Interview | Deutscher Buchpreis für Antje Rávik Strubel - "Es ist eine der größten Herausforderungen, Sprachlosigkeit in Sprache zu fassen"

Do 21.10.21 | 14:33 Uhr
  1
Antje Rávik Strubel, Autorin des Buches "Blaue Frau", reagiert am 20.10.2021 auf die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis (Quelle: dpa/Sebastian Gollnow)
dpa/Sebastian Gollnow
Audio: Inforadio | 21.10.2021 | Interview mit Antje Rávik Strubel | Bild: dpa/Sebastian Gollnow

Die Schriftstellerin Antje Rávik Strubel erhielt am Montag den Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Blaue Frau". Im Interview spricht die Potsdamerin über sexuelle Gewalt, Machtstrukturen und die Diskussion um Sprache und das Gendersternchen.

rbb: Frau Strubel, als Ihr Name bei der Verleihung fiel, haben Sie erst einmal erschrocken geguckt und mussten erst einmal ein- und ausatmen. Haben Sie den Schock verdaut?

Antje Rávik Strubel: Ja, ich war doch sehr mitgenommen und überwältigt. Es war tatsächlich wie ein Schock und ich habe nur gedacht, ich darf das Atmen nicht vergessen. Im Laufe des Abends wurde das immer unwirklicher. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, aber es wurde auch so seltsam. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich wirklich so richtig verstanden habe, was da passiert ist.

In Ihrem ausgezeichneten Roman "Blaue Frau" erzählen Sie von einer jungen Frau aus Tschechien, die in Deutschland ein Praktikum macht. Dort sexuelle Gewalt erfährt, quer durch Europa flüchtet, am Ende in Helsinki in einem Plattenbau landet und versucht, dieses Trauma zu verarbeiten. Im Zentrum steht dabei die Sprachlosigkeit. Sie haben acht Jahre an diesem Buch gearbeitet. Was hat Sie so lange nach einer Sprache für diese Geschichte suchen lassen?

Sprache ist mein Medium als Schriftstellerin, daher ist es natürlich eine der größten Herausforderungen, Sprachlosigkeit in Sprache zu fassen. Daran habe ich lange gearbeitet. Zum anderen hat Adina [Anm. d. Red.: die Hauptfigur des Romans] etwas erlebt, was kein einfaches Thema ist. Sobald es um sexualisierte Gewalt geht, muss ich mich natürlich auch fragen: Wie will ich das darstellen? Will ich die 100. oder 1.000 oder 100.000. Version einer Gewaltschilderung formulieren? Oder geht es nicht vielmehr um die Wirkung, die das hat? Deshalb war für mich relativ schnell klar, dass ich nicht direkt davon erzählen kann, sondern erzähle eigentlich von den Auswirkungen und lasse aber die Schilderung dieser Gewalt bewusst aus, um sie nicht auch noch zu potenzieren.

Zur Person

Antje Rávik Strubel wurde 1974 in Potsdam geboren. Nach einer Buchhandelslehre studierte sie Amerikanistik, Psychologie und Literaturwissenschaften in Potsdam und an der NYU. Von ihr erschienen sind u.a. die Romane "Offene Blende", "Unter Schnee", "Fremd Gehen. Ein Nachtstück" sowie "Tupolew 134". Für ihren Roman "Blaue Frau" ist sie mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet worden.

 

War Ihnen das von Anfang an klar, dass Sie über sexualisierte Gewalt schreiben wollen?

Nein, das war mir überhaupt nicht klar. Ich hatte diese Figur dorthin geholt, wo ich selber war. Ich habe 2012 ein halbes Jahr in Finnland in einem Plattenbau-Neubaugebiet in Helsinki gelebt und habe die Hauptfigur Adina in diese Wohnung hineingeschrieben, um sie nahe zu haben. Damit hatte ich natürlich sofort einen Haufen Fragen: Was macht diese junge Frau, die eigentlich aus dem Riesengebirge kommt? Was macht sie in Helsinki? Wie ist sie da gestrandet?

Im Laufe des Schreibens wurde mir mehr und mehr klar, dass ihr etwas Schlimmes widerfahren ist, weil ich auch parallel in meinem persönlichen Umfeld immer mehr Fälle von sexualisierter Gewalt erfahren habe. Ich übersetzte Lucia Berlin und Virginia Woolf, beides Autorinnen, denen das passiert ist. Und ich fragte mich: Ist das normal? Mir erschien diese weit verbreitete Tatsache von sexualisierter Gewalt seltsam, weshalb ich anfing, mich damit näher auseinanderzusetzen. Und das wirkte sich dann auf das Schreiben aus.

Sie möchte eine Aussage machen, schafft es aber nicht. Warum hat sie eigentlich keine Chance?

Weil die Chancen im Moment sehr schlecht sind. Ich habe mit Anwält:innen, Richter:innen und mit einem Strafverteidiger gesprochen. Dabei habe ich mehr und mehr verstanden, wie wenig Fälle überhaupt angezeigt werden, und das liegt daran, dass so wenig verurteilt werden. Aber auch, was es für eine Hürde für eine Frau ist, der so etwas passiert ist, vor Gericht auszusagen. Man muss sich nur mal vorstellen, dass der Täter mit ihr im selben Raum sitzt, möglicherweise noch relativ nah und von ihr erwartet wird, dass sie dieses Erlebnis möglichst minutiös noch mal erzählt. Und sobald sie den kleinsten Fehler macht, gilt sie als unglaubwürdig.

