Syrischer PEN-Stipendiat in Berlin - "Schreiben, um weiter zu leben"

Archivbild: Yassin al-Haj Saleh in seinem Haus in Damascus im Mai 2006 (Bild: imago images)
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Am Dienstag feiert die internationale Schriftstellervereinigung PEN ihren 100. Geburtstag. Sie setzt sich für inhaftierte und verfolgte Autoren und Journalisten ein. Der Syrer Yassin al-Haj Saleh ist Stipendiat am deutschen PEN-Zentrum in Berlin. Von Ute Büsing

Ein Drittel seines Lebens hat er in Gefangenschaft verbracht und darüber schrieb er auch sein erstes Buch "16 Years in Syrian Prisons": Yassin al-Haj Saleh war gerade 19, als er wegen der Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Partei 16 Jahre inhaftiert wurde.

Nach seiner Freilassung schloss er zunächst sein durch die Haft unterbrochenes Medizinstudium ab und begann dann über die Verhältnisse in Syrien zu publizieren. 2011 schloss sich der Regime-Kritiker den Protesten für gesellschaftlichen Wandel an. Um weiter im Land bleiben zu können, musste er kurz darauf untertauchen. Zwei Jahre später floh er in die Türkei.

INFO

Die Vereinigung PEN International wurde am 5. Oktober 1921 von der englischen Schriftstellerin Catherine Amy Dawson Scott gegründet. Die Abkürzung steht für "Poets, Essayists, Novelists" - mittlerweile sind aber alle schreibenden Berufe willkommen. Der Autorenverband setzt sich weltweit für die freie Meinungsäußerung ein. Das Ende der 1990er-Jahre gestartete Writers-in-Exile-Programm ermöglicht verfolgten Autoren, in sicheren Ländern zu arbeiten.

"Ein Raum für mich allein"

Seit November 2019 ist der heute 60-Jährige PEN-Stipendiat in Berlin. Das Stipendium sichert ihm eine Wohnung und den Lebensunterhalt. "Gut", nennt er die Infrastruktur. Nur: "Der menschliche Austausch war bisher nicht so, wie ich ihn mir wünschen würde." Die mangelnden Kontakte führt Yassin al-Haj Saleh darauf zurück, dass sein Berlin-Aufenthalt mit der Corona-Pandemie zusammenfiel.

Bis Ende 2022 läuft sein Writers-in-Exile-Stipendium. Was danach wird, weiß Yassin al-Haj Saleh noch nicht. Er war bereits Fellow des Wissenschaftskollegs Berlin und wurde 2017 für seine Publikationen über Macht und Herrschaft des Assad-Clans und seine Erfahrungen im Gefängnis mit dem Tucholsky-Preis des schwedischen PEN ausgezeichnet. Jetzt muss er in 14 Monaten eine Lösung für seinen Verbleib finden. "Seit ich Syrien verlassen habe, ist mir das Zugehörigkeitsgefühl abhanden gekommen. Aber ich würde Berlin gerne als Basis behalten, einen Raum für mich allein, wie Virginia Woolf geschrieben hat!", betont er.

Briefe an verschollene Frau in Syrien

Yassin al-Haj Saleh "schreibt, um weiter zu leben", wie er immer wieder sagt. Auf Deutsch ist bei Matthes & Seitz seine Meditation über die Freiheit "Heimat, Gefängnis, Exil und die Welt" erschienen. Demnächst, so hofft er, werden mit Hilfe des PEN seine Artikel zu Hannah Arendt vom Arabischen ins Deutsche gebracht. Immer wieder richtet Yassin al-Haj Saleh auch Briefe an seine in Syrien verschollene Ehefrau Samira Khalil. Die Menschenrechtsaktivistin und Verlegerin wurde im Dezember 2013 entführt. Seither fehlt jede Spur von ihr.

Das Ehepaar verlor sich, als beide im Untergrund lebten. Er war in seiner Heimatstadt Rakka, wo sie auch hinkommen sollte. Aber dann erstarkte der sogenannte Islamische Staat in der Region und er musste fliehen. Zwei Monate später wurde Samira Khalil entführt.

"Das ist die zweite große traumatische Erfahrung meines Lebens nach den 16 Jahren im Gefängnis", so Yassin al-Haj Saleh. Aber, so sagt er auch: "Beide Erfahrungen sind Teil des großen Kampfes um Freiheit, mit Zehntausenden Opfern der ersten Widerstandswelle in den 1980er-Jahren und Hunderttausenden nach dem Aufstand 2011. Mein persönlicher Verlust ist also mit der Widerstandsgeschichte in Syrien verbunden und ein Beispiel für die Leiden dort."

Rückkehr in das "vermisste Land"

Wegen seiner spezifischen Erfahrung beschäftigt sich der Schriftsteller im Exil jetzt damit, wie eigentlich unaussprechliche Leid-Erfahrungen darstellbar gemacht werden können. "Der Verlust meiner Frau ist aber durch nichts zu ersetzen."

Trotz, oder gerade wegen alledem, was ihm in seiner Heimat widerfahren ist, will der Schriftsteller eines Tages nach Syrien zurückkehren, damit seine Geschichte "vollständig" wird. Als "freier Mann" will er dann nach seiner vermissten Frau Samira, seinem vermissten Bruder und vermissten Freunden suchen. Es sei geradezu eine ihm eingeschriebene Verpflichtung in das "vermisste Land" zurückzukehren.

Sendung: Inforadio, 05.10.21, 11:45 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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