Ausstellungskritik | "Metabolic Rift" im Kraftwerk - In der Apokalypse keimt die Hoffnung

Ausstellung "Metabolic Rift" im Kraftwerk (Quelle: Frankie Casillo)
Audio: Inforadio | 05.10.2021 | Jakob Bauer | Bild: Frankie Casillo

Neben Konzerten gib es beim Berlin Atonal Festival im Kraftwerk dieses Jahr die Ausstellung "Metabolic Rift" zu sehen. Thema: der unheilbare Riss zwischen industrieller Gesellschaft und Natur. Jakob Bauer war schwer beeindruckt.

Das Kraftwerk Berlin an der Jannowitzbrücke ist schon von außen ein imposantes Bauwerk. Wenn das Berlin Atonal Festival einmal im Jahr ins Kraftwerk einzieht und es mit zeitgenössischer Kunst und Musik bespielt, ist der Anblick auch drinnen beeindruckend.

Künstlerisch könnte man also einfach auf eine Überwältigungs-Ästhetik setzen: das gespenstische Tunnelsystem im Keller des Kraftwerks, die gigantischen dunklen Hallen im Hauptgebäude, dazu noch etwas Blitzlichtgewitter, rollende Klanglawinen, fertig ist das Wow-Erlebnis für die Synapsen.

Die "Metabolic Rift"-Ausstellung geht darüber aber weit hinaus. Zwei Stunden lang schlängelt man sich durch die Dunkelheit, wird von Klang und Licht geleitet. Und immer mehr setzt sich ein Bild im Kopf zusammen, das an einem nagt. Das weh tut und berührt.

Der unheilbare Riss zwischen Gesellschaft und Natur

Die Reise beginnt im Dunkeln, im Tunnelsystem unter dem Kraftwerk. Eine einzelne Frauenstimme gibt der Dunkelheit Kontur, die Besuchergruppe folgt dem Klang und dem gelben Licht am Ende des Tunnels, das immer vorgibt, wo es hingeht.

Es ist ein menschlicher Klang in diesem Monster-Betonblock. Dann öffnet sich ein Raum, in dem ein einsamer Eisklotz zu sehen ist, der langsam in einem kleinen Licht zerschmilzt. Der "Metabolic Rift" ist das Oberthema der Ausstellung, ein marxistisches Konzept: Der unheilbare Riss zwischen der industriellen Gesellschaft und der Natur, der aus dem Kapitalismus erwächst und zur ökologischen Katastrophe führt. Der Riss, der sich mit der Zeit immer weiter aufgetan hat im Zusammenspiel zwischen dem Menschen, dem Natürlichem und dem Nicht-Natürlichen, Menschen-Gemachten. Wie zum Beispiel einem gigantischen Heizkraftwerk.

Und dieses Zusammenspiel, auch der erbitterte Kampf zwischen Mensch und Natur, vor allem das, was übrig bleibt, auf dem Schlachtfeld, das Verfallene, aber auch das Wiederbelebte, säumen den Weg durch die Schluchten des Kraftwerks. In einem Raum: Konstruktionen wie Würmer aus alten Rohren und Schienen, organisch, sie könnten hier unten leben. Durchbrüche in den meterdicken Betonwänden, hinter denen alte Lampenschirme vibrierend schreien.

Das Menschliche scheint unerreichbar

Es ist die Ambivalenz, die von Anfang an fasziniert. Zurückgelassener Schrott, einst vom Menschen genutzt, um die Natur auszubeuten, und jetzt wieder vom Menschen zum Leben erweckt wird, um die Folgen dieser Ausbeutung zu thematisieren. Es sind gruselige Boten aus der Vergangenheit, die aber nicht nur stumpf mahnen, sondern auch die Ästhetik alles Verlassenen, alles Verrottenden ausstellen.

Im Treppenhaus, das aus den Tunneln nach oben führt, kommt in das von scheinbar totem Material beherrschte Areal dann etwas wirklich Lebendiges. Über uns, immer zwei Stockwerke entfernt, singt eine Frau. Wir folgen der Stimme, aber das Menschliche scheint in diesem Kraftwerk zunächst unerreichbar, die Frau verschwindet immer weiter. Ganz oben öffnet sie dann doch die Tür für uns, nur damit wir uns erneut in einem unbelebten Raum wiederfinden, riesig und trostlos, fahles Dämmerlicht schimmert hinein. Ein großes Soundsystem, das hier winzig wirkt, scheppert eine traurige Melodie in die Trübnis, eine aufblasbare Figur erhebt sich, 15 Meter in die Höhe und tanzt alleine.

