Auftakt einer Online-Reihe in Potsdam - Expertenrunde diskutiert über die Geschichte der Hohenzollern

Mi 27.10.21 | 15:12 Uhr | Von Sigrid Hoff
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Kaiser Wilhelm II läuft mit seinen sechs Söhnen während einer Parade in Berlin (Bild: imago images)
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Audio: rbbKultur | 28.10.2021 | Sigrid Hoff | Bild: imago images

Welche Rolle spielten die Hohenzollern im Kaiserreich? Warum sind Vermögensfragen offen und strittig? Antworten darauf will eine Online-Diskussionsreihe in Potsdam finden. Sigrid Hoff hat den Auftakt verfolgt.

 

Der Streit um das Hohenzollernerbe ist eine komplizierte Angelegenheit. Wer sich damit beschäftigt, dem drohen juristische Klagen. Diese Erfahrung haben auch Mitarbeiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) machen müssen, darunter der Direktor Martin Sabrow selbst. Der Hohenzollernprinz Georg Friedrich, der zur letzten Veranstaltung der Reihe geladen war, hat die Teilnahme abgelehnt.

Vielleicht auch deshalb versuchte man in der Auftaktdiskussion am Dienstagabend bewusst, den Ball flach zu halten, und stellte die Bewertung von Ereignissen vor 1933 in den Vordergrund. Der Titel "Wieviel monarchisches Erbe verträgt die Demokratie?" sei etwas schief gestellt, gab Martin Sabrow, der Direktor des Leibniz-Instituts, gleich zu Beginn zu. Vergangenheit ließe sich nicht ungeschehen machen, man könne allenfalls die baulichen Zeugnisse der Zeit schleifen.

Infos zur Online-Reihe

Die Reihe findet noch bis zum 11. Dezember 2021 statt, Gäste sind willkommen. Auch die kommenden zwei Gespräche werden online als Zoom-Veranstaltung durchgeführt, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der jeweilige Link für die Teilnahme per Zoom wird auf der Website des ZZF [zzf-potsdam.de] bekanntgegeben.

Die nächsten Termine

Freitag, 12. November 2021, 18.30 – 20:00 Uhr, Online via Zoom: Von Monbijou nach Minden. Preußen ausstellen

Dienstag, 30. November 2021, 18.30 – 20:00 Uhr, Online via Zoom: Die Hohenzollern als Geschichtspolitiker

Samstag, 11. Dezember 2021, 18.30 – 20:00 Uhr im Potsdam Museum: Wie weiter mit dem Hohenzollernerbe?

"These des deutschen Sonderwegs ist widerlegt"

Dass die Epoche des Kaiserreichs derzeit im Fokus der Aufmerksamkeit stehe, dafür ist aus Sicht des Historikers neben dem aktuellen Streit um den Hohenzollernbesitz und die Verstrickung des Herrscherhauses mit dem NS-Regime auch die Neubewertung der kolonialen Vergangenheit ein Grund. Und schließlich: "Vielleicht sogar am allerstärksten: Das gewachsene Bewusstsein für die Gefährdung der Demokratie durch den aufkommenden Rechtspopulismus. Das imprägniert fast alle unsere Debatten, die wir über das Kaiserreich führen und die Frage, wie toxisch die Erinnerung eigentlich ist. Ich möchte gern wissen, warum diskutieren wir so intensiv über ein Thema, mit dem wir meinten, längst fertig geworden zu sein."

Zunächst ging es aber darum, wie erinnerungswürdig die Zeit des Kaiserreichs in der Demokratie heute überhaupt ist. Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereichs "Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, betonte, die These des deutschen Sonderwegs, der den Historikerstreit in der alten Bundesrepublik der 1970er Jahre geprägt hatte, sei widerlegt.

Die Epoche des Kaiserreichs habe auch moderne Entwicklungen hervorgebracht wie die Arbeiterbewegung oder die Frauenbewegung. Sie wundert sich: "Warum jetzt eine ganz ähnliche Debatte nochmal kommt: Jede Generation von Historikern muss ihre eigenen Marken setzen, auch wenn sie sich von den alten gar nicht so sehr unterscheiden."

