur nicht erwähnt oder bekommen alle die sich den Anwalt leisten können doch die volle Entschädigung?

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