Frühkritik | "Kunst der Fuge" in der Berliner Philharmonie - Sämtliche Noten von der linken Hand allein gespielt

Di 26.10.21 | 08:31 Uhr
Der der Pianist Daniil Trifon (Quelle: dpa/Grigoriy Sisoev)
Audio: Inforadio | 26.10.2021 | Hans Ackermann | Bild: Sputnik/Grigoriy Sisoev

Mit donnernden Bässen, aber auch filigranen Läufen in höchster Lage meistert der Pianist Daniil Trifonov die "Kunst der Fuge" von Johann Sebastian Bach. Am Donnerstag war der russische Pianist in der ausverkauften Berliner Philharmonie zu Gast. Von Hans Ackermann

Mit der "Chaconne in d-moll" von Johann Sebastian Bach eröffnet Daniil Trifonov den Abend, Variationen über ein markantes Bassthema, mit dem das Werk nach gut 15 Minuten in tiefen Tönen endet. Bach hat die Variationen ursprünglich für die Violine komponiert, als Teil einer Solopartita. Für Geigerinnen und Geiger gehört die "Chaconne" zu den wichtigsten Werken des Barock.

Am Klavier hört man sie allerdings eher selten, obwohl die Bearbeitung von Johannes Brahms stammt. Er hatte sie seinerzeit für Clara Schumann angefertigt, nachdem sie sich die rechte Hand verletzt hatte, aber trotzdem üben wollte. Aus diesem musikhistorischen Hintergrund rührt die Brisanz des Stückes: Sämtliche Noten werden von der linken Hand allein gespielt - was unter anderem auch einen meisterhaften Umgang mit dem Pedal erfordert.

Einhändige Höchstleistung

Daniil Trifonov hätte nach diesem ersten Stück, das er mit donnernden Bässen, aber auch filigranen Läufen in höchster Lage, einhändig meistert, also auch schon einen ersten Riesenapplaus verdient. Den er aber ganz gezielt vermeidet, indem er die "Chaconne" wie eine Ouvertüre einsetzt und direkt und ohne Pause mit dem ersten Kontrapunkt aus der "Kunst der Fuge" anschließt - ein grandioser Auftakt.

Aus dem leisesten Pianissimo gräbt Trifonov nun das Fugenthema heraus und erweckt es gleich im ersten "Contrapunctus" auf vielfältige Weise zum Leben. Und weil sich der 30 Jahre alte Pianist nach vielen virtuos-spätromantischen Konzerten mit Werken von Frédéric Chopin, Peter Tschaikowsky und immer wieder Sergei Rachmaninov den barocken Kontrapunkt geradezu "einverleibt" hat, steigert sich sein virtuoser Vortrag immer mehr.

In der ersten Hälfte des Konzertes spielt der 1991 in Nischni Nowgorod geborene Trifonov die ersten elf Kontrapunkte, führt nach der Pause dann weitere komplexe Spiegel- und Mehrfach-Fugen mit perfekter Technik und in größter klanglicher Konzentration aus.

Faszinierende Körpersprache

Interessant und faszinierend ist auch die Körpersprache des in Moskau und Cleveland ausgebildete Pianisten: Den Oberkörper nach vorn gebeugt, den Kopf gesenkt, hält er den Blick beim Spielen konzentriert auf die Tasten gerichtet. Vielleicht mit geschlossenen Augen, was aus der Ferne aber nicht eindeutig zu erkennen ist - und durch halblang getragenes, nach vorn fallendes Haar wohl auch ein wenig abgeschirmt werden soll. Eine sympathische Schüchternheit, die sich auch zeigt, wenn Trifonov beinahe hastig den Saal betritt, schnell ein paar Verbeugungen in alle Richtungen andeutet und dann sofort zu spielen beginnt.

Einer der Besten der jüngeren Pianisten-Generation

Daniil Trifonov tritt ohne Show und irgendwelches Gehabe auf - und wird dennoch seit seinem 3. Platz beim Warschauer Chopin-Wettbewerb im Jahr 2010 zurecht zu den Besten der jüngeren Pianisten-Generation gezählt. Auch deshalb kann er es sich erlauben, den unglaublich anspruchsvollen Fugen-Zyklus mit einem vergleichsweise einfachen Epilog abzuschließen.

Er spielt "Jesus bleibet meine Freude", eine der bekanntesten Melodien von Johann Sebastian Bach. Musik, die in wenigen Wochen wieder auf vielen Weihnachtsmärkten zu hören sein wird, aber sicher nicht als die große Klavierkunst, die an diesem Abend am Ende dafür sorgt, dass der gesamte, zuvor atemlos stille Saal, nach drei Zugaben - allesamt von Bach-Söhnen komponiert - minutenlang stehend applaudiert.

Sendung: Inforadio, 26.10.2021, 06:55 Uhr

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