Unterschiedliche Ost- und West-Wahrnehmung

Ebenfalls zugeschaltet war Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und somit auch Betroffener von Forderungen der Hohenzollern. Während die beiden Historiker in ihrer Suche nach Erklärungsmustern für die gegenwärtige Aufregung eher rückwärtsgewandt argumentierten, verwies ausgerechnet der Kunsthistoriker Vogtherr auf die unterschiedliche Wahrnehmung in Ost- oder Westdeutschland.

"Für mich scheint ein wichtiger Punkt der gegenwärtigen Hohenzollerndebatte, eher als der Kaiserzeitdebatte, dass es dabei auch darum geht, Verstaatlichungen aus der Zeit der DDR rückgängig zu machen", so Vogtherr. "Dabei geht es um den Blick auf eine Gesellschaftsform. Das ist eine Sprengkraft, wo man auch merkt, dass da in Brandenburg ganz anders darauf reagiert wird als in Niedersachsen, da kommt eine andere Identitätsfrage mit hinein in die Frage der Gesellschafts- und der Herrschaftssysteme."

Diskussionsrunde mit gewissen Schwächen

Eine weitere Frage drehte sich darum, inwieweit der Wiederaufbau von Symbolen preußischer Geschichte wie dem Berliner und Potsdamer Stadtschloss oder der Garnisonkirche in Potsdam Rechtspopulisten Vorschub leistet. Landeskonservator Thomas Drachenberg wies die Formulierung des Historikers Sabrow, es handele sich um eine "toxische Wirkung der Steine" zurück.

Für den Denkmalpfleger sind dies keine authentischen Zeugnisse der Geschichte. Er warnte allerdings davor, umstrittene Denkmäler genau aus diesem Grund zu schleifen, das mache sie erst zum Mythos: "Die Diskussion ist besser zu führen, etwas stehen zu lassen, sich über seine Geschichte auszutauschen. Was ich für ein wesentliches Merkmal einer funktionierenden Demokratie halte, dass wir in der Lage sind, die Geschichten uns zu erzählen, sie zu erforschen, sie auch auszuhalten. Abriss ist Katastrophe, das ist endgültig, kann die Geschichten nicht mehr sehen."

Insgesamt blieb die Diskussion jedoch in weiten Teilen dem eigenen Anspruch schuldig, die Gegenwart miteinzubeziehen. Dies leisteten eher die Fragen und Beiträge aus der Reihe der mehr als 100 Online-Teilnehmer. Sie machten deutlich: Es ist höchste Zeit, die Debatte nicht den Experten zu überlassen, sondern die Öffentlichkeit daran zu beteiligen. Man kann nur hoffen, dass dies in den folgenden Veranstaltungen besser gelingt.

Sendung: Inforadio, 27.10.2021, 17:55 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

8 Kommentare

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  1. 8.

    Der Aufbau des jetzt für alle offenen Humboldt-Forums ist nicht aus Revanchismus gegenüber der DDR geschehen, sondern maßgeblich aus Gründen der Stadtgestaltung. Wer die ebenso zerstörten "Linden" wieder aufgebaut hat, sollte konsequenterweise auch den Ausgangspunkt der "Linden" wieder aufbauen. Das war das Gebäude in Form des Schlosses. Ohne das blieben die "Linden" ein Torso. Schließlich ist ja auch auf dem Endpunkt, dem Brandenburger Tor, die Quadriga wieder raufgekommen und das schon zur Zeit der DDR.

    Absurde Einzelmeinungen, die tatsächlich revanchistisch vorgingen, sollten mithin nicht verallgemeinert werden. Diese können niemals ein tragendes Fundament für so ein Projekt bilden. Einer der maßgeblichen Befürworter des Humboldt-Forums war und ist übrigens Wolfgang Thierse, nicht gerade als Verherrlicher preußischer Herrschaft bekannt und zudem auch kein "Westdeutscher".

  2. 7.

    Wohl ja, man denke an den Kurfürsten Johann Georg, einen gemeinen Mörder der den Hoffaktor Lippold ben Chluchim aus Habgier auf grausamste Weise ermorden liess.

