Porträt | Berliner Domorganist Andreas Sieling - "Die Orgel ist Gottes Synthesizer"

Domorganist Andreas Sieling (Quelle: rbb/Hans Ackermann)
rbb/Hans Ackermann
Audio: Inforadio | 09.10.2021 | Hans Ackermann | Bild: rbb/Hans Ackermann

Mit dem Domorganisten Andreas Sieling wird zum ersten Mal ein Kirchenmusiker mit dem Preis "Opus Klassik" ausgezeichnet - für ein Album, das im Berliner Dom aufgezeichnet wurde. Hans Ackermann hat den Organisten bei der Arbeit besucht.

Gerade noch haben die Glocken geläutet, nun lässt Andreas Sieling pünktlich um 12 Uhr die tägliche Mittagsandacht im Dom mit einem munteren Orgelstück beginnen. "Eine Fantasie von Alexandre Guilmant, der hier eine Musette-Musik imitiert", sagt Sieling. Ein Register mit dem Namen "Musette" hat seine Orgel allerdings nicht. Der Domorganist wählt stattdessen die "Klarinette", gibt weitere Registrierungen hinzu und versetzt den riesigen Klangapparat mit seinen über 7.000 Pfeifen gleich beim ersten Stück in heitere Schwingungen.

Einst die größte Orgel Deutschlands

Andreas Sieling ist seit 2005 Domorganist an der großen Orgel von Wilhelm Sauer. Genau 100 Jahre zuvor ist sie als damals größte Orgel Deutschlands eingeweiht worden. Ihre besondere Qualität, meint Sieling, sei aber nicht ein besonders wuchtiger Klang, sondern eine enorme "Mischungsfähigkeit". Wie ein impressionistischer Maler habe er unzählige Möglichkeiten, Klänge und Farben changieren zu lassen. "Das ist gewissermaßen Gottes Synthesizer, den wir hier haben, in einem unglaublichen Großformat."

Nur gut 20 Minuten dauert der mittägliche Gottesdienst, bei dem der Domorganist aber alle Hände voll zu tun hat. Während die Dompfarrerin zur Gemeinde spricht, legt sich Sieling die nächsten Noten zurecht. Er stellt neue Register ein und hört dabei genau auf die Worte der Pfarrerin, die hier oben auf dem Orgelpodest, in einer Entfernung von gut 80 Metern Luftlinie zum Altar, gerade noch zu hören sind.

Orgeln am Berliner Dom (Quelle: rbb/Hans Ackermann)
| Bild: rbb/Hans Ackermann

Frei improvisieren

Bei der Predigt in der Mitte der Andacht beginnt nun ganz besonderes Zusammenspiel. Die Pfarrerin hatte dafür kurz vorher noch einmal oben beim Domorganisten vorbeigeschaut. "Sie hat sich "Du hast uns, Herr, gerufen" gewünscht, ein Lied aus dem Gesangbuch", erklärt Sieling. Das Gesangbuch mit dem modernen Kirchenlied von Kurt Rommel hat er sich jetzt auf sein Notenpult gelegt. "Dieses Lied ist die Grundlage meiner Improvisation, die natürlich zu ihrer Ansprache passen muss."

Viele Besucher würden vor allem wegen der Musik in den Dom kommen, meint Sieling. "Die Leute kommen wegen der Orgel, klar." Dass der 1964 in Oldenburg geborene Organist dabei selbst aber auch eine "Fangemeinde" hat, ist allerdings in höchstem Maße wahrscheinlich.

Berliner Luft

Auf der CD, für die Andreas Sieling jetzt mit dem Opus Klassik ausgezeichnet wird, steht Orgelmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy im Mittelpunkt. Neben den drei "Präludien und Fugen op. 37" spielt Sieling hier aber auch Musik von weitgehend unbekannten Berliner Komponisten: Franz Wagner, Philipp Rüfer, August Haupt oder das "Allegro Scherzando" von Otto Dienel.

