Konzertkritik | Geiger Sergey Malov im Boulez Saal - "Ich wollte schon immer tiefe Töne spielen können"

Mo 18.10.21 | 10:01 Uhr | Von Hans Ackermann
Sergey Malov (Quelle: Julia Wesely)
Bild: Julia Wesely

Die sechs Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach gehören zu den meistgespielten Werken der Barockmusik. Jeder Cellist hat sie im Programm. Dass man diese Musik auch als Geiger spielen kann, hat Sergey Malov am Sonntag gezeigt. Von Hans Ackermann

Genau in der Mitte des Pierre Boulez Saals steht Sergey Malov am Sonntagabend und beginnt sein Konzert mit dem "Präludium" aus der Cellosuite Nr. 1 - man ist überrascht, dass ein so kleines Instrument so satte und tiefe Töne spielen kann.

Wie eine sehr hoch gehaltene Gitarre hängt das "Violoncello da spalla" an einem Gurt quer vor der Brust des in Sankt Petersburg geborenen Musikers. "Spalla" ist dabei das italienische Wort für "Schulter". Dort findet das Instrument über den Gurt seinen Halt, gebräuchlich ist aber auch die Bezeichnung "Viola pomposa" - mit der dann eine zu groß geratene Bratsche gemeint wäre.

Kleines Cello, große Bratsche

In jedem Fall passt die "Cello-Bratsche" nicht unter das Kinn des Spielers, dafür ist der Korpus einfach zu dick. Aber für tiefe Töne braucht man nun mal ein gewisses Volumen, meint Malov, der zuletzt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie ein Cellokonzert von Luigi Boccherini gespielt hat.

Auch hierbei hat er als Solist sein "Violoncello da spalla" eingesetzt und bei dieser Gelegenheit erklärt, wie er als Geiger und Bratscher überhaupt zu diesem besonderen Cello gefunden hat. "Ich wollte schon immer tiefe Töne spielen können. Aber zuerst habe ich eine Bratsche in die Hand genommen und ein Bratschen-Diplom bekommen."

Bach im Originalklang

Am Salzburger Mozarteum hat Malov - mittlerweile Professor in Zürich - sein Diplom bekommen und die Bach-Suiten anfangs auch auf der Bratsche gespielt. Komponiert wurden die Werke aber ursprünglich für das Schulter-Cello, das um 1650 in Bologna erfunden wurde und auch dem Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach bekannt gewesen sei, versichert Malov: "Bach war fasziniert von diesem Instrument und schrieb dafür seine sechs Cellosuiten."

Für diese Annahme spricht, dass die Cellosuite Nr. 6, mit der Malov nach gut 80 Minuten das Konzert beendet, tatsächlich für ein fünfsaitiges Instrument wie das Schulter-Cello komponiert wurde - und nicht für die großen Celli mit ihren vier Saiten.

Tänzerisch und virtuos

Wenn Malov die Suiten jetzt auf dem Schulter-Cello spielt, ist er somit nah am barocken Originalklang, rettet ganz nebenbei das charmante "Violoncello da spalla" vor dem Vergessen und spielt Bachs Cellosuiten - jeweils ein Präludium und fünf anschließende Tänze - mit einer derart temperamentvollen Dynamik, wie sie vielleicht nur Geiger erreichen können.

Im Saal gibt es dafür am Schluss jedenfalls donnernden Applaus und Bravo-Rufe - woraufhin der Solist für die Zugabe tatsächlich mit einer Barockgeige im Arm zurückkehrt. Und mit einen Satz aus einer Solo-Violinsonate von Johann Sebastian Bach zeigt, dass er die Geige ebenso virtuos beherrscht wie die Bratsche oder das Schulter-Cello.

Erfreulich, dass Sergey Malov für seine CD-Aufnahme der Bach-Suiten mit diesem "Violoncello da spalla" vor genau einer Woche in Berlin einen "Opus Klassik" erhalten hat.

Sendung: Inforadio, 18.10.2021, 9 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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