  3. 6.

    #IckeDette, zumindest solange kann diskutiert werden, solange die Berliner ihre Kaiser Wilhelm I + II mit einer Gedächtsniskirche huldigen.

  4. 5.

    Sieht nach einer gelenkten Debatte aus, die damit ziemlich wertlos ist.
    Es ist zum Beispiel ein Unterschied ein Hoheitsgebäude wieder aufzubauen (auch nur simuliert) oder es zu schleifen. Hier ist eher das Problem, dass es in Westdeutschland politisiert wurde wie böse die DDR war, weil sie die Ruinen geschliffen hat,dass es sogar bis nach der Wende nachwirkte. Der Mythos des Gebäudes wurde also in der BRD geprägt. Ich brauche dazu das Gebäude in Frage selbst nicht erwähnen, oder?
    Frauenrecht und Arbeiterbewegung? Die waren gegen das System gerichtet, können also nicht den herrschenden zugerechnet werden im Gegensatz zu Kinderarbeitsverbot in Industrie und Bergwerk. Das hat wiederum das Kaiserreich eingeführt, aber auch weniger um Kinder zu schützen, sondern um weniger deformierte/kaputte Soldaten zu haben.
    Ist die Debatte überhaupt wert angehört zu werden? Die Romantisierung der Kaiserzeit ist noch lange nicht beendet.

  5. 4.

    Eigentlich eine Schande wie eine Familie, die ein ganzes Land, das einmal von Strassburg bis Koenigsberg gross war, zerstoerte und Millionen Tote verantwortete. Die Abdankung von Wilhelm II wurde grosszuegig mit Millionen Reichsmark versuesst. Heute sind die Hohenzollern weitaus vermoegender als je zuvor. Natuerlich hofierten sie die Nazis , da sie ja gleiche Ziele verfolgten. Militarismus, Imperialismus usw. Mit den Werten der Demokratie konnten sie und koennen sie auch jetzt nichts anfangen.

  6. 3.

    Die Hohenzollern sind für den 1 Weltkrieg verantwortlich. Waren die Hohenzollern auch Raubritter,also Kriminelle?

  7. 2.

    ´Die Epoche des Kaiserreichs habe auch moderne Entwicklungen hervorgebracht wie die Arbeiterbewegung oder die Frauenbewegung. Sie wundert sich....´
    Ja, und der Faschismus hat Antifaschismus hervorgebracht! Ich wundere mich auch.....!
    Und ich dachte immer, die Arbeiter- und Frauenbewegung wären aus bestehenden Ungleichheiten heraus entstanden, wusste garnicht, das wir dem Kaiserreich dankbar sein sollten!
    Oder habe ich da eine Formulierung missverstanden!?
    Vielleicht sollte in Niedersachsen mal wieder Heinrich Mann: ´Der Untertan´ in der Schule behandelt werden!

  8. 1.

    Alles, was an geäußerten Gedanken, an schöpferischen wie destruktiven Vorgehensweisen in die Welt kommt, lässt sich ihr nicht mehr technisch entnehmen. Menschen können nur befähigt werden, daraus zu lernen.

    Insofern geht es nicht einfach nur pauschal um eine Distanz zu den Hohenzollern, sondern um Distanz in spezifischen Bereichen. Zweifellos hat deren Verständnis, zu einer quasi natürlichen Elite zu gehören und durch die Weimarer Republik darum betrogen worden zu sein, den Nazis Vorschub geleistet. Das betrifft übrigens auch das heutige Verhältnis der Hohenzollern zur Demokratie.

    Was mir fehlt, ist ein klares, öffentlichkeitswirksames Bekenntnis des Hohenzollernprinz´ Georg-Friedrich zur Demokratie und seine Einordnung darin, also ein Loslassen von jeglichem natürlichen Elite-Dasein. Verbunden damit eine Entschuldigung, dass es seine Vorgänger nicht so taten. Dann kann auch der schöpferische Eintrag der Hohenzollern unbefangener gesehen werden.

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