Theaterkritik | "Letzter Stand" - Radikal junger Volksbühnen-Abend

Volksbühne: "Letzter Stand I: Allos Autos" © Ackermann-Simonow-Kahn
Audio: Inforadio | 21.10.2021 | Ute Bühsing | Bild: Ackermann-Simonow-Kahn

An der Berliner Volksbühne erobert der Nachwuchs aus dem Jugendtheater P 14 das große Haus. Die Uraufführung von "Letzter Stand I – allos autos" ist insgesamt noch ausbaufähig. Von Ute Büsing

Ferngesteuerte Spielzeugautos werden auf der Bühne aneinander gereiht, in Filmbildern stecken Autos im Stau - ihre Insassen sind längst mürbe. Sie brüllen ihren Ekel über die große Leere heraus und füllen sie, akustisch nicht immer gut verständlich, mit Gequatsche über Gott und die Welt. Der Stau als Sinnbild einer Gesellschaft im Stillstand beschäftigt das junge Regie- und Darsteller-Team der Berliner Volksbühne, das hier den Sprung aus den Reihen des Jugendtheaters P 14 aus dem 3. Stock auf die ganz große Volks-Bühne wagt.

Stau auf der südlichen Autobahn

Vorlage für den anderthalbstündigen bunten Dikurs-, Film- und Singing-Songwriting-Abend ist Julio Cortázars Erzählung "Südliche Autobahn" von 1966. Die wurde im Corona-Lockdown allenthalben wieder hervorgeholt, weil der darin beschriebene Megastau für "Nichts geht mehr" steht.

Festgefahrene Wochenendheimkehrer bilden ein fragiles, aber funktionstüchtiges Netz kleiner Gemeinschaften, schwärmen für Nahrung und Wasser aus und bringen sogar die Fahrzeuge Verstorbener die gegebenen Millimeter weiter voran. Ihre eingespielten Wahrnehmungs-Mechanismen sind mit dem Verkehr stecken geblieben, sie müssen sich neu organisieren. Dafür steht hier auch der Untertitel "allos autos", angelehnt an den griechischen Philosophen Aristoteles, "ein Freund ist wie ein anderes Selbst".

Um die Bildung neuer Solidargemeinschaften im Extremfall geht es dann auch an diesem radikal jungen Volksbühnen-Abend. Das Theaterpublikum begegnet neoliberalen Racheengeln im Renault Clio und im Zölibat, einer Jugend ohne Sex, die sich dann doch Eisprünge zunutze machen will und in der Rundumbespielung des großen Hauses Überfälle simuliert.

Immer wieder öffnet sich auf dem mit einem Lärmschutzgitter eingezäunten Autobahngelände ein tiefer Abgrund. Am ehesten geht diese disparate Bebilderung von Sinnleere im Spätkapitalismus mit Friedenstauben und Astralleibern als Talentprobe durch.

Ausbaufähig: Theaterjugend forscht

Denn so sehr er hier auch umzingelt wird: Der Sinn der Veranstaltung will sich nicht so recht erschließen. Die herausgeballerten Diskurs-Versatzstücke erinnern sehr an den neuen Hausherrn René Pollesch und das Acting eben oft an das in Grund-und-Boden-Brüllen früherer Volksbühnen-Jahre.

Im Publikum wird viel gelacht und der Eifer der Akteure beklatscht, die alle aus den Reihen des Jugendtheaters P14 kommen und von den dort ebenfalls geprägten Autorinnen und Regisseurinnen Leonie Jenning (23) und Martha Mechow (25) angeleitet wurden. Als Grand Dame der alten Garde hat Silvia Rieger ein langes Solo an der Notrufsäule und sie darf den Jungen zeigen, wie eine Kalaschnikow abzufeuern ist. Insgesamt: ein Projekt "Theater-Jugend forscht" - das sicher noch ausbaufähig ist.

Sendung: Inforadio, 21.10.2021, 7:10 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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