Theaterkritik | "Einsame Menschen" im Deutschen Theater Berlin - Von der Unmöglichkeit bleibender neuer Liebesbündnisse

So 31.10.21 | 11:50 Uhr | Von Ute Büsing
Marcel Kohler und Franziska Machens während der Fotoprobe für das Stück "Einsame Menschen" im Deutschen Theater Berlin (Bild: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 30.10.2021 | Ute Büsing | Bild: imago images/Martin Müller

Die Regisseurin Daniela Löffner hat ein Faible für Stoffe aus dem 19. Jahrhundert, die sie dann psychologisch genau ins Heute überführt. Nach ihrem Hit "Vater und Söhne" zeigt sie am Deutschen Theater jetzt "Einsame Menschen" von Gerhart Hauptmann. Von Ute Büsing

Inniglich vereint stehen sie bei der Taufe des Nachwuchses vorne an der Rampe und singen mit leuchtenden Kerzen in der Hand einen Choral von der Macht der Liebe. Doch die gerät ins Wanken bei den Vockerats in ihrem stylischen Heim am Müggelsee, als ein junger Mann, mit 26 schon Doktor für feministische Zukunftsforschung (!) in Stanford, wie ein Katalysator die Familienbande aufsprengt. Zunehmend fühlt sich der Bestsellerautor mit Schreibhemmung und überforderte Jungvater Johannes Vockerat (Marcel Kohler) zu ihm hingezogen.

Künstlerkonversationen am Küchentisch

Was in Gerhart Hauptmanns Konversationsdrama aus dem Künstlermilieu von 1870 einer Frau zufällt, ist in Daniela Löffners zeitgenössischer knapp dreistündiger Fassung ein Mann: Arno Mahr (Enno Trebs), bringt Leben in die festgefahrenen Routinen dieser Einsamen Menschen. Und er ist endlich bei Bootstouren zu zweit auf dem See der erwünschte Ansprechpartner für Johannes.

Dessen ohnehin mit postnatalen Depressionen kämpfende Frau Käthe, die ihr Medizinstudium abgebrochen hat (toll geerdet gespielt: Linn Reusse), fühlt sich zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Während Johannes überfürsorgliche Mutter (auch toll: Judith Hofmann) Anstand und Familienehre gefährdet sieht und darüber hinaus den Zusammenbruch der Hausgemeinschaft.

Die Hausfreundin der Vockerats, bei Hauptmann ein Mann, die burschikose Malerin Sophie Braun (Franziska Machens), eigentlich ganz beseelt von nicht spießigen unkonventionellen Ideen, möchte auch, dass Arno, eigentlich ein Freund von ihr aus Pariser Zeiten, endlich wieder geht.

Es wird gar nicht so viel geredet, wie man es kennt von diesem gerne mal zäh wirkenden Hauptmann-Stück. Also über die liebe Mühe mit der Kunst, die drohende Insolvenz im Hause Vockerat und den möglichen Ausweg: als Lehrer ein Einkommen sichern, oder Würstchenverkäuferin werden, wie Käthe Vockerat allen Ernstes ins Spiel bringt.

Zwar entsteht anfangs der Eindruck, als würden hier alle mit großer Befangenheit agieren und als häuften sich retardierende Momente etwa beim Alltagsgeplänkel am Essenstisch, doch dann zündet mit Macht der Gefühls-Turbo und die Auflösung der überkommenen bürgerlichen Kleinfamilie schreitet voran, ohne dass die Beteiligten fähig wären, mit etwas anderem, Bleibenden, gemeinsam weiterzumachen.

Wahrhaftige Entblößung im homosexuellen Liebesakt

Es dräut schon ganz schön unheilvoll, wenn es bedeutsam von der Decke tröpfelt, dann eine der beiden zentralen schwarzen Treppen durch ein überlaufendes Waschbecken geflutet wird und sich Johannes und Arno schließlich bei Dauerregen aus der Sprinkleranlage anhaltend im schwulen Sex entladen. Müggelsee ick hör dir trapsen!

Doch gerade durch die lange, mutige und durch und durch wahrhaftige Entblößung im homoerotischen Liebesakt gewinnt die neue Lesart. Marcel Kohler und Enno Trebs verkörpern überzeugend aufgestautes Begehren zwischen Anziehung und Abstoßung, während Mutter, Frau und Hausfreundin gewissermaßen auf einer zweiten eigenen Spielfläche mit weißer Treppe (Bühne Wolfgang Menardi) eine im Schrecken erstarrte Zwangsgemeinschaft der Ausgeschlossenen bilden.

Es gelingt textgetreu auch in der modernisierten Fassung nicht, aus der Zweierbeziehung ein Dreierbündnis zu schmieden. Liebe wird weiter exklusiv und konventionell beansprucht und muss deshalb auch hier an allen Fronten scheitern. Am Ende bleibt ein starker Eindruck.

Sendung: Inforadio, 30.10.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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