Opernkritik | "Götterdämmerung" an der Deutschen Oper  - Mord im Foyer

Szene aus der "Goetterdaemmerung" an der Deutschen Oper (Quelle: Deutsche Oper)
Audio: rbbKultur | 18.10.2021 | Maria Ossowski | Bild: Deutsche Oper Berlin

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner endet mit der Götterdämmerung, einem heißen Krimi mit ziemlich viel Mord und Totschlag. 6,5 Stunden hat Maria Ossowski in der Deutschen Oper verbracht.

Böse Buben, bieder und niederträchtig, fiese Verräter, schuldige Opfer, eine betrogene Frau, die vor Rache rast und Götter, die gar nichts mehr auf die Reihe kriegen und zu Recht mit viel Tamtam und Getöse untergehen. Wagners Götterdämmerung sprengt jede Strafprozessordnung mit Vergewaltigung, Betrug, Mobbing, Stalking und Mord. Stefan Herheim, der norwegische Bühnenbildner und Starregisseur, schafft süffige, üppige Bilder zu diesem Leitmotivkrimi.

Ohne Abstand geliebt und gemordet

Kofferberge bilden Burgen und Felsen, ein Flügel in der Mitte taugt gut zum Auf- und Abgang der Helden, Tücher wehen und wedeln, verbergen und enthüllen. Und im nachgebauten Foyer der Deutschen Oper spinnen Statisten ihre Intrigen. Zum Schluss hebt ein Ufo ab in den Weltraum, bevor zu den letzten Klängen eine Putzfrau den ganzen Dreck wegfegt. Das ist kurzweilig erzählt, bunt und über sechs Stunden inklusive zweier langer Pausen ziemlich unterhaltsam. Tiefgang? Eher selten. Dann aber poetisch und feinsinnig, wenn Waltraute ihrer Schwester Brünnhilde sehr dringend rät, diesen verfluchten Ring in den Rhein zu werfen, damit Götter und Menschen endlich mal chillen können. Okka von der Damerau war mit ihrer Erzählung der Star des Abends.

Ebenfalls sehr wunderbar, weil seit vielen Monaten nicht mehr erlebt: der Chor. Wie alle Künstler täglich getestet, konnte er proben und endlich wieder live singen. Denn Corona, den Göttern sei Dank, spielte überhaupt keine Rolle auf der Bühne. Es durfte ohne Abstand geliebt und gemordet werden nach Herzenslust. Nina Stemme sang ihre wirklich extrem schwere Partie der Brünnhilde sehr souverän, so wie auch Clay Hilley seinen Siegfried.

Zu verspielt, zu distanziert

Das Orchester in voller Stärke mit vielen Harfen und noch mehr Hörnern im Graben sowie oben vor den Logen an den Seiten hat Donald Runnicles meisterlich dirigiert, alle Solisten gaben ihr Bestes und dennoch. Dennoch. Es passte etwas Fundamentales nicht so richtig zur ernsthaften Erwartung der Rezensentin. Diese Götterdämmerungsinszenierung ist ein Spiel im Spiel, zu verspielt, zu distanziert, dauernd haut ein Solist imaginär in die Tasten des Flügels, und alles rührt wenig die Seele, alles gerinnt irgendwann zur Persiflage.

Wieso wird der keineswegs leichtgewichtige Siegfried in ein albern-weißes Gladiatorenkostüm gepresst, das ihn aussehen lässt wie ein zu heiß gewaschener Obelix? Warum darf die hübsche Brünnhilde so gar keine Erotik ausstrahlen in ihren aseptischen Klinikhemdchen? Und bitte weshalb müssen die Statisten als Flüchtlinge ständig in weißer Feinrippunterwäsche herumkriechen und tanzen und fuchteln? In dieser Götterdämmerung wird Wagner durch jenen Kakao gezogen, der irgendwann zu dickflüssig schmeckt. Ein bisschen wie lauwarmes Nutella.

Sendung: rbbKultur, 18.10.2021, 7:10 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich fand den Abend sehr gelungen, mit großartigen Sängern und viel Spielfreude im Orchestergraben. Übrigens nur mit zwei Harfen. Und Brünnhildes Kleid erschien mir eher als Brautkleid denn als Klinikhemd konzipiert zu sein, wie unterschiedlich die Interpretationen doch sind! Ein Ufo habe ich nicht gesehen, waren wir in derselben Vorstellung? Dass sich am Ende der ganze gewaltige Trubel in eine leere Probebühne zurückverwandelt fand ich ebenso gelungen wie den warmen Kakao, durch den fast alle Figuren gezogen wurden, insbesondere Siegfried in seinem wahrlich unvorteilhaften Asterix-Gewand über der Obelix-Statur. Eine Götterdämmerung mit Witz, warum denn nicht.
    Ich kann jedem nur empfehlen, sich nach dieser gewaltigen Durststrecke ohne große Oper dieses (Sänger-) Fest nicht entgehen zu lassen, bevor die nächste Welle auch die Opernhäuser wieder überspült.

  2. 1.

    Danke, dann kann ich mir das ersparen und geh in die Staatsoper.

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