Dieser Strafverteidiger erzählte mir wiederum, dass er seine Verteidigung oft darauf aufbaut, dass man sich sowieso nicht länger als sieben Sekunden exakt erinnern kann. Wenn man sich dann überlegt, wie soll diese Frau, der auch noch so etwas Schlimmes passiert ist, sich exakt daran erinnern, nach einer ganzen Weile, wo das Geschehen ja schon zurückliegt? Solche Dinge haben mich beschäftigt, die in den Roman eingeflossen sind.

Dieses Sternchen ist doch eigentlich total hübsch. Ich weiß nicht, was sich alle so darüber aufregen. Ich mag auch das spielerische, gerade an Sprache. Sprache ist etwas, was sich pausenlos verändert.

Antje Rávik Strobel

Es geht in Ihrem Roman auch um Machtstrukturen. Der Mann, der Adina das antut, ist ein Kulturpolitiker aus Westdeutschland, und sie ist eben eine Frau aus Tschechien, und da beschreiben sie ein Machtgefälle, aber eben nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern eben auch zwischen Ost und West.

Das bündelt sich sehr schön in diesem westdeutschen Kulturpolitiker. Man muss wirklich westdeutsch sagen, weil er auch einen sehr bestimmten Blick auf alles osteuropäische oder ostdeutsche hat. Er meint, seine Fahne in dieses wilde Land pflanzen zu können, womit er aber die Uckermark meint. Er will sich, um es mal grob zu formulieren, auch in Adina hineinpflanzen und dabei bündeln sich diese zwei großen Probleme des Ost-West-Verhältnisses. Und wie Sie schon sagten, dabei hängt für mich das Geschlechterverhältnis auch zusammen.

In dieser Woche haben wir erlebt, wie der "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt durch diesen Machtmissbrauch gefallen ist. #MeToo hat auch einiges in Gang gebracht. Aber wo sehen Sie noch großen Handlungsbedarf?

Der ist einfach dadurch gegeben, dass es immer noch diese alten Strukturen gibt. Es gibt immer noch viel zu wenig Selbstreflexion von Menschen und eben häufig von Männern, die in Machtpositionen sitzen, weil sie es bisher auch nicht mussten, weil es einfach normal war.

Bei #MeToo hat es mich gewundert, wie relativ zurückhaltend das in Deutschland angekommen ist - wenn man es beispielsweise mit den USA oder auch Skandinavien vergleicht. Dort schlugen die Wellen viel höher. Deutschland ist noch so ein bisschen hinterher, habe ich den Eindruck.

Vieles hat dabei mit Sprache zu tun und wie wir reden. In Ihrer Dankesrede sind Sie auch auf das Thema Sprache eingegangen als etwas, das sie als Schriftstellerin natürlich berauscht, aber auch als ein Gegenstand von Gezerre und Gezeter. Sie gingen auch auf die Debatte um das Gendersternchen ein, das Sie für sich auch beanspruchen. Von wem spüren Sie da Widerstand? Und warum ist das so wichtig?

Ich glaube, der Widerstand kommt immer von den Leuten, die denken, ihnen geht etwas verloren oder sie müssen etwas abgeben - meistens natürlich Macht - und ihre Position aufgeben. Der Widerstand entsteht auch dadurch, dass wir uns gerne an Gewohnheiten festhalten. Das verstehe ich auch. Andererseits vergisst man darüber, dass Veränderung auch sehr aufregend sein kann. Und ich glaube, dass sich das Denken in unserer Gesellschaft im Moment verändert. Und wir aufmerksamer sind demgegenüber, dass es vielleicht nicht nur eine tonangebende Gruppe gibt, sondern dass da noch andere Stimmen irgendwie gehört werden müssen.

Das bildet sich auch in der Sprache ab, die sich eben auch langsam verändert. Und mal ehrlich, dieses Sternchen ist doch eigentlich total hübsch. Ich weiß nicht, was sich alle so darüber aufregen. Ich mag auch das Spielerische, gerade an Sprache. Sprache ist etwas, was sich pausenlos verändert, also insofern verstehe ich nicht, warum das so viel Aggression auslöst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Antje Rávik Strubel führte Nadine Kreuzahler, Inforadio.

Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie oben im Audioplayer nachhören.

Sendung: inforadio, 21.10.2021, 10:45 Uhr

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Erst einmal: Mein Glückwunsch!

    Das Gendersternchen, um darauf zu kommen, ist ein Ausdruck einer intellektualisierten Sprache, d. h. derjenigen, die mit tiefgestellten Zahlen und Buchstaben i. S. von Fußnoten arbeitet und das dann mit der Umgangssprache verwechselt. Insofern halte ich die Befürchtung, dass Umgangssprache zu einer Wissenschaftssprache werden soll, sehr wohl für begründet.

    Die Wissenschaftssprache ist auf Präzision und kaskadenartigen Aufbau ausgerichtet, die auch Unterpunkte in Form von tiefgestellten Zahlen erlaubt und dass die Unterbrechung des Leseflusses hingenommen wird, um den Lesefluss danach wieder fortzusetzen. Das kann von der Umgangssprache, derer sich auch Schriftstellende m. E. bedienen sollten, nicht erwartet werden.

    Es geht um Nichtdiskriminierung einer anderen Art.

Nächster Artikel