Konzertkritik | Konzert im Pierre-Boulez-Saal - Pianistin Leonskaja glänzt mit Humor und Feinsinn

Fr 08.10.21 | 09:06 Uhr | Von Hans Ackermann
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Elisabeth Leonskaja gehört seit Jahrzehnten zu den besten Pianistinnen weltweit. (Quelle: dpa/Robert Ghement)
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Audio: Inforadio | 08.10.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Robert Ghement

Gleich zwei Mal hat die russische Pianistin Elisabeth Leonskaja gestern im Pierre-Boulez-Saal gespielt: Bei den Elternzeitkonzerten für Mütter und Väter mit kleinen Kindern und noch einmal am Abend. Mozart stand im Mittelpunkt. Von Hans Ackermann

Mit "Thema und Variationen" ist der Schlusssatz in Mozarts "Sonate in D-Dur" überschrieben. Im Köchelverzeichnis die Nummer 284, gehört das dreisätzige Werk zu Mozarts bekanntesten Klaviersonaten. Nach einer Kurzfassung für die Kinder am Vormittag steigert Elisabeth Leonskaja am Abend noch einmal Ausdruck und Intensität. Sie spielt mit kraftvollen Bewegungen, die aus der Schulter kommen. Dadurch bleiben Hände und Arme ruhig und entspannt - höchst effizientes Klavierspiel und russische Schule in Vollendung.

Die 1945 in Tiflis geborene Pianistin, die am Moskauer Konservatorium studiert hat und von Swjatoslaw Richter gefördert wurde, hat vor einem Jahr einen "Opus Klassik" bekommen, für ein grandioses Album mit Musik von Robert Schumann. Auch dort spielt sie mit Schumanns "Abegg-Variationen" und seinen "Geistervariationen" eine nicht unbedingt populäre Gattung, die der seit 1978 in Wien lebenden Pianistin aber ganz offensichtlich liegt.

Humor und Feinsinn

Schumann allerdings steht an diesem Abend nicht auf dem Programm - ist aber dennoch zugegen. Denn Jörg Widmann, seit Jahren einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten, hat sich bei seinen "11 Humoresken für Klavier" ganz direkt von Schumanns "Humoreske op. 20" inspirieren lassen. Eine Musik, die von Stimmungswechseln lebt, von Mehrdeutigkeiten, Anspielungen und eben von Humor. Schumann hat damit seinerzeit eine Gattung aus der Literatur in die romantische Musik übertragen.

Widmanns Miniaturen stammen aus dem Jahr 2007, weshalb Schumann natürlich nur aus der Ferne grüßt. Wunderbar, wie Leonskaja Widmanns Spielanweisungen umsetzt - einschließlich einem geklopften Ton neben den Tasten - und die Humoresken tatsächlich "mit Humor und Feinsinn" zum Klingen bringt.

Liebe und Leidenschaft

Beim dritten Werk des Abends ist Elisabeth Leonskaja dann erneut bei Schumanns zu Besuch - mit Johannes Brahms, der um 1850 seine "Sonate Nr. 3" für Clara komponiert hat. Schumanns Frau, die von Brahms bekanntermaßen aufs Heftigste verehrt wurde - weshalb diese "Sonate f-moll, op. 5" gern auch als "Liebeserklärung" an Clara verstanden wird.

"Seine Sachen sind sehr schwer" - hatte Clara Schumann über die Klaviermusik von Brahms gesagt. Elisabeth Leonskaja, die im November ihren 76. Geburtstag feiert und ein Leben lang solche "Sachen" gespielt hat, ist davon unbeeindruckt und lässt den schweren Brahms mit wunderbarer Leichtigkeit durch den vollbesetzten ovalen Konzertsaal schweben.

Mit insgesamt drei Zugaben, darunter ein hinreißend gespieltes Nocturne von Frédéric Chopin, verabschiedet sich eine großartige Interpretin der romantischen Klaviermusik, die mit ihrem "Mozart am Morgen" aber auch - und nicht nur nebenbei - Eltern und kleine Kinder mit einer durch und durch "klassischen" Sonate zu begeistern weiß.

Sendung: Inforadio, 08.10.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Das waren die "Feux d'artifice" von Claude Debussy, aus dem 2. Buch der Preludes (Nr. 12)

  2. 2.

    Ja, ein tolles Konzert! Weiß jemand, was die erste Zugabe war?

  3. 1.

    Frau Leonskaja zu hören ist immer ein Ohrenschmaus. Vor Jahren konzertierte sie an zwei Abenden mit allen Beethovenschen Klavierkonzerten am Meininger Staatstheater. Einmalig dieser unvergessene Kunstgenuß

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