Theaterkritik | Neuköllner Oper - Alle Reisen enden am Karl-Marx-Platz

Rita Feldmeier als Gaby während einer Probe für Berlin Karl-Marx-Platz. (Quelle: Martin Müller/Imago Images)
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Audio: Inforadio | 11.10.2021 | Anke Schaefer | Bild: imago images/Martin Müller

Premiere an der Neuköllner Oper: Hakan Savaş hat den dritten Teil seiner Stadt-Trilogie vorgestellt. In dem Singspiel "Berlin Karl-Marx-Platz - Ein Liebeslied" geht es um die großen Träume eines jungen Paares im Nachwende-Berlin der 1990er-Jahre. Von Anke Schaefer

Die alte Geschichte: Boy meets girl. Er heißt Cem. Er ist Moslem, seine Eltern kamen aus der Türkei, sein Vater ist tot, seine Mutter hofft, dass er ein großer Arzt wird und sie beide dann mit dem vielen Geld, das er verdienen wird, wieder in die Heimat gehen werden.

Sie heißt Lisa. Sie ist der "Engel aus Marzahn", sie wurde in der DDR bei der Oma groß, nachdem die Eltern verschwanden, die Oma war Sängerin, Lisa soll auch eine große Sängerin werden, ihr Begrüßungsgeld legte sie nach der Wende für ihre Lederjacke hin.

Cem und Lisa treffen sich, es funkt, sie wird schwanger und sie versuchen zusammen zu leben. Doch das ist so, so schwer, inmitten von so vielen großen Träumen: den Träumen der Oma und der Mama und den eigenen. Regisseur und Filmemacher Hakan Savaş Mican hat diese Geschichte als dritten Teil seiner Stadt-Trilogie geschrieben, Jörg Gollasch hat die Musik dazu komponiert.

Im Hintergrund pulsiert Berlin

Wir sehen die vier Protagonisten, Cem und Lisa und die Mutter und die Oma, wie sie träumen, lieben, kämpfen, zetern, hoffen, trauern. Cem (Hasan H. Tasgin) singt Liebeslieder mit tollen Texten: "Immer wenn ich an dich denk', entwirft mein Herz den Eiffelturm".

Lisa (Alida Stricker) fegt wie ein Derwisch über die Bühne. Sie kriegt zwar das Kind, entwirft dann aber eine Geschäftsidee nach der anderen, macht zu Geld, was ihr in die Finger kommt und will von der Familie später nur noch wenig wissen. Dazu spielt die Band: schmissig und auf den Punkt. Es wird getanzt. Und im Hintergrund pulsiert Berlin.

Hakan Savaş Mican projiziert auf einem Vorhang von weißen Fäden Filmsequenzen, mal von den Protagonisten, mal von Menschen unterwegs auf Berliner Straßen, von Plattenbauten aus der Vogelperspektive, wir sehen den Ku'damm oder stehen plötzlich auf dem Tempelhofer Feld: Die große Freiheit, die Skateboarder und Rollerblader im perfekten Sonnenuntergang.

Lieder, die ans Herz gehen - Figuren, die leben

1990er-Jahre, Frau aus der gerade untergegangenen DDR, Mann mit türkischen Wurzeln - dieses ungleiche Paar hat sich Hakan Savaş Mican gut ausgedacht. Durch diese beiden wird Berlin tatsächlich sichtbar, fühlbar, erlebbar. Seine Liedtexte - er schreibt, er habe sich von Rainer Maria Rilke, Orhan Veli Kanık und Nâzım Hikmet inspirieren lassen - haben Witz und gehen ans Herz, seine Figuren haben Plastizität.

Und es macht nichts, dass auf den Filmbildern der Stadt die Menschen teilweise ganz gegenwärtig mit Masken unterwegs sind: egal. Der erste Teil der Stadttrilogie "Berlin - Oranienplatz" war im August am Gorki Theater zu sehen, der zweite Teil wird im Dezember ebenda zu sehen sein ("Berlin - Kleistpark", wegen Corona kommt Teil 2 nach dem jetzigen Teil 3). Es war ihm aber wichtig, sagt Mican, dass auch die Neuköllner Oper ein Schauplatz seiner Trilogie sei, sie sei doch der perfekte Ort dafür - und das ist sie. In der Karl-Marx-Straße. Alle drei Teile stehen für sich, sagt er.

Träume vergehen - Berlin bleibt

Die große Freiheit, die glorreiche Fahrt in den Sonnenuntergang, die Erfüllung ihrer Träume, bleiben Cem und Lisa versagt. Cem kann seine Graphic-Novell nicht verlegen, Lisa macht keine Karriere als große Sängerin. Die Beziehung scheitert.

Immer wieder gibt es zwar lustige Momente, aber am Ende überwiegt doch die Melancholie. Cem sagt irgendwann zu seiner Mutter, die immer wieder zurück in die Heimat will: "Es gibt kein Ankommen woanders!" In dieser Geschichte enden "alle Reisen am Karl-Marz-Platz", so heißt es im Text. Problem ist: Da will leider niemand sein. Die Träume zerschellen und die Liebe zerbricht: Berlin und die Musik aber bleiben. Ein sehenswerter Abend.

Sendung: Inforadio, 10.10.2021, 06:55 Uhr

Beitrag von Anke Schaefer

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