25 Jahre Sophiensäle - Vom Wildwuchs zu durchkuratierten Formaten

Mi 27.10.21 | 08:25 Uhr | Von Ute Büsing
Beleuchtung am Gebäude der Sophiensäle (Quelle: imago/stock&people)
Video: Abendschau | 27.10.2021 | Arndt Breitfeld | Bild: imago/stock&people

Sie sind eine der prägenden Institutionen der Berliner Freien Szene für Schauspiel, Performance und Tanz: die Sophiensäle. Am Freitag werden sie 25 Jahre alt - ebenso wie die Tanztage Berlin. Von Ute Büsing

Franziska Werner leitet die Sophiensäle seit 2011 und empfindet das immer noch als "tolles Geschenk". Die Anfänge einer der ersten freien Spielstätten Berlins im ehemaligen Handwerkervereinshaus in der Sophienstraße haben die heute 46-Jährige nachhaltig geprägt. "Da habe ich angefangen, Tanz zu gucken mit ersten Sachen von Sasha Waltz & Guests oder von Nico and the Navigators. Gesine Dankwarts 'Täglich Brot' ist mir unvergesslich. Das waren Formate, die kannte ich so noch nicht."

Früher war das Produktions- und Präsentationshaus Sophiensäle Experiment, heute ist es eine Ankerinstitution der Freien Szene Berlins. Zu ihren prägenden Persönlichkeiten gehört in wechselnden Konstellationen Lajos Talamonti. Er hat neue Formate mit entwickelt. Heute mischt er beim Performancekollektiv Interrobang mit. Gerne blickt der 52-Jährige aber auch auf die Anfänge zurück. "Bevor die Freie Szene so wahnsinnig professionell geworden ist, gab es eine große Offenheit. Das war noch nicht so durchkuratiert wie heute und man konnte - nach einem urdemokratischen Prinzip - in kurzer Zeit Arbeitserfahrungen mit sehr unterschiedlichen Leuten machen."

Von der Zukunft besessen: die Kunstform Tanz

Mateusz Szymanowska war acht Jahre alt, als die Tanztage Berlin zum Start als Mini-Festival im Pfefferberg aus der Taufe gehoben wurden. Heute leitet der 33-Jährige aus Warschau dieses längst ebenfalls in den Sophiensälen beheimatete Festival für den Tanz-Nachwuchs. Er denkt und treibt es weiter als "ästhetisches Experiment zusammengedacht mit gesellschaftspolitischen Fragen". Tanz als Kunstform, so sagt er, war "immer von der Zukunft besessen" und das zeige sich jetzt auch in Post-Internet-Produktionen nachwachsender Choreografen und Choreografinnen. Anfang Januar 2022 gibt es das in einer wegen der Corona-Einschränkungen der Vorjahre verlängerten Version der Tanztage Berlin zu sehen.

Zukunftsorientierung ist der Motor für alles. Was immer im gesellschaftlichen Umfeld passiert, die Programmierung der Sophiensäle erfühlt den Puls der Zeit. In den letzten zehn Jahren haben sie und ihr Team sehr stark an Öffnungsprozessen gearbeitet, erzählt Franziska Werner. "Wer fehlt und warum? Fast klassisch haben wir uns dem Feminismus und dem Queerfeminismus zugewandt, Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung in den Fokus gerückt, postkoloniale Diskurse geführt." Das gab es in den Gründerjahren noch nicht. "Da galt: Wir sind die Freie Szene. Wir sind die Anti-Institution!"

Performative Eroberung von Stadt-Räumen

Unter Franziska Werners Leitung waren die Sophiensäle eines der ersten Präsentations- und Produktionshäuser, die verstärkt vor Ort gingen und bei sogenannten "On Site"-Performances städtische Brachen eroberten - etwa beim "Berlin del Mar"-Festival auf dem Parkplatz hinter dem Haus der Statistik. "Schon damals fragten wir: Wem gehört die Stadt? Wer hat wie und wo in Berlin-Mitte Nutzungsrechte? Wie wirken sich Gentrifizierung und Tourismus aus?!" Mit "Männer in Garagen" wurden Garagenhöfe in Pankow erstmals zu Kunsträume für freie Performancekollektive in Zusammenarbeit mit den angestammten Garagennutzern. "Kuhle Wampe" hieß ein von Bert Brecht inspiriertes, viel beachtetes Sommerevent an der Müggelspree.

Großes Zukunftsthema: Altern in der Freien Szene

Im 25. Jahr der Sophiensäle geht es jetzt zentral auch um Altern in der Freien Szene, künstlerisch gebündelt im Festival "Coming of Age" und begleitet von Diskussionsrunden etwa über Altersarmut und soziale Absicherung mit in die Jahre gekommenen freien Künstlern. Lajos Talamonti hat für seine Tanz-Performance "Alter Hase" vier Ehemalige vom klassischen Ballett zusammengetrommelt. Er studierte mit denen einst in München Spitzentanz. Als Sidekick hat er sich den Performer Martin Clausen dazugeholt, der die Entwicklung der Sophiensäle ebenso von Anfang an mit geprägt hat. Hier geht es auch um den "extremen Clash" zwischen Hochkultur und freier Szene. "Klassischen Tanz habe ich in 25 Jahren Sophiensäle noch nie gesehen!", sagt Lajos Talamonti lachend. "Wir zeigen jetzt mit unseren älteren Körpern die Strenge der Prozedur, getrieben von einer Könnensfiktion, die uns noch immer innewohnt." Letztlich, sagt er, wird dabei auch "die Emanzipation von der Macht der klassischen Form gefeiert. Das bedeuten 25 Jahre Sophiensäle für mich im Kern."

Es ist eine Zukunftsaufgabe für die Sophiensäle, weiterhin Nachwuchsplattformen wie die Tanztage anzubieten, junge Künstler zu fördern und gleichzeitig weiter auf die Expertise der "Alten" zu vertrauen. Die Moderation dieses Prozesses habe gerade erst begonnen, so die Künstlerische Leiterin Franziska Werner. "Natürlich richten wir einen großen Fokus auf die Newcomer. Gleichzeitig fühlen wir uns den Künstlern aus den 90ern und ihrer Expertise weiterhin verbunden. Im Kampf um die Ressourcen muss jetzt ein aktiver Verhandlungsprozess einsetzen!" Angestrebt wird ein "anderer Austauschraum zwischen den Generationen, in dem beide Qualitäten, die der Jungen wie die der Alten erkennbar sind."

Sendung: Inforadio, 27.10.2021, 6 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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