Monologfestival im TD Berlin - Von der Kraft der Fantasiewelten

Fr 22.10.21 | 14:24 Uhr | Von Ute Büsing
Gintersdorfer Klaßen - Future Fiction Monologfestival im TD Berlin (Quelle: Knut Klassen)
Knut Klassen
Audio: Inforadio | 21.10.2021 | Ute Büsing | Bild: Knut Klassen Download (mp3, 8 MB)

Bereits zum sechsten Mal findet in der freien Spielstätte TD Berlin das in seiner Form einzigartige Monologfestival statt. In zehn Tagen sind unter dem Motto "Fantastische Zeiten" zehn Uraufführungen zu erleben. Von Ute Büsing

Zum Auftakt des Monologfestivals in der freien Spielstätte TD Berlin wird es wunderbar-wundersam. Eine schwarze Königin in weißem Tüll, Inkorporation des Vielen und der Vielen, entführt in projizierte Traumlandschaften grüner Hügel - bevor sie, ganz geerdet, ihrer Insignien entledigt, positive Energie mit dem Publikum einübt.

Aus der Hohepriesterin wird eine Lebenshelferin. "Protect and Survive" mit Jessica Butler auf der Bühne ist eine Kooperation des in Berlin lebenden Performance-Kollektivs Gob Squad und der britischen Gruppe Zealtotale. In ihrer Mischung aus Live-Performance und kunstvollen Video-Zuspielen ist diese von Audre Lorde inspirierte Mixed-Media-Performance ziemlich typisch für Formen und Inhalte bei dieser Spurensuche nach gegenwärtigen Zukunftsfantasien des diesjährigen Monologfestivals.

Positives, fantastisches Narrativ

Gesucht wurde in der aktuell von Corona und Weltkrisen geprägten Situation "der Aufbruch über die Fakten hinaus in ein positives, fantastisches fiktives Narrativ", so Michael Müller vom TD Berlin. "Für dieses Welterfinden bietet sich die Form des Monologs geradezu an", ergänzt seine Co-Kuratorin Janette Mickan. Hieß es beim vorhergehenden Monologfestival mit Blick auf den Klimawandel noch "Alarmstufe rot", werden jetzt also die Vorstellungskraft und der hoffnungsvolle Blick nach Vorne gefeiert.

Das zweite Solo des Eröffnungsabends erinnert an Christa Wolfs Langzeit-Schreibprojekt "Ein Tag im Jahr". Jetzt hält die Performerin Lisa Charlotte Friederich auf Grundlage eines Textes von Nele Stuhler unter der Regie und mit Musik von Laura Eggert gleich Binnenschau ins ganze Universum.

In der Erzählung eines Tages verdichten sich verschiedene Zeitebenen zu einem poetischen Paralleluniversum. Der Selbstmord des Vaters wird mit banalen Dingen wie Hendl-Imbiss und Coffeeshop und dem auf der Bildebene bestimmenden Ausflug ins Zoo-Aquarium verbunden.

Projiziert werden Unterwasserwelten mit Quallen, Zitteraalen und Feuerfischen. Zeitgleich baut die Erzählerin ein Wasserbecken für Miniaturfische auf. Auch dieser Monolog entfaltet einen meditativen Sog.

Kleine Form ganz groß

Dass die kleine Form, der literarisch-performative-tänzerische Einzelbeitrag, ganz groß sein und große Wirkung hinterlassen kann, hat das Monologfestival schon oft bewiesen. Hier können die Besucher in intimer Atmosphäre in einem in diesem Jahr eigens dafür gestalteten Theaterraum noch echte Entdeckungen machen.

Mit "Haze - Eine Bezeugung im Rauch" geht es sogar ausnahmsweise außer Haus - ins gerade stillgelegte Heizkraftwerk Wilmersdorf. Dort zeigt das interdisziplinäre Kollektiv Para - entstanden aus seiner Beschäftigung mit dem Ende des Verbrennungszeitalters - "temporäre Climate-Crime-Szenen aus der Perspektive einer zukünftigen Menschheit, die der heutigen Menschheit den Prozess machen will", so Michael Müller. Das Heizkraftwerk wird zum Ort der Beweisführung.

Auseinandersetzung mit virtueller Realität

Alle Produktionen seien von "viel Gefühl" geprägt, sagen die Kuratoren. Hinzu kommt in etlichen Produktionen die spielerische Auseinandersetzung mit der virtuellen Realität. So beschäftigen sich Lois Alexander und Christoph Winkler in der Tanzperformance "A Beginner’s Guide to Worldbuilding" mit der Planbarkeit von Fantasie anhand von Science-Fiction und Fantasy bei Netflix und vergleichbaren Streamingdiensten.

Erkundet wird, wie die Fabrik des Imaginären nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten vollzogen wird - und was der individuelle Körper dem entgegensetzen könnte. Noch bis zum 31. Oktober wirkt beim Monologfestival die Kraft der Fantasiewelten, am besten tatsächlich dann, wenn man sich im TD Berlin auf mehrere Produktionen hintereinander einlässt - also auf bis zu drei kurze Stücke an einem Abend.

Sendung: Inforadio, 22.10.2021, 6 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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