Konzertkritik | Wynton Marsalis - Eine Jazzikone zu Gast in der Berliner Philharmonie

Di 19.10.21 | 08:45 Uhr | Von Jens Lehmann
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Archivbild: Wynton Marsalis im Juli 2021 in Madrid (Quelle: dpa/Angel Manzano)
Audio: Inforadio | 19.10.2021 | Jens Lehmann | Bild: dpa/Angel Manzano

Wynton Marsalis ist einer der einflussreichsten Jazz-Musiker. Gestern hatte er Geburtstag – und hat diesen gemeinsam mit seinem "Jazz at Lincoln Center Orchestra" in der Berliner Philharmonie gefeiert. Von Jens Lehmann

Natürlich wird ihm vom ganzen Saal Happy Birthday gesungen. Natürlich nimmt der Jubilar die gesungenen Glückwünsche gespielt überrascht und gerührt entgegen. Dabei wurde doch genau damit offensiv geworben: Wynton Marsalis feiert seinen Geburtstag in Berlin. Live in concert. Offizieller Titel des Abends: "Wynton at 60". Schwupp, wissen wir auch noch, wie alt er geworden ist.

Der Trompeter ist einer der einflussreichsten Künstler der Jazzszene, hat nicht nur den Mainstream erobert, sondern auch Brücken in die Klassik gebaut. Schon 1983 hat er das Kunststück vollbracht, Grammys in den Kategorien Jazz und Klassik zu gewinnen.

Darauf spielt auch Siggi Loch, Labelchef und Gastgeber von Jazz at Philharmonic an, wenn er Marsalis als den Mann preist, der den Jazz im Lincoln Center, dem Tempel der Hochkultur in New York City als "Klassik der Afro-Amerikaner" etablieren wollte.

Immer wieder Crossover-Projekte

Doch genau das nehmen ihm große Teile der Szene übel. Marsalis ist wohl einer der umstrittensten Jazzmusiker, eine Kollegin von mir hat ihn mal den "Lieblingswatschenmann aller sauertöpfischen Puristen" genannt. Ein Künstler, dem wohl ebenso oft Elitarismus vorgeworfen wird wie eine Verwässerung des Jazz durch immer neue Crossover-Projekte. Die haben ihn auch schon mehrfach in die Philharmonie geführt.

Mit den Berliner Philharmonikern verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. So hat Claudio Abbado 2001 Teile von Marsalis‘ Riesen-Oratorium "All Rise" aufgeführt. Neun Jahre später hat dann Simon Rattle die "Swing Symphony" des Trompeters uraufgeführt. Und in den Konzerten konnte man das Orchester schwitzen sehen und dabei am Groove des Lincoln Center Orchestra scheitern hören.

Denn das ist eine Big Band, wie sie im Buche steht. Der Sound, der sich da von der Bühne der Philharmonie verströmt, ist satt und kompakt. Nur Bass und Klavier sind wirklich verstärkt, die Bläser sind dagegen mühelos im weiten Rund zu hören.

Die Trompete schreit und brabbelt

Marsalis kennt den Saal gut, vertraut seiner großartigen Akustik, läuft immer wieder seine Runde um die Band herum – lässt seine Trompete schreien, brabbeln, kichern. Einmal tut er das so lange, dass ihm schwummerig wird, sich kurz am Klavier festhalten muss, auch das ist Wynton at 60 – er nimmt’s mit Humor.

Auch seine Band ist gut drauf, kommentiert die Soli des Chefs, aber auch die Improvisationen der Mitmusiker mit aufmunternden Rufen oder zufriedenem Brummen. Neben Marsalis selbst stechen vor allem Walter Blanding am Tenor-Saxofon, Posaunist Chris Crenshaw und Bassist Carlos Henriquez hervor. Und Paul Nedzala am Bariton-Saxofon spielt eine berührende wie butterweiche Hommage an Lincoln Center Urgestein Joe Temperley.

Professionell aber nicht berührend

Und doch ist es nach dem Konzert von Filmgott John Williams der zweite Abend binnen einer Woche, an dem ich zunehmend skeptisch einer perfekt geölten Entertainment-Maschine gegenübersitze.

Keine Frage: Da spielt eine der besten Big Bands des Planeten ausgefeilte, ja gedrechselte Arrangements, aber genau da liegt der Hase im Pfeffer: Es wird so überhaupt nix dem Zufall überlassen. So routiniert wie die Ansagen des Meisters, so werden auch die Arrangements runtergespult. Kein Ausbruch, kein Loslassen, nirgends. Klar ist das professionell, aber berührend ist es nicht.

Dem Publikum ist das egal, es beklatscht selbst kleinste Zwischenspiele, als wären es ausgefeilteste Halbstunden-Soli, springt immer wieder auf und huldigt dem Jubilar und seinem Lebenswerk. Und – na klar: Zum Schluss gibt’s gleich nochmal ein Geburtstags-Ständchen, diesmal von und mit Philharmoniker-Hornistin Sarah Willis – da sind sie wieder vereint: Klassik und Jazz in symbolhafter Umarmung. Wynton Marsalis gefällt’s. Und der dezent sauertöpfische Kritiker will mal nicht so sein.

Sendung: Inforadio, 19.10.2021, 7:50 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Vielleicht sollte der Verfasser versuchen zu verstehen was Jazz wirklich ist.
    Ich kann die überhebliche Art dieser Kritiker kaum noch ertragen.

  2. 2.

    Danke für den guten und sachlichen Beitrag. Genauso habe ich den Abend auch empfunden. Jazz fast ganz ohne Improvisation.

  3. 1.

    Hausaufgaben korrekt erledigt. Sich zu Recht als sauertöpfisch bezeichnet. Kenntnisse: noch ausreichend. Einwände gegen perfektes "Entertainment"gibt es nur(!!!)in Deutschland. Arroganz gegen hochkarätige brilliante Musiker und ihr Publikum können sich ebenfalls nur deutsche Kritiker leisten. Bleiben Sie besser bei harmlosen Plaudereien und An- und Absagen im Kulturradio.

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