Die Ausstellung von Rose Lowder im Berliner Kraftwerk während dem Event "Metabolic Rift" (Bild: Helge-Mundt)Die Ausstellung von Rose Lowder im Berliner Kraftwerk.

Was bleibt

Nach dieser mehr oder weniger geleiteten Tour sind wir im Hauptraum des Kraftwerks angekommen. Hier können wir uns frei bewegen, hin zum Modell eines anderen, utopischen Kraftwerks "Explorer 5" - bunt und leuchtend und hoffnungsvoll, aus wiedergewonnen Materialien konstruiert.

Aus einem Nebenraum dröhnt es. Es ist die Schaltzentrale des alten Kraftwerks, es riecht nach Öl, kein Tageslicht kommt hier herein, nicht jetzt und auch nicht, als hier früher noch Arbeiter ihren Dienst verrichteten. Ganz kleine und ganz große Formen sind hier zu sehen, die das Mensch-Maschine-Natur-Verhältnis unterschiedlich schattieren. Energie und Vergänglichkeit scheinen das Thema einer Serie kleinformatiger Fotografien zu sein, eine Nahaufnahme von geschmolzenem Wachs ist da zu sehen. Ruhepunkte im audiovisuellen Sturm. Und dann donnert es aus dem ersten Stockwerk, ein Endzeit-Szenario: Vier vollkommen verschrottete Autos stehen da, ausgebrannt, das was halt übrig bleibt. "This Too Will Pass" heißt dieses Kunstwerk.

Radikal widersprüchlich

Während das Auto-Szenario wirkt wie das Sinnbild einer gescheiterten Gesellschaft, wächst nebenan der sanfte Widerspruch. Ein riesiges Konstrukt, das wie eine Hängematte zwischen den Stockwerken schwebt, bestehend aus Erde, aus Reis und Zucker, aus verblühten Blumen, einer Austernplizbrut. Das Ding stinkt wie die Hölle. Aber es erzeugt im Prozess des Verrottens Energie in diesem stillgelegten Kraftwerk.

Und am Ende fließt noch einmal das Licht durchs Kraftwerk, arbeitet sich seinen Weg durch die Dunkelheit, zu sterbensschöner Musik, die einen auf die bereitgelegten Sitzsäcke sinken lässt. Und verharren. Die Wärme spüren, die Menschliche, die Zerstörung spüren, die Menschliche. Es ist eine radikale Ausstellung, die ihre Spannung aus den Gegensätzlichkeiten zieht, aus den Widersprüchen: Sie zeigt ganz klar, dass die Kluft, die zwischen Gesellschaft und Natur entstanden ist, nicht heilbar ist. Und sie zeigt ganz klar die Zuversicht, dass die Kluft zwischen Gesellschaft und Natur wieder geschlossen werden kann. "Metabolic Rift" ist eine apokalyptische Inszenierung, in der immer wieder Hoffnung keimt.

Sendung: Inforadio, 05.10.2021, 16 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

1 Kommentar

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  1. 1.

    Die Kluft, die zwischen Natur und Technik herrscht, ist m. E. allerdings heilbar. Nicht mit einem marxistischen Denken, was hier angetippt ist, sondern mit einem Marx´schen Denken analog seines Frühwerks. Nicht mit einer kapitalistischen Wirtschaftsweise ständiger Optimierung um sich selbst willen, sondern auch mit Hilfe von Geld, um sich - auch mit Hilfe von Technik, dieser griechisch erfundenen List - Natur nutzbar zu machen, ohne sie zu einem simplen Gegenstand herabzuwürdigen.

    Mit dieser nicht nur theoretisch formulierten und deshalb gefühlten Wertschätzung fängt es an, dass sich Handeln daraus entwickelt: Demut ist ein Fremdwort für die, die nach dem stets unerreichbaren Maximum jagen.

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