Dienel habe vor gut 150 Jahren die Massen begeistert, erzählt Sieling, mit Orgelkonzerten in der benachbarten Marienkirche "Die Konzerte waren so gut besucht, dass die Polizei das manchmal sperren musste, weil sich so viele Leute in dieser Kirche tummelten. Das lag daran, dass Otto Dienel wohl den Ton des Volkes getroffen hat."

Volkstümlich geht es auch auf Sielings CD zu - allerdings nur beim letzten Stück des Albums, Paul Linckes "Berliner Luft". Bei der Aufnahme des Gassenhauers hat Sieling mit Absicht die großen Türen des Doms offen stehen lassen. "Während man sich bei Aufnahmen sonst immer die größte Mühe gibt, dass überhaupt kein Geräusch in der Kirche zu hören ist, wollte ich hier genau das Gegenteil."

Und so hört man Geräusche, die normalerweise von den mächtigen Türen des Domes ausgesperrt werden. "Autos, die vorbeifahren, einen Bus, der startet, in den Arkaden unsere Touristen - auf die wir uns jetzt gerade wieder so freuen, weil sie endlich den Dom wieder beleben - das alles sollte hörbar sein."

Domorganist Andreas Sieling (Quelle: rbb/Hans Ackermann)

"Werbung für die Orgel machen"

Nicht zuletzt mit ihrem geradezu "experimentellen" Ausklang hat sich die CD für den "Opus Klassik" in der Kategorie "Solistische Einspielung" qualifiziert - und Sieling damit eine größere Öffentlichkeit beschert. Er werde aber weiterhin "in Demut" seine Arbeit als Domorganist erledigen, sagt Andreas Sieling. "Da wird sich nichts verändern, ich werde schöne, runde Programme zusammenstellen und damit Werbung für die Orgel machen."

Sieling versteht die Auszeichnung als Ehrung der "vielen tausend Kirchenmusiker, die nebenberuflich oder hauptberuflich in unserem Land arbeiten. Und zum Beispiel Heiligabend nicht zur Stillen Nacht werden lassen."

Liebe auf den ersten Ton

Als Berliner Domorganist wird Sieling allein am Heiligen Abend sechs Gottesdienste gestalten. Und auch abseits der Feiertage hat er ein enormes Arbeitspensum zu erledigen, unterrichtet als Professor an der Universität der Künste und empfängt die Studierenden zum Teil auch im Dom. Denn die große Sauer-Orgel sei letztlich auch ein "pädagogisches Instrument".

"Liebe auf den ersten Ton", erzählt Sieling, habe er gespürt, als er das Instrument 1992 zum ersten Mal spielen durfte. Jeden Tag - "ausser am 'Organistensonntag', dem Montag", würde er um 7.30 Uhr den Dom betreten und sich intensiv mit der Orgel auseinandersetzen. Bis hin zum Stimmen der Pfeifen, wie Sieling bei einem kurzen Besuch im begehbaren Inneren der Orgel erzählt. "Kurz vor dem Gottesdienst schlüpfe ich hier manchmal noch hinein, wenn etwas verstimmt ist. Ich weiß genau, wo jede der 7.269 Pfeifen ihr Zuhause hat!"

Keinen Gottesdienst habe er in der Corona-Zeit ausfallen lassen, erzählt Sieling noch. Anfangs mit einer einfachen Smartphone-Kamera, dann mit professioneller Ausrüstung hat der Domorganist seine Orgelgottesdienste per Livestream aus dem Dom gesendet - und damit das Leben an und mit der Orgel weitergehen lassen.

"Das Instrument macht einfach viel Arbeit, wenn ich hier nicht jeden Tag viele Stunden verbringen würde, wäre ich verloren. Aber das ist ja auch gerade das Tolle. Sich hineinversenken zu dürfen, in Töne und Klänge und Kompositionen - das ist für mich ein ganz großes Geschenk, hier arbeiten zu dürfen."

Sendung: Sendung: Inforadio, 09.10.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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